Stand: 25.09.2020 10:07 Uhr

Atmosphärische Fotos vom Huron-See

von Guido Pauling

Der Huronsee zwischen Kanada und den USA ist der drittgrößte Süßwassersee der Erde. Im Winter eisbedeckt, im Herbst nebelumhüllt, liegt der See im Sommer als lichtbeschienene weite Wasserfläche da, die einen fast endlosen Blick gestattet.

Die Fotografin Lucinda Devlin kennt den See seit ihrer Kindheit. Häufig hat sie am Ufer gestanden und geschaut - und nicht geahnt, dass sie später einmal als Fotokünstlerin arbeiten und diesen See zu ihrem Thema machen würde.

Der Göttinger Steidl Verlag hat unter dem Titel "Lake Pictures" ihre "See-Bilder" in einem Bildband veröffentlicht. Der zeigt nun ganz gewiss keine herkömmlichen Landschaftsaufnahmen und keine Postkarten-Ansichten. Denn Lucinda Devlin folgt einem klaren künstlerischen Konzept.

Minimale Erscheinungsformen, maximale Ästhetik

Ein Quadrat. Oben Himmel. Unten Wasser. Die Horizontlinie in der Mitte - exakt in der Mitte. Strenger lässt sich ein Fotoprojekt kaum angehen. Doch die Vielfalt, die Lucinda Devlin aus dieser selbstauferlegten Regelstrenge gewinnt, ist schier unglaublich. "Minimale Erscheinungsformen, maximale Ästhetik": Die Devise des Kunstkritikers Clement Greenberg passt perfekt auf Lucinda Devlins "Lake Pictures".

Der Lake Huron am 28. November, morgens halb neun, ist flüssig glitzerndes Gold. Doch nur entlang einer Linie; wie ein Weg führt sie geradeaus über die leicht bewegte Wasseroberfläche bis zum Horizont. Wer diesen goldenen Pfad ginge, könnte dort, wo Wasser und Wolken sich berühren, in die gleißenden Sonnenstrahlen greifen, die schräg durch Wolkenritzen fallen und das stahlblaue Wasser bescheinen. Glänzend schimmert der See, matt spiegelt sich sein graublauer Farbton an der Unterseite der tiefhängenden Wolken.

Der See zeigt sich immer wieder anders, je nach Tages- und Jahreszeit

Nur einen Monat später ist der Lake Huron eisbedeckt. Eine stumpf-schwarze Fläche, übersät mit skurril gezackten weißen Schneeflecken hier und da und dort. Wasser in fester Form. Bedrohlich grau die geschlossene Wolkendecke, aus der - links - Regen auf die schnurgerade Horizontlinie fällt; rechts blinkt ein Silberstreif zwischen Eis und Wolken hervor.

"Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen, denn andere Wasser strömen nach." Was Heraklit von Ephesos vor 2.500 Jahren geschrieben haben soll, beweist Lucinda Devlin aktuell mit ihrer Bilderserie. Der gigantische See zeigt sich immer wieder anders, je nach Tages- und Jahreszeit. Der Horizont als Bild-Teiler ist mal kontrastscharf, mal verschwommen, einmal sogar komplett verschwunden: Grauer Nebel verwischt alle Linien; feuchte Luft, Wassertröpfchen und Wasserfläche werden eins.

Devlins Konzept hat Bezüge zu Monets Bildern

"In Michigan wird das Leben von den Seen bestimmt. Seit ich jung war, war ich fasziniert davon, dass sich die Landschaft konstant verändert", hat die Fotografin in einem Interview einmal gesagt. Claude Monet hat in den 1890er-Jahren Veränderung abgebildet, als er die Kathedrale von Rouen 33-mal malte: In der Morgensonne, im prallen Mittagslicht, in der Abenddämmerung. Lucinda Devlins "Lake Pictures" verfolgen dieselbe Idee mit den Mitteln der Fotografie.

Sie sagt: "Ich bin nicht der Typ Fotograf, der auf das perfekte Licht wartet. Das gerade vorherrschende Licht ist es, was ich nutze." Da leuchtet der Himmel in allen Tönen zwischen Orange, Lehmrot und Ocker und verstreut diese Farbtupfer über den tiefblauen Wellen unter sich. Oben hell, unten dunkel - diese Ordnung steht Kopf in den Aufnahmen, auf denen Sterne am nachtschwarzen Firmament ziehen, durch lange Belichtungszeit als kleine Streifen sichtbar, während die indigoblaue Eis- oder die smaragdgrüne Wasser-Masse geheimnisvoll schimmert  und unentdeckte Welten in der Tiefe ahnen lässt.

Nicht nur Claude Monet, auch Mark Rothko klingt an in diesen Bildern aus zwei horizontalen, gestapelten Flächen. Aus der vermeintlichen Schlichtheit dieses Aufbaus entwickeln sich ein Sog, eine innere Ruhe und die Einladung zur Meditation. Die See-Bilder werden zu Seelen-Bildern.

Lake Pictures

von Lucinda Devlin
Seitenzahl:
108 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
50 Abbildungen, Vierfarbdruck, Fester Einband / Leineneinband, 29,5 x 29,5 cm, Text Englisch
Verlag:
Steidl
Bestellnummer:
978-3-86930-965-1
Preis:
48,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 27.09.2020 | 16:20 Uhr

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