Buchcover: François Rabelais - Gargantua und Pantagruel © Holzinger Verlag

"Gargantua und Pantagruel": Rabelais' Spiel mit der Sprache

Stand: 30.12.2015 13:31 Uhr  | Archiv

"Gargantua und Pantagruel" von François Rabelais ist der wohl größte humoristische Roman der europäischen Literatur. Mit derbem Humor und raffinierten Techniken erprobt der Autor die Möglichkeiten des Erzählens.

von Hanjo Kesting

François Rabelais im Sessel sitzend © picture-alliance / akg
Der Autor François Rabelais (ca. 1494 - 1553) nach einer Zeichnung von Eugène Delacroix.

"Gargantua und Pantagruel" von François Rabelais, erschienen in fünf Bänden um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, ist der älteste Roman in dieser Reihe, der Roman des großen Gelächters und überhaupt der wohl größte humoristische Roman der europäischen Literatur, das originellste, wildeste, tollste, komischste, sprachmächtigste, aber auch unflätigste aller Bücher. Sein Autor führt darin den endlosen Kampf des Satirikers gegen die Allmacht der Dummheit und die Allgegenwart der Vorurteile. Es umfasst aber auch einen ganzen Kosmos an Geist und Gelehrsamkeit, Erfindungskraft und Sprachlust, Gelächter und Tiefsinn. Zwar sind viele historische Anspielungen des Buches kaum noch greifbar, trotzdem ist der Roman als Ganzes ungemein lebendig, dauerhaft aktuell und prophetisch - als künstlerische Hervorbringung ein Rätsel und auch ein sprachschöpferisches Werk ersten Ranges.

Orgien der Sprache: Rabelais spielt mit endlosen Wortreihen

Rabelais war nicht nur ein grandioser Spaßmacher und phantasieberauschter Fratzenschneider, er war auch ein großer Gelehrter und Humanist, der beide Seiten des gallischen Geistes verkörpert: die Vernunfttradition und das große Gelächter, die Toleranz und den kolossalen Humor. Man denke an die endlosen Wortreihen, die das Buch durchziehen, wenn etwa die Buchtitel einer Klosterbibliothek aneinandergereiht werden oder auch die zahllosen Möglichkeiten, sich den Hintern abzuwischen. Es sind Orgien der Sprache und Delirien burlesker Übertreibung, die die Wortspiele der Dadaisten vorwegnehmen. Sie gipfeln in der Beschreibung körperlicher Funktionen, von Essen und Trinken, von sinnlichen Exzessen und sexuellen Phantasien.

Buchcover: François Rabelais - Gargantua und Pantagruel © Holzinger Verlag
AUDIO: François Rabelais: "Gargantua/Pantagruel" (5 Min)

Die Handlung von "Gargantua und Pantagruel"

Die beiden Riesen Gargantua und Pantagruel sind Werkzeuge und Sprachrohre von Rabelais' satirischem Witz. Pantagruels bester Freund heißt Panurg, ein heruntergekommener Scholar, der durch die Kenntnis von sieben bekannten und einigen selbsterfundenen Sprachen verblüfft. Er ist ein Tunichtgut, Falschspieler, Zechbruder und Räuber, der anders als die beiden Riesen das Realitätsprinzip vertritt. Panurg (sinngemäß "der mit allen Wassern Gewaschene") ist die wichtigste Figur des Buches, ein komplexer Charakter, gelehrt und verschlagen, höfisch gebildet und ordinär, eine undurchschaubare Figur. Milan Kundera hat ihn die erste individuell ausgeformte Gestalt des europäischen Romans genannt. In ihm lebt die Vagantentradition fort, der Realismus des Schelmenromans und die Lebenslust Eulenspiegels, der zu Lebzeiten Rabelais‘ die literarische Bühne betrat. Über "Gargantua und Pantagruel" ist gesagt worden, es sei eines jener Bücher, die Zeugnis ablegen für den Charakter eines Volkes. Doch hat das Buch in vielen Epochen und Literaturen weitergewirkt, bei Cervantes und Shakespeare, Laurence Sterne und Balzac. In Deutschland haben sich Goethe und Jean Paul auf Rabelais bezogen, und noch die "Blechtrommel" ist ein später Abkömmling von Rabelais' Roman, der Zwerg Oskar Matzerath ein Nachfahr der Riesen Gargantua und Pantagruel.

Rabelais spielt mit Techniken neuzeitlicher Romankunst

Viele Möglichkeiten und Techniken neuzeitlicher Romankunst, etwa das mutwillige Spiel mit der Fiktion und das Erzählen über das Erzählen, werden in dem Roman erprobt und vorweggenommen, mit bizarrer Erfindungsgabe und unerschöpflicher Sprachkraft. Einmal geschieht etwas Unerhörtes, eine Innovation ersten Ranges, wenn der Autor, Maître Alcofribas, wie er sich nennt, auftaucht in seinem eigenen Buch, mitten hineinläuft in das bunte Geschehen und unversehens in das Maul des Riesen gerät. Der Autor als Augenzeuge und Akteur: Rabelais war der erste, der mit dieser Fiktion bewusst operierte. Sie gibt ihm zugleich Gelegenheit, neben der realen Welt eine zweite, andere Welt zu entwerfen, eine Welt in Pantagruels Mund. Rabelais inszeniert all dies als literarisches Spiel, und es ist nur ein kleiner Schritt zu dem Gedanken, dass alle Welten, die wirklichen und die möglichen, im Universum dieses Romans enthalten sind, gemäß der Idee: das Buch als Welt, die Welt als Buch. So ist nicht auszuschließen, dass auch die ganze Kunst des Romans bereits in diesem Roman beschlossen liegt.

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