Der Nahost-Experte Jörg Armbruster © Christina Kratzenberg Foto: Christina Kratzenberg

Armbruster: "Gebete besitzen eine therapeutische Funktion"

Stand: 15.02.2021 11:45 Uhr

Jörg Armbruster war viele Jahre ARD-Korrespondent im Nahen Osten. 2013 geriet er bei Aleppo in einen Hinterhalt und wurde schwer verletzt. Ein Satz aus Psalm 18 hat ihn nachhaltig geprägt.

Als mir Angst war, rief ich den Herrn an und schrie zu meinem Gott. Da erhörte er meine Stimme von seinem Tempel und mein Schreien kam vor ihn zu seinen Ohren.

Was ist für Sie der Kern dieses Psalms?

Jörg Armbruster: Das erinnert mich an eine Situation 2013 in Aleppo ... Ich war von einem Scharfschützen angeschossen worden. Der rechte Arm war so gut wie zerstört. Das Schwierige war, mein Atem ging sehr stoßweise. Und der Arzt sagte, solange du so atmest, kann ich dich nicht in Narkose versetzen und den Arm so versorgen, dass du transportfähig bist. Ich habe aber die Atmung nicht in Griff bekommen. Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Der Freund, der mir diesen Psalm geschickt hat, war dabei in Aleppo. Er ist ein sehr gläubiger Mensch und fing an, das Vaterunser zu beten. Und die muslimischen Begleiter stimmten ein. Ich fing dann auch an, das Vaterunser aufzusagen. Beide - die muslimischen Gebete und das deutsche Vaterunser - endeten mit Amen. Und es war fast ein kleines Wunder. Ich konnte dann tatsächlich perfekt atmen, so dass der Arzt mich versorgen konnte. Wenn ich mir diese Situation noch einmal vor Augen führe, dann war das kein Wunder. Ich bin nicht erhört worden. Auf keinen Fall. Das wäre mir viel zu vermessen. Aber was ich erlebt habe, das haben mir Therapeuten später auch bestätigt: Solche Gebete besitzen eine therapeutische Funktion. Sie beruhigen Menschen.

Da erhörte Gott meine Stimme. Sie haben gesagt, dass das ein Freund gewesen ist, der Ihnen diesen Psalm gegeben hat. Welche Bedeutung hat für Sie persönlich das Gebet?

Armbruster: Christentum spielt für mich eine wichtige Rolle - ich bin erst sehr spät getauft worden -, aber mehr als Ethik, denn als Glaube. 

Ihr neues Buch "Die Erben der Revolution" ist auch ein Buch von Geschichten, wo auch die einzelnen Menschen sehr gut dargestellt werden und auch gleichzeitig deren Leiden sehr deutlich werden. Was für eine Ungerechtigkeit ist denen zum Teil widerfahren. Wie gehen Sie damit um?

Armbruster: Indem ich solche Geschichten erzähle und ich so praktisch ...

… Rechenschaft ablege.

Armbruster: Nein, warum? Ich muss nicht Rechenschaft ablegen.

Oder Zeugnis dafür ablegen, was passiert?

Armbruster: Wenn man das so ausdrücken will, Zeugnis ablegen - ja. Als Reporter sage ich, Geschichten über die Menschen in solchen Gebieten zu erzählen, das hilft mir schon. Und ich lehne es ab, verzweifelt und hoffnungslos zu sein. Das lähmt nur. Wenn ich Wut und Zorn verspüre, weil ich die Situationen so erlebe, wie sie vor Ort sind - da gibt es genug Gründe, wütend und zornig zu werden. Und dann imponiert mir immer auch der Islam und welche Rolle wiederum Religion bei vielen Menschen in diesen Krisengebieten spielt. Viele haben ihre Menschlichkeit deswegen nicht verloren, weil sie eben die Menschlichkeit aus ihrer Religion herausziehen. Und darum habe ich sie gelegentlich beneidet.

Aber Sie sagten, dass Sie Ihre Ethik auch aus dem christlichen Glauben ziehen?

Armbruster: Ja.

Inwieweit oder an was denken Sie zuerst?

