Sendedatum: 18.09.2011 17:20 Uhr  | Archiv

Schicksale des Klimawandels

Schicksale des Klimawandels
von Mathias  Braschler und Monika Fischer
Vorgestellt von Eva-Maria Lemke

Was macht ein Fotograf, der den Klimawandel ablichten will? Eins steht fest: Die Motivsuche wird zu einer fotojournalistischen Weltreise. Monika Fischer und Mathias Braschler aus der Schweiz haben sie unternommen: Neun Monate reisten Sie zu Menschen, die die Erderwärmung schon heute erleben. Ihren Fotoband "Schicksale des Klimawandels" stellt Eva-Maria Lemke vor.

Gouro Modi aus Mali: "Ich bin müde, sehr müde. Wir müssen so weit laufen, bis wir Wasser finden. Ich habe Angst. Alle Kuhhirten haben Angst."

Antonio Esposito aus Italien: "Ich bin kein Wissenschaftler, sondern nur ein Bauer, aber wir haben ein Gespür für das Wetter. Die Jahreszeiten sind durcheinandergeraten."

Phuntsok Amgmo aus Indien: "Ich habe in meinem Leben schon drei Überschwemmungen erlebt. Es macht mich traurig, wenn ich die Stelle besuche, wo einmal mein Haus stand. Bis auf einen Aprikosenbaum ist nichts mehr übrig."

Der Wandel ist angekommen

Es sind Geschichten aus der Jetzt-Zeit der Klimaerwärmung von sehr unmittelbar Betroffenen; Mathias Braschler und Monika Fischer haben sie gesammelt. Ihr kommentierter Bildband "Schicksale des Klimawandels" ist Porträtreihe und Appell: Seht her! Es geschieht. Schon heute.

Monika Fischer: "Eigentlich geben wir diesen Leuten, die wir porträtieren, eine Stimme. Das soll wirken. Die können nicht zu uns reisen, zu den Konferenzen, um zu erzählen, was ihnen passiert ist. Unsere Idee war, dorthin zu gehen wo es passiert, die Leute zu porträtieren und wenn möglich auch im Bild zu zeigen was passiert ist."

 

Bilder mit Vorgeschichte

"Was passiert ist", spielt sich meist im Hintergrund der Fotografien ab: Die Porträts entstanden vor überfluteten Feldern, vom Sturm zusammengefalteten Häusern, Seen, die zu Salzlachen vertrockneten.

Dabei wirken die Porträtierten nie mitleiderregend. Eher wie Hochglanzmodelle: Sorgfältig ausgeleuchtet, heroisch inszeniert. Darf man diese Schicksale so schön zeigen? Man muss sogar, findet der Fotograf.

Mathias Braschler: "Diese Ästhetik, dieser Stil, der auch unsere Arbeit prägt, ist auch eine Art, wie man ein großes Publikum erreichen kann. Weil die heutigen Magazine eigentlich nicht mehr die klassische Reportage wollen, wo das halbtote Kind daliegt. Durch die Art Fotografie, die wir betreiben, haben wir die Möglichkeit, dass "Stern" und "Vanity Fair", 10 bis 20 Seiten machen. Das wird angeschaut - und es ist ein Thema."

Konsequenzen sind menschliche Tragödie

Die Geschichten, die die Bilder in "Schicksale des Klimawandels" begleiten, sind knapp gehalten. Einige der Porträtierten berichten nur in einem Satz von ihrer Not. Doch die wenigen Worte sind umso eindrucksvoller. Man begreift: Der Klimawandel ist kein wissenschaftliches Schauermärchen, sondern längst Realität. Keine Natur-Katastrophe, sondern eine menschliche Tragödie.

Wainee Manuam aus Thailand: "Wenn dieser Ort untergeht, werde ich wegziehen müssen, aber ich weiß nicht, wohin."

Azizul Islam aus Bangladesh: "Heute gibt es kein Vieh, kein Gras, keine Bäume mehr. Das kommt daher, dass das Meerwasser das Land überschwemmt."

Grant Kashatok aus Alaska: "Wir leben hier seit Tausenden von Jahren - es ist die einzige Umgebung, die wir Yupik kennen. Nun schmilzt das Eis, die Stürme werden heftiger, wir sollen umgesiedelt werden. Doch woanders wären wir keine Yupik mehr."

Fünf vor Zwölf

"Wir wollten mit diesem Buch, mit dieser Arbeit zeigen, dass es uns Menschen betrifft - es geht um uns. Wir zerstören da ganz viele unserer Lebensräume", sagt Mathias Braschler. Monika Fischer: "Wir sind schon so weit, dass es sehr viele Leute existenziell betrifft. Und sobald es die Städter erreicht und die Leute, die das Sagen haben auch betrifft, wird es zu spät sein. Dann ist es nicht mehr aufzuhalten."

Der Band "Schicksale des Klimawandels" versammelt die erste Generation, die direkt vom Klimawandel betroffen ist in einem Fotoband. Das Buch macht es einem leicht, ihnen nahe zu kommen. Mit hyperrealistischen Bildern, mit messerscharfen Statements. Mit Belegen dafür, dass sich unser Klima verändert - langsam, aber sicher.

Schicksale des Klimawandels

von
Seitenzahl:
144 Seiten
Genre:
Bildband, Sachbuch
Verlag:
Hatje Cantz, 144 Seiten
Bestellnummer:
978-3775728065
Preis:
29,80 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 18.09.2011 | 17:20 Uhr

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