Sendedatum: 26.08.2013 22:45 Uhr  | Archiv

Der Mann, der freiwillig nach Auschwitz ging

Freiwillig nach Auschwitz
von Witold Pilecki
Vorgestellt von Tom Fugmann
Bild vergrößern
Drei Jahre lang versuchte Witold Pilecki, in Auschwitz Widerstand zu organisieren und schmuggelte Berichte nach außen.

Kann man in der Todesfabrik Widerstand organisieren? Daran glaubt Witold Pilecki, ein Offizier der polnischen Untergrundarmee. Er lässt sich 1940 bei einer Straßenrazzia in Warschau absichtlich von den Deutschen festnehmen, um in das Konzentrationslager Auschwitz zu kommen. "Diese Hölle, die mein Vater in Auschwitz erlebt hat, als er dort ein Widerstandsnetz aufbaute, das Menschen retten wollte, ihnen Nahrung zukommen ließ, diese Hölle war schrecklich", sagt seine Tochter Zofia Pilecka. "Wenn man seine Spuren in Auschwitz verfolgt, kann man nur zu dem Schluss kommen, dass er ein Mensch war, den Gott mit einer Mission dort hingeschickt hat." Seine Erlebnisse hat er nach Kriegsende aufgeschrieben.

Pilecki will ein Widerstandsnetz im KZ organisieren

Freiwillig nach Auschwitz zu gehen ist eine wagemutige Idee. Witold Pilecki ist katholischer Gutsbesitzer und Offizier aus Ostpolen. Er ist gebildet und humanistisch erzogen, Familienvater und Patriot, der im Untergrund gegen die Nazis kämpft. Aus dem Todeslager will er Berichte nach außen schmuggeln, an die polnische Exilregierung in London und die Alliierten. Ein Widerstandsnetz soll Häftlingen helfen und eine Revolte vorbereiten. Schon im Lager schreibt er seine Erlebnisse auf - Demütigungen und körperliche Misshandlungen.

Leseprobe

"Die Gewehrkolben der SS trafen nicht nur unsere Köpfe, sondern etwas viel Mächtigeres. Unsere Vorstellungen von Recht und Ordnung und aller Normalität, alles, woran wir uns im Leben gewöhnt haben, bekam einen brutalen Tritt."

"Es lässt sich mit dem Bericht von Anne Frank vergleichen", so Wiesław Jan Wysocki, Pilecki-Biograf und Historiker. "Der ist weltberühmt, weil darin so berührend von den existenziellen Sorgen eines Mädchens in der Nazidiktatur erzählt wird. Und Pilecki schreibt vom Leben im schlimmsten Terror, hinter dem Stacheldraht. Und vor allem erzählt er davon, wie man sich dort organisieren und Widerstand leisten kann."

Unterstützung von den Alliierten unterbleibt

Jeden Tag werden Tausende umgebracht. Gleichzeitig wächst im Lager die Geheimorganisation, der Ärzte, Sanitäter und polnische Offiziere wie Pilecki angehören. Regelmäßig schmuggeln sie Kassiber über die Massenmorde nach draußen. "Zuerst hat man diesen Nachrichten nicht geglaubt, weil man diesen Terror und diese Massentötungen nicht für möglich hielt", berichtet der Historiker. "Dann haben die Alliierten mit technischen Gründen argumentiert, man könne Auschwitz nicht bombardieren, weil es zu weit weg sei. Man kann es kurz zusammenfassen: Es war Gleichgültigkeit."

Flucht aus Auschwitz

Pilecki nutzt eine Nachtschicht in der Häftlingsbäckerei zur Flucht. Im April 1943 verschwindet er, enttäuscht von der ausbleibenden Unterstützung von außen. Im Warschauer Aufstand kämpft er gegen die Deutschen. Seinen Rapport über die Zeit im Vernichtungslager schreibt Pilecki nach dem Krieg zu Ende. Als einer, der im Todeslager Haltung bewahrte: "Das Lager war ein Prüfstein des Charakters. Manche gerieten in einen moralischen Sumpf. Andere wurden zu einem Charakter aus feinstem Kristall gemeißelt."

Über seine Familie, die Sehnsucht nach Frau und Kindern schreibt Pilecki nicht. Die Pflichterfüllung war dem Patrioten das Allerwichtigste, so Wysocki. "Er hat dem Vaterland gedient. Die Familie war ihm zwar wichtig, aber musste zurückstehen. So war Pileckis Wertehierarchie und so ist er erzogen worden: zuerst die Aufgabe, die Mission. Er hat Polen gedient."

Nicht geehrt, sondern hingerichtet

Nach dem Krieg wird Pilecki nicht geehrt, sondern verhaftet. Denn er kämpft im antikommunistischen Widerstand gegen Moskaus Statthalter in Polen. Der polnische Spielfilm "Der Tod von Rittmeister Pilecki" (2006) erzählt von seinen letzten Stunden: wie er im Gefängnis gefoltert und am 25. Mai 1948 hingerichtet wird. "Den Ort, an dem mein Vater seinen letzten Atemzug getan hat, wo er erschossen wurde, gibt es nicht mehr. Da ist jetzt ein Parkplatz", so Zofia Pilecka. "Aber seit ich 1990 das genaue Datum seiner Erschießung erfahren habe, bin ich jedes Jahr vor dem Gefängnis, um dieser schreckliche Stunde zu gedenken."

Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus wird Pilecki rehabilitiert. Heute erinnert eine Gedenktafel am Gefängnis in Warschau an ihn und andere Opfer des Stalinismus. Seit Anfang des Jahres wird ein Massengrab am Rande des Friedhofs, in dem auch Pilecki lag, exhumiert. Vielleicht findet man die sterblichen Überreste von Witold Pilecki. Ein großer polnischer Held.

(Beitrag: Tom Fugmann)

Freiwillig nach Auschwitz

von
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Orell Füssli
Bestellnummer:
978-3-280055113
Preis:
19,95 €

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 26.08.2013 | 22:45 Uhr

Mehr Kultur

02:49
Kulturjournal

Ada Morghe: "Unspoken"

18.03.2019 22:45 Uhr
Kulturjournal