Sendedatum: 20.02.2011 17:20 Uhr  | Archiv

Las Vegas - Venedig

Las Vegas / Venedig
von MacLean, Alex
Vorgestellt von Martina Kothe

2009 hat der amerikanische Fotograf Alex Mac Lean für sein Buch "Over - The American Way of Life oder das Ende der Landschaft" den Corine-Buchpreis erhalten. In seinem neuen Projekt hat sich der stets aus der Luft fotografierende Künstler zwei Städte vorgenommen: Las Vegas und Venedig. Seine Ansichten zeigt das bei Schirmer und Mosel erschienene Buch " Las Vegas Venedig - Fragile Mythen". Martina Kothe hat es sich angesehen.

Ein Vergleich der beiden Städte scheint undenkbar - steht doch Las Vegas wie keine andere Stadt für die Kopie, das Plagiat, die Vorgaukelung, dagegen ist Venedig der Ort der Romantiker, die an jeder Ecke, auf jeder Brücke, Geschichte inhalieren - was sicher auch zur Verklärung der Lagunenstadt beiträgt. Eines haben allerdings beide Städte ganz offenkundig gemeinsam: Sie sind Orte des Massentourismus.

Organische Strukturen des Künstlichen

Wochenlang flog der studierte Architekt Alex MacLean über die Wüste rund um Las Vegas - über die Lagune von Venedig. Seine Luftbilder zeigen durch die ihnen typische Entfernung von den Objekten, welche mitunter überraschend schöne oder auch unvermutet organische Strukturen der Mensch seiner Umwelt gibt.

Des Menschen Wunsch nach Behausung könnte man diesen Bildband auch untertiteln, werden doch die unglaublichsten Siedlungskonzepte zum Sinnbild für eine Gesellschaft, die sich ganz ins Künstliche zurückzieht, die ihre eigenen Instinkte nach Kommunikation verleugnet und sich auch der feindlichen Natur um sie herum, durch technische Mittel entzieht.

Über-Lebensräume

MacLeans besonderes Interesse galt immer dem Wandel der Landschaft, den sich verändernden Lebensbedingungen der Menschen auf dem Land und in der Stadt, der vor allem aus der Luft sichtbaren Umweltzerstörung.

Kaum eine andere Stadt als Las Vegas zeigt deutlicher den Willen des Menschen sich in unwirtlichen Landschaften anzusiedeln. Doch das Leben in der Wüste verschlingt Ressourcen. So beginnt MacLean seine fotografische Reise am Lake Mead. Der vom Colorado River gespeiste See ist die Wasserquelle der glitzernden Stadt, sein Wasserspiegel sank seit dem Jahr 2000 um ganze 30 Meter. "Badewannenrand" betitelt MacLean das weiße Band, das sich am Ufer entlang um den ganzen See schlängelt und das den Wasserstand vor zehn Jahren markiert.

Geordnete Trostlosigkeit und organisches Chaos

Besonders einprägsam sind die Aufnahmen der trostlosen Neubausiedlungen, der Vororte von Las Vegas. Ein pastellfarbenes mal bläulich, mal rotbräunlich schimmerndes Dach steht neben dem anderen, darunter die immer gleichen weiß getünchten Häuser. Vorne die Garage, ein kleiner Vorplatz, nach hinten hinaus mit Blick auf alle Nachbarn ringsum: die überdachte Terrasse.

Das "unbelebte" ist diesen Siedlungen deutlich anzusehen, was wohl auch an der - besonders aus der Luft - schwer nachzuvollziehenden Straßenführung liegt.

Die ist, das kennt jeder, der schon einmal versuchte sich in Venedig auf den Orientierungssinn und eben nicht auf eine Karte zu verlassen, in der Lagunenstadt nicht eben logischer. Aber, das zeigt sich an den Luftbildern von Alex MacLean, das venezianische Gassengewirr entspringt einem organischen Chaos, einer gewachsenen Willkür - nicht einer am Entwurfstisch erdachten Strategie.

Amerikanische Träume

Die Erbauer von Las Vegas haben Kopien der bekanntesten Gebäude der Lagunenstadt mitten in der Wüste nachgebaut. So eröffnet einem das Buch die Möglichkeit Original und Fälschung direkt miteinander zu vergleichen: die Rialtobrücke als Fußgängerüberweg vor der Zufahrt zum Hotel Venetian Las Vegas und das den Canale Grande überspannende Original, der Dogenpalast, der Markusplatz.

Ist es eine rein europäische Empfindung oder vielleicht doch ein Urinstinkt, dass von den Bildern des glitzernden Plagiats Vegas, von den ungemein trostlosen, am Reißbrett konstruierten Vororten, eine Art unwirklicher, dennoch faszinierender Schrecken ausgeht, man jedoch im Gegenzug bei den Luftbildern von Venedig fast heimatliche Gefühle hat? Artifiziell sind beide Städte darauf weist der Hamburger Professor für Kunstgeschichte, Wolfgang Kemp in seinem ausführlichen Vorwort hin.

Im Meer und im Lichtermeer

"Beide Städte, die Wasserstadt und die Wüstenstadt, sind (...) extreme Städte", sagt Kemp,"und als solche sind sie auf ihr Umfeld angewiesen wie keine anderen urbanen Strukturen. Und so wie Venedig vom Wasser abhängig ist, so ist es auch Las Vegas. Nur dass Venedig die Gefahr von zu viel Wasser und Las Vegas die von zu wenig Wasser droht. Venedig sei die vom Meer bedrohte Stadt, heißt es in der Literatur. Las Vegas könnte man die von der Wüste bedrohte Stadt nennen. (...) Beide Gebilde sind extrem künstlich und vom Menschen modelliert."

Dieser Künstlichkeit kann man sich nicht entziehen, dennoch sind dem europäischen Betrachter die quietschbunten Häuser der Insel Burano einfach näher, als das - zugegeben - imponierendere Lichtermeer der Casinos und Hotels in Las Vegas.

Las Vegas / Venedig

von
Seitenzahl:
192 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Schirmer und Mosel, 192 Seiten
Bestellnummer:
9783829605045
Preis:
49,80 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 20.02.2011 | 17:20 Uhr

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