Stand: 07.06.2017 14:30 Uhr

Zwischen Apfelbäumen und Lebensträumen

Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes
, Regie: Julian Radlmaier
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Davon kann man als junger Filmemacher nur träumen: Man dreht seinen Abschlussfilm an der Berliner Filmhochschule DFFB. Der Film wird auf der Berlinale gezeigt, zum Geheimtipp und Publikumshit. So widerfuhr es Julian Radlmaier mit seinem Film "Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes".

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Nach seinem Abschluss lebt Filmemacher Radlmaier von Hartz IV und Gelegenheitsjobs.

Was ist der Kommunismus? Eine Theorie? Eine Lebensform? Ein historisches Desaster? Eine Utopie? Julian Radlmaiers Film springt mitten hinein in diese Fragen. Auf heiter-absurde Weise erzählt der Filmemacher von sich selbst, von einem arbeitslosen Jungregisseur, der gerade seinen Abschluss an der Filmhochschule gemacht hat. Von der Suche nach einem Thema, nach Geld, nach Sinn. So spaziert er durch Berlin, spricht über kommunistische Filmideen, will letztlich lieber flirten, was im Desaster endet.

Auf der Suche nach Lebenssinn und Filmidee

Unser junger Regisseur stellt fest: Der Kapitalismus und seine Geisteshaltung haben die Berliner Künstlerwelt fest im Griff. Hier herrscht der Zwang zu Selbstoptimierung und Konkurrenz. Ein Filmemacher, der verheimlichen will, dass er von Hartz IV lebt, hat es auf Partys jedenfalls nicht leicht.

Julian begegnet der jungen ätherischen Kanadierin Camille. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Sie scheint ihn zunächst zu ignorieren. Wohl um sie zu beeindrucken, bietet er ihr eine Rolle an. Das Problem ist der vom Jobcenter aufgebrummte Ernteeinsatz in Brandenburg.

Ernteeinsatz getarnt als Rechercheprojekt

Ein Fluch oder vielleicht doch ein Weg zum nächsten Projekt? Julian tarnt den Einsatz auf der Apfelplantage namens Oklahoma als Recherche. In Gestalt der Betreiberin Frau Gottfried gibt es auch Material für einen antikapitalistischen Film.

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Jeder Moment der Unaufmerksamkeit wird von anderen Apfelpflückern ausgenutzt.

Die Plantage wird zum Versuchslabor, zur heiter ausgepinselten Metapher für das, was in unserer profitgierigen Welt so vor sich geht. Apfelpflücker aller Länder versuchen sich in ihrer Leistung zu übertrumpfen. Klauen sich gegenseitig die Früchte aus dem Korb. Belauern einander.

Indessen entwickelt der Film eine schöne Poesie. Zwischen tiefblauen Mondnächten und sommerlichen Tagen führt Julian seine Flirtoffensive fort. Mit unbefriedigendem Ergebnis.

Absurde Komödie mit verpatzter Romanze

Mit verhaltenem Slapstickhumor setzt Julian Radlmaier seine Figuren in Szene - und sich selbst als linkischen Galan, der immer das richtige Timing verpasst. Der immer die falschen Worte findet. Oder den falschen Platz. Etwa diesen idyllischen Picknickort mit der Angebeteten an einem eigentlich abgesperrten See.

Schwer zu sagen, was dieser Film eigentlich ist. Eine absurde Komödie? Eine Parabel? Eine verquere Romanze? Ein moderner Sommernachtstraum? Ganz sicher ist er ein einzigartiges Gebilde. Ebenso sicher heißt er Ideen willkommen, die scheinbar aus der Mode gekommen sind, aber nichts an ihrer Relevanz verloren haben.

Wenn der Kommunismus aus der Wirklichkeit vertrieben wurde, muss ihm die Kunst eine Heimat geben. Das scheint sich Julian Radlmaier zu sagen. Auf seiner Apfelplantage werden weitere lustige und dramatische Dinge geschehen und zumindest in seinem Film scheint die Weltrevolution für einen kurzen, großen Augenblick zum Greifen nahe zu sein.

Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes

Genre:
Komödie
Produktionsjahr:
2017
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
mit Julian Radlmaier, Deragh Campbell, Beniamin Forti
Regie:
Julian Radlmaier
Länge:
104 Min.
FSK:
FSK ohne Altersbeschränkung
Kinostart:
8. Juni 2017

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 08.06.2017 | 07:20 Uhr

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