Stand: 22.11.2017 16:39 Uhr

Akin: "Auf Erfahrung kannst du dich verlassen"

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Der 44-jährige Fatih Akin feiert mit Hollywoodstar Diane Kruger Deutschlandpremiere von "Aus dem Nichts" in Hamburg.

Viel Lob und Anerkennung erntet der Hamburger Drehbuchautor und Regisseur Fatih Akin mit seinem in Hamburg gedrehten Film "Aus dem Nichts". Die Mischung aus Rachedrama und Gerichts-Thriller lief mit Erfolg beim Filmfestival Cannes, Hauptdarstellerin Diane Kruger bekam die Palme als beste Schauspielerin, der Film ist Deutschlands Oscar-Kandidat, Kruger und Akin erhielten einen Sonder-Bambi. Beide haben sich zudem in das Goldene Buch der Stadt Hamburg eingetragen.

Am Dienstag feierte Akins Film Deutschlandpremiere. Es war sein Abend. Fröhlich, entspannt und locker rief er auf dem roten Teppich: "Ich kenn' hier jeden!" - was stimmt. Ein gelungenes Heimspiel. Vor der Premiere sprach Fatih Akin mit NDR.de über seine Motivation für diesen Film, über seine Hauptdarstellerin Diane Kruger, über Erfahrung - und seine Oscar-Chancen.

"Aus dem Nichts" handelt von einer Mutter, die bei einem rechtsradikalen Anschlag ihren Mann und ihren Sohn verliert. Sie haben in vielen Interviews gesagt, dass die NSU-Opfer ein zweites Mal zum Opfer wurden, weil sie wegen ihrer Nationalität verdächtigt wurden. Seit wann beschäftigt Sie das Thema Rechtsradikalismus?

Fatih Akin: Das Thema Rechtsradikalismus war mir wichtig seit 1992, 1993. Seit Mölln und Solingen schon. Als ich noch in der Schule war, habe ich dazu den ersten Drehbuchentwurf geschrieben. Aber gut Ding will Weile haben.

 

Sie haben von Anfang an auf die Hollywoodschauspielerin Diane Kruger gesetzt: Nur sie hat Ihr Drehbuch für die Rolle der Katja bekommen. Wann haben Sie gewusst, dass sie die Richtige ist?

Akin: Ab dem Moment, wo ich die Idee hatte, sie könnte das sein, und ich ihr das Drehbuch geschickt habe. Dann hat sie gesagt, sie findet es toll, sie will es machen - da war es schon so. Auch wenn mein Verstand gesagt, "Nein, caste noch andere Leute!", waren mein Gefühl und Instinkt schon längst bei Diane.

Sie hatten wegen dieses Filmes eine Wette abgeschlossen, dass sie sich ein Tattoo machen lässt. Wie kam diese zustande?

Akin: Sie hat gesagt, dass sie sich ein Tattoo macht, wenn der Film nach Cannes eingeladen wird. Einen Anker. In Hamburg. Jetzt hat sie einen Anker.

Im Gespräch mit NDR.de hat sie gesagt, sie sei eigentlich zu alt für das Tattoo, das sie nun am Knöchel trägt, hat es aber dennoch gemacht ...

Akin: Sie ist Deutsche. Sie zahlt ihre Wettschulden. Die eiert nicht rum.

In der "Süddeutschen Zeitung" ist ein Auszug aus dem Drehbuch zu "Aus dem Nichts" abgebildet. Es zeigt eine emotionale Szene aus dem Gerichtssaal, in der der Anwalt der NSU-Attentäter auf Katja Druck ausübt. Darauf sind Ihre handschriftlichen Notizen zu sehen. Dabei sind Ziffern wie "2:1" zu lesen. Was haben Sie damit gemeint?

Akin: An dem Drehtag dieser Drehbuchseite haben wir 25 Einstellungen gemacht. Hier, neben den Ziffern "2:1" steht: "Katja atmet tief durch, es fällt ihr schwer, das anzunehmen. Doch schließlich nickt sie." Das heißt: Die Gegenseite hat ein Tor gemacht. Zwei ist Katjas Seite, Katja und ihr Anwalt, Eins sind die Nazis. Um die Gerichtsszene spannend zu machen, habe ich versucht, das wie ein Fußballspiel aufzuziehen, wie so ein Elfmeterschießen im Film zu gestalten. Ich musste mir an die Seite des Drehbuchs anschreiben, wann wer ein "Tor" macht. Damit man das im Schauspiel oder mit der Kamera unterstreichen kann.

Kruger erhält international viel Anerkennung. Das ist etwas, das Sie auszeichnet: Sie haben über Jahrzehnte als Autor, Produzent und Regisseur stets Talente erkannt und gefördert, etwa Sibel Kekilli, Mehmet Kurtulus,Fahri Yardim, Özgür Yildirim, um nur einige zu nennen. Als was sehen Sie sich - als Mentor?

