Buchcover: Emily Brontë - Sturmhöhe © dtv

"Sturmhöhe": Emily Brontë über große Leidenschaften

Stand: 30.12.2015 13:31 Uhr  | Archiv

Emily Brontë hat einen der berühmtesten englischen Romane hinterlassen: "Wuthering Heights - Sturmhöhe". Als der Roman 1847 erschien, löste er einen Sturm der Entrüstung aus

von Hanjo Kesting

Die Schwestern Charlotte, Emily und Anne Brontë stammten aus einem abgelegenen Pfarrhaus in Yorkshire, alle drei schrieben Romane und gehören heute der Weltliteratur an, obwohl sie die ländliche Abgeschiedenheit ihres Dorfes Haworth kaum einmal verlassen haben. Ihr Lebenslauf und ihr Werk geben Rätsel auf, die sich nicht lösen, allenfalls beschreiben lassen. Arno Schmidt hat sie "die unheimlich begabten, spitzfindigen, spinnfitzigen, merkwürdigsten Kinder" genannt.

Sturm der Entrüstung nach dem Erscheinen

Emily Brontë, die mittlere der Schwestern, hat nur ein Buch hinterlassen, das aber eines der berühmtesten der englischen Literatur ist: "Wuthering Heights, Sturmhöhe". Als der Roman 1847 erschien, löste er einen Sturm der Entrüstung aus, denn er fiel aus den moralischen und literarischen Konventionen der Zeit völlig heraus. "Wuthering Heights" ist eine Familiengeschichte, eine Liebesgeschichte, ein Melodram mit schauerromantischen Zügen - doch all diese Charakterisierungen sind unzureichend, sie beschreiben nicht das Wesentliche des Buches.

Am nächtlichen Himmel von Sehnde (Region Hannover) sind Blitze zu sehen. © dpa - Bildfunk Foto: Julian Stratenschulte
AUDIO: Emily Brontë: "Sturmhöhe" (5 Min)

"Sturmhöhe": Ein Buch wie ein Naturereignis

Es ist wie ein Naturereignis, handelt von elementaren Leidenschaften und getriebenen Menschen. Es hat keinerlei Bezug zur Romanliteratur seiner Zeit, und vergleicht man es mit den Büchern etwa von Dickens oder Thackeray (dessen berühmter "Jahrmarkt der Eitelkeit" kam im selben Jahr 1847 heraus) oder auch mit "Jane Eyre" ihrer Schwester Charlotte, dann findet man keine Anhaltspunkte dafür, dass diese Bücher gleichzeitig geschrieben wurden. So kann es nicht verwundern, dass das viktorianische England mit Empörung auf das Buch der Pfarrerstochter reagierte, die es vorsichtshalber unter einem männlichen Pseudonym hatte erscheinen lassen.

Über die mittlere der Brontë-Schwestern hat Somerset Maugham gesagt: "Sie ist eine seltsame, rätselhafte und undeutliche Gestalt. Man sieht sie nie direkt, sondern gleichsam als Spiegelbild in einem Moorteich. Was für eine Frau sie war, muss man erraten - anhand ihres einzigen Romans." Und über diesen Roman schrieb er: "Er ist zugleich sehr gut und sehr schlecht. Er ist hässlich. Er besitzt Schönheit. Es ist ein furchtbares, ein kraftvolles und ein leidenschaftliches Buch."

Die Handlung von Emily Brontës "Sturmhöhe"

Erzählt wird eine komplizierte, verästelte, schicksalhaft aufgeladene Familiengeschichte voller Wirrnisse, Liebe, Hass und Triebhaftigkeit, mit Menschen, die von elementaren Leidenschaften getrieben werden, denen sie alles unterordnen, voran das große Liebespaar, der dämonische Heathcliff und seine wilde Spielgefährtin Catherine. Nachdem sie einen anderen Mann geheiratet hat und bei der Geburt einer Tochter gestorben ist, versucht Heathcliff - damit wird die Tiefenschicht des Buches berührt - die Tote wiederzubeleben. Sie ist für ihn nicht tot, sie spukt und geht um, sucht ihn heim, ganz in dem Sinn seines Wortes: "Ich glaube fest an Gespenster." Heathcliff ist eine der fesselndsten Gestalten der englischen Literatur, in manchen Zügen den düsteren Helden Byrons ähnlich: wenig anziehend, finster, bedrohlich, aber auf seine Weise großartig, für den Verstand nicht ganz fasslich.

Emily Brontës psychologische Geschichte um den dämonischen Heathcliff

Zeitgenössische Darstellung der britischen Schriftstellerin Emily Brontë (l) mit ihren Schwestern Anne und Charlotte © dpa - Bildarchiv
Zeitgenössische Darstellung der britischen Schriftstellerin Emily Brontë (l) mit ihren Schwestern Anne und Charlotte.

Trotz aller romantischen Züge besitzt Emily Brontës Roman eine enorme realistische Kraft und psychologische Modernität. Die erzählerische Energie des Vortrags erweckt den Eindruck, als sei ein Damm gebrochen und die Wasserfluten stürzten kataraktartig zu Tal. Die düstere Moorlandschaft von Yorkshire, die Emily Brontë so gut vertraut war, bildet den Schauplatz, ein "Paradies für Menschenfeinde", wie es gleich anfangs heißt. Mitten darin steht das sturmumtoste Anwesen Wuthering Heights, eben die "Sturmhöhen", die dem Buch seinen Titel gaben. Und die Figuren, auch wo sie erschreckend und furchtbar sind, sind voll von brausendem Leben und verankern sich unvergesslich im Gedächtnis des Lesers.

Erfolg und Ruhm des anfangs umstrittenen, seiner Leidenschaftlichkeit wegen zeitweise verpönten Buches hat Emily Brontë nicht mehr erlebt. Als sie mit nur dreißig Jahren starb, schrieb die ältere Schwester Charlotte zu ihrem Gedenken die Worte: "Stärker als ein Mann, einfacher als ein Kind, ein Wesen von ganz eigener Art."

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