Stand: 20.10.2019 12:06 Uhr  - NDR Kultur

"Krieg und Frieden": Tolstois Epochenchronik

von Hanjo Kesting

In der Wissensreihe "Große Romane der Weltliteratur" streifen wir durch die Geschichte des Romans von den Anfängen bis in die Gegenwart. In dieser Folge dreht sich alles um Lew Tolstois "Krieg und Frieden".

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Leo Tolstoi zeigt das russische Leben zur Zeit der napoleonischen Kriege von den höchsten Adelskreisen bis zu den leibeigenen Bauern.

Leo Tolstoi verkörpert wie kein anderer Schriftsteller Russlands und der ganzen Weltliteratur Fülle, Weite, philosophischen Reichtum, elementare Kraft und nicht zuletzt künstlerische Vollendung. Virginia Woolf hat ihn einmal den "größten aller Romanciers" genannt und für Somerset Maugham war "Krieg und Frieden" "der größte aller Romane".

Tolstois Roman spielt zu Zeiten Napoleons

"Krieg und Frieden" erschien 1869 und spielt in einer für ganz Europa bedeutenden Umbruchszeit, der Zeit der napoleonischen Kriege. Er ist gleichermaßen Epochenchronik wie ein Panorama des russischen Lebens. Die ganze Gesellschaft jener Zeit zieht am Leser vorüber, von den höchsten Hof-, Adels- und Militärkreisen bis zu den leibeigenen Bauern und einfachen Soldaten. Der Roman spielt in Petersburger Salons, Moskauer Fürstenhäuser und zeigt das Landleben adliger Familien in der russischen Provinz.

Gleichzeitig werden aber auch die Schlachten von Austerlitz und Borodino, der Brand von Moskau sowie der fluchtartige Rückzug der Franzosen thematisiert. Tolstoi beschreibt das Lagerleben der Soldaten, die Mühsal der langen Märsche, die Qual der Kriegsgefangenen und die wahllose Hinrichtung vermeintlicher Brandstifter - die ganze unermessliche Vielfalt von Szenen, Ereignissen und Episoden wird auf zweitausend Seiten in breiter Schilderung entrollt und verknüpft.

Lew Tolstoi hat umfangreich recherchiert

Viele Monate verbrachte Tolstoi über dem Studium der Dokumente. Er besorgte sich die Werke der Historiker, studierte Akten und Handschriften, Memoiren und Tagebücher. Und er besichtigte das Schlachtfeld von Borodino und nahm zwei Tage lang das hügelige Gelände in Augenschein, auf dem 1812 die verlustreichste Schlacht des Krieges stattgefunden hatte. Immer stärker rückte der große historische Zweikampf in den Mittelpunkt, den Tolstoi in Napoleon und dem russischen Oberbefehlshaber Kutusow personifiziert sah. Napoleon wird durchweg mit Ironie gesehen, auf menschliches Maß reduziert, als Schauspieler, der sich in seiner Rolle gefällt, ja als eine Maschine, die sich vom Menschlichen weit entfernt hat.

"Krieg und Frieden": Historisch und gleichzeitig unmittelbar

"Krieg und Frieden" gilt gemeinhin als historischer Roman, aber für einen heutigen Leser verflüchtigt sich der Eindruck des Historischen dank der Kraft und Unmittelbarkeit, mit der Tolstoi eine vergangene Epoche zu literarischem Leben erweckt, dank seines untrüglichen Zeitgefühls und dank des Umstands, dass seine Uhr, wie Vladimir Nabokov schrieb, im gleichen Rhythmus tickt wie die Uhren seiner Leser. Man scheut sich, auf seine machtvolle Wirklichkeitsschilderung die nichtssagende Formel "Realismus" anzuwenden. In seinen Naturschilderungen nahezu vergleichslos, in der Schilderung des gesellschaftlichen Lebens mit seinen erstickenden Konventionen den großen Franzosen nahe, beschreibt Tolstoi anhand seiner Protagonisten doch eher einen Weg nach innen, durchaus vergleichbar den Helden des deutschen Bildungsromans. Sie entwickeln sich, vertiefen sich, sind auf der Suche nach dem Ziel des Daseins und dem Sinn des Lebens.

Das gilt vor allem für Pierre Besuchow, der in diesem Roman ohne eigentliche Hauptfigur am ehesten die Rolle des Protagonisten spielt, jedenfalls hat Tolstoi ihm die eigene Sinnsuche am stärksten auf die Schultern geladen. Wie er so durch den Roman torkelt, immer zur rechten Zeit am rechten Ort, erinnert er in mancher Hinsicht an den Burschen des Märchens, der auszieht, das Fürchten zu lernen. Ihm fallen riesige Reichtümer zu, aus denen er sich nichts macht, er erlebt viele Abenteuer und Prüfungen, verläuft sich auf manchen Irrwegen, und am Ende gewinnt er auch noch die Prinzessin in Gestalt der schönen Natascha Rostowa. Die Leiden des Krieges, das Erlebnis der Exekutionen und der lange Marsch der Gefangenen sind seine tiefsten Erfahrungen, aus denen er geläutert hervorgeht. Pierre lernt, dass das Unglück des Menschen aus dem Überfluss kommt und dass sein Glück allein in ihm selbst liegt. In solchen Passagen erblickt man hinter dem größten aller Romanciers bereits den Umriss eines Predigers. Die knappste Beschreibung seines Werks hat Tolstoi selbst gegeben, als er sagte: "… ohne falsche Bescheidenheit - das ist etwas wie die Ilias."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NDR Kultur Wissen | 18.10.2016 | 09:20 Uhr

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