die isländische Komponistin Hildur Guðnadóttir ("Joker") bei einem Gespräch der 70. Berlinale 2020 © IMAGO / Seeliger

Filmkomponistinnen: Eine Generation im Kommen

Stand: 03.02.2021 12:01 Uhr

Bislang wurde der Oscar für die beste Filmmusik in 92 Jahren nur vier Mal an eine Frau vergeben. Doch Filmkomponistinnen werden präsenter. Zuletzt etwa die Isländerin Hildur Guðnadóttir mit ihrem Score für "Joker".

die isländische Komponistin Hildur Guðnadóttir ("Joker") bei einem Gespräch der 70. Berlinale 2020 © IMAGO / Seeliger
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von Walli Müller

John Williams, Ennio Morricone, Hans Zimmer - das sind wohl die bekanntesten Filmkomponisten. Die Filmkomposition war bisher fast eine reine Männerdomäne. In 92 Jahren wurde der Oscar für die beste Filmmusik ganze vier Mal an eine Frau vergeben. Und auf der Wikipedia-Liste bekannter Filmkomponisten finden sich unter 464 Namen gerade mal zehn weibliche. Nun aber werden Filmkomponistinnen langsam hörbarer.

Preisregen für Hildur Guðnadóttirs Score von "Joker"

Tiefe Cello-Klänge zu Pauken-Schlägen - niemals hätte der "Joker" mit Joaquin Phoenix eine solche Wirkung entfalten können, ohne den genialen Soundtrack der Isländerin Hildur Gudnadottir, die folgerichtig 2020 einen Golden Globe und einen Oscar für die beste Filmmusik bekam. Falls also noch irgendjemand einen Beweis dafür brauchte, dass Frauen für Filme komponieren können sie hat ihn eindrucksvoll erbracht und in ihrer Dankesrede quasi zum Sturm auf die Männerbastion geblasen.

Oscar für Filmmusik von "Joker" eine Kehrtwende?

Alle Mädchen und Frauen, die Musik in sich sprudeln hören, mögen ihre Stimme erheben, ruft Guðnadóttir in ihrer Rede. Tatsächlich könnte dieser Oscar eine Kehrtwende einleiten. Denn es gibt längst zahlreiche Filmkomponistinnen, sie waren bisher nur kaum hörbar. Die Wienerin Iva Zabkar etwa, die sich lange selbst für eine Einzelkämpferin hielt. Weibliche Vorbilder fehlten völlig, Kolleginnen kannte sie nicht. "Ich habe auch in der Schule schon Klavier gelernt. Für mich war das selbstverständlich, dass da überall männliche Namen sind und männliche Komponisten. Ich habe das nicht einmal hinterfragt, ob das irgendwie komisch ist, sondern es war einfach so." erzählt Iva Zabkar.

Als Zabkar Medienkomposition studierte, hatte sie durchaus Kommilitoninnen. Nur fanden die meisten dann nie den Einstieg in die Filmbranche. Sie selbst habe Glück gehabt; einen Regisseur gefunden, der sie wiederholt engagierte - zum Beispiel für die Musik zu seinen Tatorten. Zabkar kann aber auch Komödie.

Elf Frauen im Female Composers Collective Track 15

Bei der Kino-Satire "Womit haben wir das verdient" führte, wie bei vielen von Zabkars Projekten in jüngster Zeit, eine Frau Regie. Seit zwei, drei Jahren spüre sie eine Veränderung, sagt sie. Es gibt nun Veranstaltungen mit dem erklärten Ziel, weibliche Filmschaffende zu vernetzen. So kam auch Iva Zabkar endlich in Kontakt mit anderen Filmkomponistinnen.

Mit zehn weiteren Filmkomponistinnen hat sie das "Track 15 - Female Composers Collective" gegründet. Kennengelernt haben sie sich bei der Soundtrack Cologne. "Das war damals ein Workshop-Angebot für Frauen im Filmmusik-Bereich oder im Medien-Bereich. Und das war so inspirierend, und wir haben uns so gut verstanden, dass wir einfach in Kontakt geblieben sind." Sie hätten sich damals ein bisschen gewundert "dass wir eigentlich 'so viele' sind. Das hat sich so angefühlt."

Mit ihrem Netzwerk können die Komponistinnen nun viel besser auf sich aufmerksam machen - aktuell beim Sundance Filmfestival, bei dem sie online eine akustische Werkschau zeigen dürfen. Und sie haben nun auch immer Fachfrauen zur Seite. "Man kann sich Feedback geben, man kann Sachen nachfragen. Man kann zusammen Projekte machen. Und wir sagen immer, hey, tut's Euch zusammen! Es ist viel leichter, wenn man das in der Gruppe macht."

Dascha Dauenhauer erhielt Filmpreis für "Berlin Alexanderplatz"

Jahrzehntelang waren erfolgreiche Filmkomponistinnen nur Einzel-Phänomene - wie die Britin Rachel Portman oder die Deutsche Annette Focks. Nun aber ist die nächste Generation gut ausgebildeter Komponistinnen da - und wird langsam auch wahrgenommen. Dascha Dauenhauer, 31 Jahre alt, bekam vor kurzem den Europäischen Filmpreis für ihren Soundtrack zu "Berlin Alexanderplatz".

Bis es einen weiblichen John Williams gibt, mögen noch ein paar Jahre vergehen. Einige Namen aber kann man sich ruhig jetzt schon merken - samt ihrer musikalischen Handschrift. Zum Beispiel: Franziska Pohlmann, Hanna Sophie Lüke, Natalie Hausmann, Tina Pepper und Doro Bohr.

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