Sergei Polunin: "Free - A Life in Images and Words" © teNeues Foto: Albert Watson

Bildband über den Balletttänzer Sergei Polunin: "Free"

Stand: 07.01.2022 15:26 Uhr

Sergei Polunin wird als bester Balletttänzer unserer Zeit gefeiert. Mit 13 Jahren zog er von der Ukraine nach London, mit 20 war er der jüngste "Principal Dancer" des Royal Ballet.

Sergei Polunin: "Free - A Life in Images and Words" © teNeues Foto: Albert Watson
Beitrag anhören 5 Min

von Andrea Schwyzer

Doch Polunin ist eine streitbare Figur. Der "Bad Boy des Balletts" rebelliert, spart nicht mit Sprüchen gegen Minderheiten und ja, das ist auch der Typ, der sich das Gesicht von Russlands Präsident Putin auf die Brust hat tätowieren lassen. Mittlerweile soll das Konterfei wieder verschwunden sein und Polunin gibt sich versöhnlich, verlobt - und ist Vater geworden. Im Bildband "Free" erzählt der 32-Jährige seine Geschichte.

Charisma. Disziplin. Emotionen. Disziplin. Grazie. Disziplin. Professionalität. Disziplin. Bereits auf den ersten Seiten wird klar, worum es hier geht: Um Ballett. Mach es ganz - oder lass es.

Elegante Leichtigkeit und Disziplin machen ihn zum Star

Er kann es nicht lassen. Sergei Polunin. Wäre auch schade: Keiner schwebt so elegant durch die Luft wie er. Kraftvolle Leichtigkeit. Als wäre er direkt aus den Wolken gefallen. Die Haare wild flatternd. Hände und Arme entspannt. Der Boden scheint noch weit weg. Wie kommt er bloß in diese Höhen, scheinbar mühelos?

Die ersten Bilder nehmen uns mit nach London, zum Royal Ballet. Sie erzählen die Klassiker der Ballettwelt nach: Aschenbrödel, Dornröschen, Alice im Wunderland und der Nussknacker. Alles in Kostümen aus einer vergangenen Zeit: Hemden mit Pluderärmeln, Jackett, Fliege, seidenschimmernde Blazer mit auffälligen Manschettenknöpfen. Dazwischen liest man Texte von Polunin selbst.

Viele Tänzer sind frustriert, vor allem jene, die schon zehn Jahre im Ballettcorps dabei sind. Sie sind talentiert. Sie sind unglücklich, weil sie nicht weiterkommen. Ich habe großen Respekt für diese Tänzer. Sie arbeiten unglaublich hart. 10 bis 11 Stunden am Tag, locker! Sechs Tage die Woche. Ein Monat Pause im Jahr. Ich habe nie härter gearbeitet als in dieser Kompanie. Es verlangt deine uneingeschränkte Hingabe. Leseprobe

Teamgeist ist den eigenen Zielen im Weg

Es gab keinen Teamgeist. Alles drehte sich um persönliche Ziele. Polunins Visum für Großbritannien war jeweils auf ein Jahr befristet. Die Ukraine, seine Heimat, war ihm fremd geworden.

Dann die Zeit in Russland: Polunin als Spartakus über den anderen Tänzern schwebend. Die Beine im perfekten Spagat.

Ich fühlte mich Russland schon immer nahe. In Russland zu tanzen fühlte sich freier an als in Großbritannien. Es war, als ob ich zum ersten Mal für die Menschen tanzen würde. Leseprobe

In den Texten feiert Polunin seine Freunde, Wegbegleiter, Gönner. Es geht ihm nicht um Selbstkritik, vielmehr um Erklärungsversuche, warum er zum Beispiel dem Royal Ballet einst den Rücken gekehrt hat. Es geht auch nicht nur um Ballett, sondern um das, was ihn frei macht. Unabhängig.

Ein Tänzer, der vieles ausprobiert

Da ist etwa die Gründung seiner eigenen Kompanie, da sind die ganzen Modefotografien: Sergei mit Lederjacke, Sergei als Jesus, Sergei in eine Daunendecke gehüllt, Sergei nackt. Faszinierend: Hier lässt sich wahre Körperstudie betreiben. Scharf gezeichnet: die Muskeln. Schwungvoll geht die zum Zerreißen gespannte Wade in den schmalen Fußknöchel über. Michelangelos David muss sich warm anziehen. Und weiter: Sergei mit Teufelshörnern, Sergei unter Wasser, Sergei kunstvoll in ein Chiffontuch fallend. Gerade als man denkt, dass man seinen Blick jetzt über hat, kommen einige Familienfotos aus der Kindheit.

Polunin lässt uns auch am Stechen seiner teils fragwürdigen Tätowierungen teilhaben - doch verliert er kein Wort über das bei Neonazis beliebte Kolovrat-Symbol auf seinem Bauch oder das Gesicht Putins auf seiner Brust. Womöglich weil es keine Rolle mehr spielt: Gegenüber der Presse sagt der Ballettstar, er sei ein anderer geworden, will die ganze Tinte auf seiner Haut verschwinden lassen.

Der Bildband "Free" ist auch ein Ballettbuch, vor allem aber ist es eine umfangreiche Sammlung für Fans des - womöglich - geläuterten Enfant terrible des Balletts.

Free

von Sergei Polunin
Seitenzahl:
274 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Fotos von Albert Watson, Bruce Weber, Anton Corbijn, David LaChappel, Rankin, Hengyi Lang, Stephanie Pistel, Gus Van Sant und anderen. 24,5 x 31,4 cm, Hardcover - 120 Schwarzweiß-, und 343 Farb-Fotografien - Text: Englisch
Verlag:
teNeues
Bestellnummer:
978-3-96171-337-0
Preis:
50,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 09.01.2022 | 17:40 Uhr

Mehr Kultur

Auf dem Marktplatz in Stettin läuft eine Gruppe des Theaters Vorpommern inklusive polnischer Dolmetscherin. © Matthias Huehr Foto: Matthias Huehr

Theater Vorpommern: Hans Heuer auf großer Mission

Der Leiter der Öffentlichkeitsarbeit bereitet interessierten Landbewohner*innen einen Zugang zur Theaterszene. mehr