Stand: 02.09.2020 06:00 Uhr

Beklemmendes Drama um Schuld mit Sandrine Bonnaire

von Walli Müller

Dass ein Kind vermisst wird, ist in vielen Krimis der Ausgangspunkt. Fieberhaft sieht man die Polizei dann nach möglichen Tätern und Motiven suchen - und alle sind grundsätzlich verdächtig. Aus einer ganz anderen, ungewöhnlichen Perspektive erzählt so ein Drama der französische Film "Drei Tage und ein Leben". Krimi-Autor Pierre Lemaitre hat sein eigenes Buch in ein Drehbuch verwandelt.

Drei Jahre nach der Affäre Dutroux ist wieder ein Kind verschwunden in Olly, einer Gemeinde in den belgischen Ardennen. Es handelt sich um Rémy Desmedt. Er ist 6 1/2 Jahre alt. Es wird in alle Richtungen ermittelt."

Filmdrama nach einem Krimi von Pierre Lemaitre

Ein Dorf sucht ein verschwundenes Kind. Nur einer weiß, was passiert ist. Das weiß auch das Publikum, weil es die Geschehnisse der vergangenen drei Tage verfolgen konnte - aus der Sicht des zwölfjährigen Antoine. Er ist der Protagonist des Films, wohnt allein mit seiner Mutter in einem idyllischen Dorf in Belgien.

Weihnachten steht vor der Tür; die Kinder haben Ferien und Antoine viel Zeit, um mit den Nachbarskindern - Rémy und Emilie - durch die Gegend zu ziehen.

Man sieht, wie Antoines Augen leuchten, wenn er Rémys große Schwester anschaut. Er ist verliebt und will ihr unbedingt die geheime Hütte im Wald zeigen, die er aus Ästen gebaut hat. Doch später am Tag sieht er, wie Emilie einen anderen Jungen küsst. Er ist so wütend und abgelenkt, dass ihm Rémys Hund vor ein Auto läuft und erschossen werden muss.

Eine toxische Mischung aus Wut, Verzweiflung und Schuldgefühlen überwältigt nun den Zwölfjährigen. Einen Tag später ist Rémy verschwunden.

Antoine verschweigt, was er über Rémys Verschwinden weiß

Die Frage in diesem Krimi-Drama ist nicht, was passiert ist. Das hat man mit angesehen. Spannend ist, wie Antoine nun mit seinem Wissen umgeht. Aus einem Reflex heraus gibt er sich ahnungslos und genauso besorgt um Rémy wie alle anderen.

Die falschen Verdächtigungen, denen diverse Männer aus dem Dorf sich nun ausgesetzt sehen, sind nur ein Rand-Aspekt des Dramas. Im Zentrum steht der Gewissenskonflikt des zwölfjährigen Jungen. Er allein kennt die Wahrheit. Aber je mehr Zeit verstreicht, desto unmöglicher wird es, sie zu sagen.

Es wird überhaupt viel geschwiegen und verschwiegen in diesem Film. Ängste, unterdrückte und verdrängte Gefühle sind den Gesichtern des starken Darsteller-Ensembles abzulesen. Noch 15 Jahre später - Antoine hat inzwischen in Paris studiert und ist zu Besuch in der Heimat - steht das Geheimnis zwischen ihm und seiner Mutter.

Der Film überzeugt mit raffinierter Erzählperspektive

Die Wirkung dieses Films hat viel mit der Erzählperspektive zu tun. Sie ist raffiniert und zugleich sehr beklemmend, weil sie dem Publikum die Mitwisserschaft aufzwingt. Mit Antoine ist man hier gefangen in einem moralischen Dilemma: Ist es besser, spät als nie die Wahrheit zu sagen? Oder kann Schweigen manchmal vielleicht sogar richtiger, gnädiger sein?

"Drei Tage und ein Leben" ist kein Effekt-heischender Krimi, sondern eine leise, tiefgründige Studie menschlicher Verhaltensmuster und als solche sehr sehenswert.

Drei Tage und ein Leben

Produktionsjahr:
2019
Produktionsland:
Frankreich
Zusatzinfo:
Mit Sandrine Bonnaire, Pablo Pauli, Charles Berling
Regie:
Nicolas Boukhrief
Länge:
120 Minuten
FSK:
ab 12
Kinostart:
3. September 2020

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 02.09.2020 | 07:55 Uhr

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