Schauspieler Edgar Selge © IMAGO / Sven Simon

Denker und Zweifler: Schauspieler Edgar Selge ist 75 geworden

Stand: 28.03.2023 07:47 Uhr

Edgar Selge gehört zu den bekanntesten Schauspielern des Landes: In Hamburg sorgte sein Solo im Stück "Unterwerfung" am Schauspielhaus für ausverkaufte Säle, im Polizeiruf spielte er den Kommissar Tauber. Seit zwei Jahren ist Selge auch noch Schriftsteller.

von Peter Helling

"Während ich auf meinen Tod wartete, blieb mir nur noch eins, der Wahlkampf!"

Mit diesem Text aus seiner Theaterfassung von Michel Houellebecqs Roman "Unterwerfung" am Deutschen Schauspielhaus schrieb Edgar Selge ein Stück Theatergeschichte. Es ist das Solo eines Verführbaren, eines gealterten weißen Mannes.

"Ich war unfähig, für mich selbst zu leben, und für wen hätte ich sonst leben sollen? Die Menschheit interessierte mich nicht. Sie widerte mich sogar an." 

"Man wartet darauf, mit einem solchen Text auf die Bühne zu gehen, weil es fürs Theater nichts Schöneres gibt als über Dinge zu sprechen, die uns in der Wirklichkeit, in unserem gesellschaftlichen Leben Tag für Tag beschäftigen", sagt Edgar Selge. Er spielt gebrochene, gejagte, verwundete, lauernde Charaktere. Selten die strahlenden Helden oder die Sympathen. "Ich bin als Prinz von Homburg nicht besetzt worden, ich bin auch nicht als Hamlet besetzt worden, sondern eben eher mit Jago. Ich habe nie Romeo gespielt!", resümiert er. 

Kultfigur Kommissar Tauber machte ihn berühmt

Was ihm liegt: geheimnisvolle Einzelgänger wie der einarmige Kommissar Tauber im Polizeiruf. Es ist eine Kultfigur, die ihn berühmt gemacht hat.

Edgar Selge ist der Nachdenkliche, der Zweifler unter den deutschen Schauspielern. Er will uns hineinverführen, wie er es sagt, etwa in die Welt von Goethes Faust. "Ich habe gemerkt, alles, was dich bedrückt, was dich mutlos macht, was dir die Lebenslust verbaut, das ist alles schon formuliert, das gibt es alles. Du findest da einen ungeheuren Trost in diesen Theaterfiguren, die mit ihrer großen Verzweiflung dir die Hände reichen und sagen: 'Komm, das Leben ist so!'"

Edgar Selge und Ehefrau Franziska Walser engagieren sich

Und in das gesellschaftliche Leben mischt er sich auch ein. 2022 unterschrieb er den Offenen Brief gegen Waffenlieferungen an die Ukraine, aus Sorge vor einem Dritten Weltkrieg. Zusammen mit seiner Frau, der Schauspielerin Franziska Walser, engagiert er sich für psychisch kranke Menschen. Lachen kann man mit Edgar Selge auch, wie im Film "Reine Geschmackssache".

Roman "Hast du uns endlich gefunden" wurde Bestseller

Sein Vater war Direktor der Jugendstrafanstalt Herford. Zwei seiner Brüder starben im jungen Alter, der eine schon in den Vierzigerjahren, bei der Explosion eines Blindgängers. Diese Erfahrungen flossen in seinen ersten Roman ein, "Hast du uns endlich gefunden", ein Besteller von 2021. "Das Besondere an diesem Buch ist, dass es ein Kind erzählt, und dieses Kind erzählt von seinen Traumata. Das sind eigentlich so die beiden Pole in dem Leben dieses Jungen, der Eindruck des Gefängnisses und der Eindruck der Musik. Und dieses Kind ist ein ferner Bruder von mir", sagt Selge.

Die Kunst, sagt Edgar Selge, macht auch einsam. "Jeder Mensch, der anfängt zu versuchen, sich auszudrücken, ob über Bilder, Musik, Tanz oder Sprache oder Schreiben, stellt fest, dass er einzigartig ist, einzigartig einsam, aber auch einzigartig befähigt." Und die Gemeinschaft, sagt er, besteht aus lauter Einzigartigkeiten. Das mache uns zum Menschen. 

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Kulturjournal | 27.03.2023 | 19:00 Uhr

Schlagwörter zu diesem Artikel

Biografie

Cover des Buches "backstage Hübner" © Theater der Zeit

"Backstage Hübner": Der Schauspieler Charly Hübner im Porträt

Charly Hübner zählt zu den besten Schauspielern in Deutschland. Nun kommt mit "Backstage Hübner" ein Buch über ihn heraus. mehr

Melly Böwe (Lina Beckmann) im Polizeiruf 110 "Seine Familie kann man sich nicht aussuchen" am 24. April 2022 in Das Erste © NDR/ Foto: Christine Schroeder

Lina Beckmann: Schauspielerin mit gewaltiger Bühnenpräsenz

Sie ist fest am Hamburger Schauspielhaus und im Rostocker Polizeiruf 110 zu sehen. Sie kann fast alles spielen - immer aus dem Bauch. mehr

Lars Eidinger schreit das Publikum an. © picture alliance / Franz Neumayr / picturedesk.com | Franz Neumayr

Lars Eidinger - Filmporträt einer Rampensau

Ob Theater, Film oder Fernsehen: Lars Eidingers Spiel ist immer exzessiv. Ein neuer Dokumentarfilm kommt ihm beeindruckend nah. mehr

Der Arm einer Frau bedient einen Laptop, der auf einem Tisch in einem Garten steht, während die andere Hand einen Becher hält. © picture alliance / Westend61 | Svetlana Karner

Abonnieren Sie den NDR Kultur Newsletter

NDR Kultur informiert alle Kulturinteressierten mit einem E-Mail-Newsletter über herausragende Sendungen, Veranstaltungen und die Angebote der Kulturpartner. Melden Sie sich hier an! mehr

NDR Kultur App Bewerbung

Die NDR Kultur App - kostenlos im Store!

NDR Kultur können Sie jetzt immer bei sich haben - Livestream, exklusive Gewinnspiele und der direkte Draht ins Studio mit dem Messenger. mehr

Mann und Frau sitzen am Tisch und trinken Tee. © NDR Foto: Christian Spielmann

Tee mit Warum - Die Philosophie und wir

Bei einem Becher Tee philosophieren unsere Hosts über die großen Fragen. Denise M‘ Baye und Sebastian Friedrich diskutieren mit Philosophen und Menschen aus dem Alltag. mehr

Mehr Kultur

Ein Buddha-Kopf aus Marmor steht in einem Raum des Museums am Rothenbaum (MARKK). © picture alliance/dpa | Marcus Brandt

Buddha-Kopf aus der Umzugskiste: Der lange Weg der NS-Raubkunst

Das Hamburger MARKK gibt einen Buddha-Kopf zurück, der einer jüdischen Emigrantin gehörte und von den Nazis geraubt wurde. Warum hat es bis zur Rückgabe so lange gedauert? mehr

Das Logo von #NDRfragt auf blauem Hintergrund. © NDR

Umfrage: Ist Wohnen bald unbezahlbar?