Akin: Das sind alles talentierte Leute. Wenn man Filmemacher ist und eine Firma hat, ist so eine Firma wie ein Bahnhof. Da fahren Leute durch, kommen an, steigen aus und fahren wieder ab. So bin ich eben. Was das betrifft, bin ich eigentlich ein Bahnhof.

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Ihr Kinodebüt "Kurz und schmerzlos" ist zwei Jahrzehnte her. Wie blicken Sie auf diese ganze Zeit zurück?

Akin: Ich bin froh, dass ich auf eine gewisse Weise so ein Old-School bin (lacht). Das finde ich gut. Ich habe noch die ersten Filme am Tisch geschnitten. Bis zum Film "Im Juli" - also mit meinem Cutter Andrew Bird, ich sitze immer daneben. Ich habe Aufs und Abs erlebt, Trends erlebt, Krisen erlebt, wahnsinnige Erfolge gehabt, Niederlagen gehabt. Niederlagen gehören nun mal zum Leben. Man kann daraus Kraft schöpfen. Solche Sprüche wie 'Was dich nicht umhaut, macht dich stärker' - das stimmt. Ich habe es geschafft, in 20 Jahren Filme zu machen. Ich habe überlebt. Das Beste, was du erreichen kannst, das Wertvollste, ist Erfahrung. Erfahrung ist das, worauf du dich immer verlassen kannst. Davon habe ich viel.

Viele der Hamburger Orte, an denen Sie in diesen Jahrzehnten gedreht haben, sind verschwunden oder vom Abriss bedroht. Der Mandarin-Club, das Frappant, wo heute IKEA steht, die Astra Stube. Ist das ein typisches Hamburger Problem?

Akin: Ja, das ist ein Hamburger Phänomen. Wir sind so schlecht darin, unsere eigene Stadt zu schützen. Die hätten fast das Gängeviertel abgerissen. Das muss man sich mal vorstellen: das Gängeviertel! Warum können wir nicht sein wie Paris, Rom oder Kopenhagen? Städte, die ihr Altes bewahren und schützen? Ich drehe gerade Heinz Strunks "Der Goldene Handschuh". Bei meiner Recherche habe ich entdeckt, dass man in den Siebzigerjahren eine Autobahnzufahrt quer durch Ottensen bauen wollte! Man wollte Ottensen abreißen, um eine Autobahnzufahrt hinzubauen und dort eine Art City-Nord zu bauen. Dieser Geist herrscht immer noch. Dieser praktische Gedanke, alles abzureißen, neu zu bauen!

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Sie sind seit diesem Sommer selbst ein Mitglied der Oscar-Academy. Wann haben Sie davon erfahren und was beinhaltet die Arbeit?

Akin: Ich habe das in der Zeitung gelesen. Ich schwöre, ich wusste das gar nicht. Irgendjemand hat mich angerufen, "Hey, du bist in der Academy, herzlichen Glückwunsch!" (lacht) und ich fragte: "Woher weißt du das denn?" Das stand in der Zeitung. So habe ich das erfahren. Das offizielle Schreiben kam hinterher. Ich habe mich für die Kategorien "Beste Regie" und "Bester Film" gemeldet. Jetzt kriege ich die ganzen Filme zugeschickt.

Wie realistisch schätzen Sie die Chancen ein, dass am 23. Januar "Aus dem Nichts" für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert wird?

Akin: Ach, wir werden sehen. Das ist das Seltsame in den USA, das alles möglich ist. Dann kann sich irgendwie eine Stimmung wandeln. Letztes Jahr war der Favorit "Toni Erdmann" und plötzlich durften einige Moslems nicht mehr in die USA einreisen und dann kriegte der Beitrag aus dem Iran "The Salesman" den Oscar.

Sie waren bereits in Los Angeles, um "Aus dem Nichts" vorzustellen. Wie erleben Sie den ganzen Rummel um den Film?

Akin: Wie ein Computerspiel. Immer: nächstes Level, nächstes Level. Punkte machen, Sachen abschießen. Interviews abschießen. Wenn du genug an Interviews abgeschossen hast, kommst du ein Level weiter.

Stichwort nächstes Level: Diane Kruger und Sie haben schon angekündigt, künftig weiter zusammenarbeiten. Woran?

Akin: Wir arbeiten an einem Sechsteiler über Marlene Dietrich, der in den Jahren zwischen 1933 und 1945 handelt, also, Marlene und die Nazis. Das Drehbuch schreibe ich aber nicht selber, weil das auf Englisch, Deutsch und Französisch gedreht wird. Marlene war viel an der Front. Ich weiß nicht, wie US-Soldaten auf Englisch im Zweiten Weltkrieg miteinander gesprochen haben.

Das Interview führte Patricia Batlle.

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