Armbruster: So etwas wie Nächstenliebe halte ich für sehr wichtig. Liebe zu Menschen, Achtung vor Menschen, Respekt, Menschen zu unterstützen und deren Geschichten eben zu transportieren. All das, glaube ich, hat auch mit einer christlichen Ethik zu tun. 

Der Nahost-Experte Jörg Armbruster © Christina Kratzenberg Foto: Christina Kratzenberg

AUDIO: Im Anfang war das Wort mit Jörg Armbruster (7 Min)

In Ihrem neuen Buch heißt das letzte Kapitel "Ein Hoffnungsfunke". Was gibt Ihnen Hoffnung?

Der Nahost-Experte Jörg Armbruster © Christina Kratzenberg Foto: Christina Kratzenberg
In Ägypten ist der "Arabische Frühling" gescheitert. Jörg Armbruster hat wenig Hoffnung für das Land.

Armbruster: Junge Menschen wie "Fridays for Future", die einfach mal den Alltag und auch die Politik aufmischen. Inzwischen kommen die Politiker an der globalen Bewegung nicht mehr vorbei. Und dann gibt es sehr viele junge Menschen im Nahen Osten, die sich nicht mit dem abfinden wollen, wie der Nahe Osten sich heute darstellt: mit den autoritären und patriarchalischen Strukturen. All diese Bewegungen geben mir Hoffnungen, dass es in diesen Ländern im Nahen Osten auf Dauer zu einer offeneren Gesellschaft kommt als sie sie bisher haben.

Was ist die Zielsetzung Ihres Buches? Geschichten erzählen, damit wir aufwachen?

Armbruster: Es wäre schön, wenn das so wäre. Und eben auch zu vermitteln. Zehn Jahre nach dem gescheiterten arabischen Frühling, besonders in Ägypten, gibt es trotz alledem noch Hoffnung. Und dieser Pessimismus, der hier oft auch in Zeitungen verbreitet wird, ist meines Erachtens fehl am Platz. Die Menschen dort brauchen Unterstützung, brauchen Solidarität. Ungerechtigkeit muss eben öffentlich gemacht werden. Dann gibt es vielleicht die Möglichkeit, ein bisschen mehr Gerechtigkeit einzuführen. Was Ägypten angeht, habe ich wenig Hoffnung. Da haben die europäischen Regierungen - immer Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie wie eine Monstranz vor sich hertragend - genau das Gegenteil bewirkt, indem sie dorthin Waffen liefern und das Gegenteil machen. Aber es ist so und man kann nur dagegen anschreiben.

Sie haben vorhin einmal gesagt: Sie sind ein bisschen neidisch gewesen. Da ging es um muslimische Freunde oder Bekannte, die sehr viel aus ihrem Glauben ziehen. Auf was sind Sie da neidisch?

Armbruster: Dass sie das so stark können, sich so ein Stück weit bedingungslos ihrem Gott ausliefern können und ihm vertrauen können. Wir haben das nie wirklich tief diskutiert, weil ich auch eine Scheu hatte, mich auf dieses Thema einzulassen. Denn Religion ist auch eben eine sehr persönliche Angelegenheit. Ich bin sehr gern in Moscheen gegangen, habe dort die Ruhe genossen und dann gesehen, dass sich die Menschen da mit einer ganz anderen Sicherheit mit ihrem Gott auseinandersetzen, als das bei uns üblich ist.

Hat das Erlebnis von 2013 da in irgendeiner Form was dran geändert, was Sie für ein Bild von Gott haben?

Armbruster: Vielleicht ja. Ich bin jetzt gerade etwas zögerlich mit der Antwort, weil das auch in einen sehr persönlichen Bereich geht. Aber wie gesagt, dieses Gebet hat mir Ruhe gegeben.

Das Interview führte Susanne Richter. Redaktion: NDR

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Im Anfang war das Wort. Die Bibel | 20.02.2021 | 07:40 Uhr

Info

Die Evangelische und Katholische "Kirche im NDR" ist verantwortlich für dieses Onlineangebot und für die kirchlichen Beiträge auf allen Wellen des NDR.