Stand: 02.06.2016 17:46 Uhr  | Archiv

Syrien: "Etwas für die Zeit danach tun"

Vor gut sechs Wochen war die syrische Oasenstadt Palmyra gerade aus den Händen der Terrormiliz "Islamischer Staat" zurückerobert worden und erste Eindrücke von den Zerstörungen des Weltkulturerbes machten die Runde. Bereits damals hat NDR Kultur mit dem Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und Prähistoriker Hermann Parzinger über eine mögliche Wiederherstellung der Schäden gesprochen.

In Berlin hat nun eine dreitägige Expertenkonferenz zum Wiederaufbau der zerstörten Kulturgüter in Syrien, speziell in Palmyra, begonnen - veranstaltet vom Auswärtigen Amt und der UNESCO.

NDR Kultur: Herr Parzinger, wenn Sie vor anderthalb Monaten davon sprachen, man müsse nun "in Ruhe eine Bestandsaufnahme machen" - kommt diese Konferenz dann nicht viel zu früh?

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"Ein Nachbau kann nie das Original ersetzen", findet Hermann Parzinger.

Hermann Parzinger: Nein, ich glaube, sie kommt zum rechten Zeitpunkt. Sie ist in kürzester Zeit vorbereitet worden. Es ist ganz wichtig, dass sich die über 170 eingeladenen Fachleute zusammensetzen und überlegen, was man tun kann. Vor Ort kann man zunächst nichts tun. Jedenfalls würde man als eine ausländische Einrichtung nicht verantworten, Mitarbeiter nach Syrien zu schicken; das lässt die Sicherheitslage noch nicht zu. Man kann aber eine Menge im Vorfeld tun. Es gibt das "Syrian Heritage Archive Project", wo Dokumentationen über Denkmäler in Syrien digitalisiert und aufbereitet werden. Es ist eine Datenbank, die all das Wissen über diese Denkmäler zusammenfasst. Aber es gibt auch das Projekt "damage assessment", also Schadensbeurteilung. Wir versuchen eine Ergänzung dieses Projekts aufzusetzen, wo uns aus Syrien ganz aktuelle Nachrichten erreichen, damit wir die Schadensdokumentation auf dem neuesten Stand haben. Das ist wichtig, wenn man vor Ort etwas tun kann - zu einem hoffentlich nicht mehr so fernen Zeitpunkt. Oder Trainingsprogramme für Kuratoren. In vielen Ländern ist die Bereitschaft da, zu helfen und Syrien zu unterstützen. Das zu koordinieren und in einen Aktionsplan zu bringen, das ist jetzt ganz wichtig.

In Syrien herrscht weiterhin Krieg, es ist eine humanitäre Katastrophe. Ist da nicht der Schutz von Altertümern ziemlich zweitrangig?

Parzinger: Das ist natürlich zweitrangig. Die Lösung des politischen Konflikts steht ganz klar vorne. Aber wir sind nun mal nicht Politiker oder Militär - wir sind Altertumswissenschaftler. Wir tragen dazu bei, was wir für die Zeugnisse der Geschichte, der Vergangenheit Syriens tun können, die für das Selbstverständnis der Menschen dort wichtig sind. Im kulturellen Gedächtnis der Menschen in Syrien ist ein Ort wie Palmyra durchaus verankert als ein Ort, wo unterschiedliche Kulturen, Religionen, Strömungen zusammengelebt haben. Insofern tun wir schon etwas für die Zeit danach. Vielleicht ist es sogar einfacher, ein kulturelles Fundament für die Zeit des Wiederaufbaus zu legen. Dass die schrecklichen Zustände in diesem Bürgerkriegsland, dass die Menschenleben vordringlich sind, darüber braucht man mit niemandem zu sprechen.

Einige Kulturgüter sind stark beschädigt, können aber restauriert werden. Andere sind dermaßen zerstört, dass man sie rekonstruieren muss. Kann so ein Nachbau das Original überhaupt ersetzen?

Parzinger: Ein Nachbau kann nie das Original ersetzen, dessen muss man sich im Klaren sein. Ein Nachbau, eine Kopie, ein 3D-Druck oder große Monumente - das kann man heute technisch umsetzen. Das kann nur noch eine Erinnerung oder ein Zitat des originalen Monumentes sein. Aber zunächst muss es darum gehen, von den zerstörten Denkmälern eine klare, detaillierte Bestandsaufnahme vorzunehmen: In welchem Zustand ist das Monument? Ich würde vermuten, dass sich in Palmyra an den Gebäuden, die aus großen Quaderblöcken errichtet wurden, vielleicht eine Menge mit dem noch vorhandenen Steinmaterial wiederaufbauen lässt. Das, was dann fehlt, kann man entsprechend ergänzen, sodass das Gebäude wieder steht.

Was aber ziemlich sicher bei der Rekonstruktion - egal wie sie aussieht - am Ende fehlt, ist Geld. Die UNSECO ist notorisch klamm. Bleibt es am Ende also bei solchen Konferenzen wie dieser, mit sehr gut formulierten Absichten?

Parzinger: Nein, das hoffe ich nicht. Alle sind sich im Klaren, was in Syrien zu tun ist. Die UNSECO kann natürlich ihre Mitgliedsstaaten nur bedingt zur Kasse bitten. Es beruht auf freiwilligen Beiträgen einzelner Länder. Es wäre wichtig, dass die UNESCO große Unterstützung finden würde.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 02.06.2016 | 19:00 Uhr

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