Stand: 05.09.2016 00:01 Uhr

NDR Buch des Monats: "Onno Viets und der weiße Hirsch"

Onno Viets und der weiße Hirsch
von Frank Schulz
Vorgestellt von Joachim Dicks
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Frank Schulz, Jahrgang 1957, lebt als freier Schriftsteller in Hamburg. Er hat eine begeisterte Fangemeinde.

Die Zahl "3" scheint es dem Schriftsteller Frank Schulz angetan zu haben. Nach seiner Hagener Trilogie über den Langzeitstudenten Bodo Morten hat er nun auch seine "Onno Viets"-Trilogie über den selbst ernannten Hamburger Privatdetektiv mit ländlicher Herkunft abgeschlossen. Der dritte Band, der interessanterweise nach dem ersten, aber vor dem dritten Fall spielt, ist unser NDR Buch des Monats September. In "Onno Viets und der weiße Hirsch" beweist Frank Schulz einmal mehr, dass er ein genialer Schriftsteller ist.

Erholung bei den Schwiegereltern auf dem Land

Alles wie immer und doch alles anders. Onno Viets, der Mittfünfziger, Ex-Kneipenwächter, Ex-Kioskbesitzer, Ex-Journalist, also Ex-Perte fürs Scheitern auf allen Ebenen, hat von seinem ersten Fall ein PTBS, ein Posttraumatisches Belastungssyndrom davongetragen. Sein anderer Fall "Onno Viets und das Schiff der baumelnden Seelen" liegt noch in der Zukunft. Im Frühjahr 2008 zieht er sich zunächst aus Hamburg nach Finkloch zurück, um bei seinen Schwiegereltern wieder zu Kräften zu kommen. Schwiegervater Henry Baensch feiert seinen 70. Geburtstag. Knut Wiesemann, ein alter Freund der Familie, hält eine Geburtstagsrede.

"Unmerkliches ging vor sich mit den Baenschs, wie sie da so saßen, während Knut Henrys Verdienste als Bürgermeister von 1978 bis 82 würdigte, seine Initiative und Gründungsmitwirkung in puncto Schützen-, Sport- und Heimatverein, bei der Gruppe der Jagdhornbläser, bei den Finklocher Finken, bei den Finklocher Dörpsmus'kanten; seine zusätzlichen Talente als Hochsitzkanzel-Ingenieur und -Zimmerer - während dieser Knut Wiesemanns liebreichen Eloge ging etwas Unmerkliches vor sich mit den Baenschs." Leseprobe

Kriegserfahrungen und traumatische Erinnerungen

Plötzlich ist von Nelkenheini die Rede. Der Leser braucht einen langen Atem, bis das Geheimnis gelüftet wird, um wen es sich handelt. Erst müssen Henry und Onno lernen, offen miteinander und mit anderen zu reden. Frank Schulz, der mit Preisen ausgezeichnete Meister des grotesken Humors, schlägt diesmal einen ganz anderen Ton an: "In diesem Fall ging es viel um die Kriegskindheit meines Vaters, wo mir einfach manchmal das Lachen verging," erinnert sich der Autor. "Er hat eine schreckliche Fluchtgeschichte hinter sich. Mit seiner Mutter und so weiter. Der Grundstoff ist eben schon eine Geschichte, wie lang der lange Arm der Geschichte reicht. Er reicht bis ins Alter hinein. Und die Kriegskindheit meines Vaters, die psychischen Folgen, kamen bei ihm erst sehr spät zum Ausbruch. Und das ist offenbar kein Einzelfall."

Nein, beileibe nicht. Schriftstellerkollege Ralf Rothmann hat mit seinem Buch "Im Frühling sterben" im vergangenen Jahr ebenfalls die Kriegserfahrungen seines Vaters verarbeitet. Mit großem Erfolg. Anders als die 68er rechnen Rothmann und Schulz nicht mit ihren Vätern ab, sondern durchdringen ihre Geschichten mit Empathie.

Ein Krimi mit skurrilen Typen und witzigen Sprüche

Bei Schulz geht das natürlich nicht ohne Humor, ohne Zoten und Kalauer und Witz. Da ist etwa die Figur der Katzenzenzi, die mit esoterischen Mondanbetungskursen den alteingesessenen Finklochern mächtig auf die Nerven geht. Henry und Onno gehen auf einen Hochsitz, um das nächtliche Treiben zu beobachten.

"Wieder einmal gewahrte Onno, wie die Dunkelheit alles einhüllte und einengte, die Dinge da draußen enger zusammenrücken, ja die Kanzel schrumpfen ließ - einerseits. Andererseits aber machte die Nacht die Welt außerhalb der Stelzenhütte auch durchlässiger. Der Maulwurfshaufen da, der bewegte sich doch! Oder? Und in derselben Sekunde - schockhaft wie von einem Stromschlag - zuckt Henry neben ihm zusammen. "Runter! Runter!!" keucht er, tonlos, reißt sich den Hut vom Kopf und die Pfeife aus den Zähnen." Leseprobe

Wie es sich für einen Krimi gehört, gibt es auch einen Toten, vielleicht auch zwei - und ein Mysterium, das nach Aufklärung drängt. Es geht um Waffen und um Jagd und um Gewalt, ohne die auch kein Hirsch erlegt werden kann. Und es geht um Freundschaft, um Familie und um Liebe, die oft seltsame Umwege geht. Am Ende glaubt der Leser auch an weiße Hirsche. Was dieser Schulz doch alles kann!

Weitere Informationen
38:41

Mit Frank Schulz ab auf den Hochsitz

NDR Kultur: BücherLeben

Joachim Dicks klettert mit Frank Schulz auf den Hochsitz am Rande der Hagener Schwingewiesen und spricht mit ihm über die "Onno Viets"-Trilogie. Audio (38:41 min)

Onno Viets und der weiße Hirsch

von
Seitenzahl:
368 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Galiani Berlin
Bestellnummer:
978-3869711270
Preis:
19,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 05.09.2016 | 12:40 Uhr

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