Stand: 23.07.2020 15:31 Uhr  - NDR Kultur

Fotograf Robert Mapplethorpe: Meister der Gegenpole

Robert Mapplethorpe
von Andrew Sullivan
Vorgestellt von Benedikt Scheper

Robert Mapplethorpe gilt als einer der berühmtesten Fotografen des 20. Jahrhunderts. Mit seinen fast magischen Stillleben, Bildern von Blumen, ebenso wie abgründigen Fotos aus New Yorks Underground-Szene hat er ein visuelles Werk geschaffen, das heute weltweit in den renommiertesten Museen ausgestellt wird, das auf Auktionen Rekordpreise für Fotografien erreicht und um das sich Privatsammlungen reißen. Nun ist mit "Robert Mapplethorpe" eine vollständig überarbeitete und um viele bisher unbekannte Arbeiten ergänzte Werk-Ausgabe erschienen.

Bild vergrößern
Robert Mapplethorpe hat sich häufig selbst inszeniert. Dieses Foto "Self-Portrait" stammt von 1980.

Kritisch blickt ein Mann mit wilder Tolle direkt in die Kamera. Er trägt ein weißes Oberhemd mit akkurat gebundener Fliege, darüber einen zerknautschten Ledermantel. In seinen Händen hält er eine Maschinenpistole. Im Hintergrund prangt ein fünfzackiger Stern. Das Selbstporträt - eine expressive Variation des RAF-Logos. Der Betrachter soll wissen, mit wem er es zu tun hat. Robert Mapplethorpe - dem Enfant terrible der Fotografie.

Robert Mapplethorpe brach in seiner Arbeit immer wieder Tabus. "Er war ein Rebell, ein Künstler, ein Provokateur und ein Genie, dessen Werk die Zeit überdauert", lobte ihn einmal die Royal Photografic Society. In zahlreichen Serien dokumentierte der Fotograf die Schwulenszene der 80er-Jahre. Muskulöse Männer in Leder und Ketten, die selten ihre Gesichter zeigen. Menschen, die mit Lust und Macht spielen. Die Fotos ästhetisieren radikale Posen und maskuline Körper auf eine Art, die an klassische Skulpturen der Antike erinnert.

Der Fotograf machte Marginalisierte sichtbar

Bild vergrößern
Frank Diaz, 1980 (Seite 113 im Bildband)

Zwar zeigt die Werkausgabe auch Bilder starker Frauen, auf deren Torso Sonnenlicht und Jalousien Landschaften malen. Doch vor allem sehr nah fotografierte, explizite Details von Männlichkeit und Sex sorgten immer wieder für Skandale. Gegner demonstrierten vor Ausstellungen. Einzelne Werke wurden beschlagnahmt. Dass Robert Mapplethorpe gerade mit diesen Bildern maßgeblich dazu beitrug, Fotografie als eigenständige Kunstform anzusehen, ist unbestritten. Aber auch die Sichtbarmachung und Stärkung Marginalisierter durch seine Arbeiten seien wichtig, betont Andrew Sullivan in seinem Vorwort.

"Die schwule Welt hatte ihren Untergrund, ihre Geheimnisse, ihre Schande, ihre Heimlichkeiten - all dies wurde durch Mapplethorpes offene Faszination für die Schönheit aller Menschen zur Explosion gebracht. Die Ästhetisierung des Sadomasochismus in einer Form von fotografischem Schock und Ehrfurcht scheint immer noch mutig." Leseprobe

Still und exzessiv: Robert Mapplethorpe - Meister der Gegenpole

Wenn Mapplethorpe Blumen fotografierte, setzte er sie ebenfalls so ästhetisch in Szene, dass die einzelne Pflanze fast künstlich wirkt. Orchideenblätter erinnern an den wehenden Habit einer Nonne. Und vor mattschwarzem Hintergrund erscheint der weiße, von hinten beleuchtete Blütentrichter einer Calla Lilie wie ein frisch gegossenes kegelförmiges Glas. In der Mitte ragt der strukturierte Stempel empor. Die phallische Symbolkraft war unübersehbar.

Bild vergrößern
Robert Mapplethorpe, Edited by Mark Holborn, with an introduction by Andrew Sullivan, Phaidon; Clifton, 1981 (left), Calla Lily, 1988 (right), pages 6-7

Doch in den unzähligen Blumenbildern nur harmlose Pendants zu seinen Fotos aus der BDSM-Szene zu sehen, sie als wenig kaschierte Metaphern auf Mapplethorpes Fetisch zu deuten, das würde ihnen nicht gerecht werden. Vielmehr repräsentieren die Blätter und Stengel in bewusst gewählten Vasen aus Mapplethorpes 50er-Jahre-Vorstadt-Kindheit einen stillen Gegenpol zur urbanen Unruhe Manhattans in den exzessiven 80er-Jahren. "Mapplethorpes Zerlegung der Welt, seine Wahrnehmung einer Landschaft in einem Bauchnabel und der ganzen Welt in einer Chrysantheme, kommt von einem Ort, den ich Glauben nennen würde", erklärt Andrew Sullivan. "Der Glaube an die Schönheit der Schöpfung und an ihren Verfall. Dieser Glaube hält über die Jahrzehnte an."

Porträst von William Burroughs, Roy Lichtenstein, Andy Warhol

Mit beeindruckender Varianz porträtierte Robert Mapplethorpe auch viele Zeitgenossen - vom streng fokussierten Roy Lichtenstein bis zur skeptischen Susan Sontag. Einen nachdenklichen William Burroughs im Smoking sieht der Betrachter wie im Scherenschnitt abgebildet, Isabella Rossellini stützt ihr Gesicht mit beiden Händen, als würde sie ihr eigenes Bild einrahmen, Andy Warhol schaut seitlich und legt seine Hände aneinander.

"Jeder scheint sich wie eine Vorspeise auf einem Silbertablett präsentieren zu lassen, und dennoch behält jeder seine und ihre Einzigartigkeit, sogar seinen Witz", sagt Andrew Sullivan. Spektakulär ist auch Grace Jones als Halb-Akt. Ihre schwarze Haut ist bemalt mit dicken, weißen Linien. Eine Melange aus indigener Tradition und Keith Harings Strich-Männchen-Stil. Auf ihren Brüsten schrauben sich Spiralen dem Fotografen entgegen. Auf ihrem Haupt thront ein gebastelter Zylinder, der das Muster fortsetzt. Grace Jones als eine Art Hohepriesterin des Pop. Bilder wie dieses verweisen geschickt auf andere Kunst und Künstler. Mapplethorpes Werk ist ein einmaliges fotografisches Kaleidoskop seiner Epoche.

Filmdoku über Mapplethorpe erschien 2016

2016 drehten Fenton Bailey und Randy Barbato das Kino-Filmporträt "Robert Mapplethorpe - Look At The Pictures" über den streitbaren Künstler. Die Dokumentation erschien im November 2016 im deutschen Kino.

Robert Mapplethorpe

von
Seitenzahl:
384 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Herausgegeben von Mark Holborn und Dimitri Levas. Mit einem Gedicht von Patti Smith.
Verlag:
Phaidon Verlag
Veröffentlichungsdatum:
20.05.2020
Bestellnummer:
978-1-83866-020-8
Preis:
175,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 30.07.2020 | 19:00 Uhr

Mehr Kultur

68:40
NDR Info

Sumatra

NDR Info