Anne Harms von der kirchlichen Hilfsstelle "Fluchtpunkt" © privat

Anne Harms: "Die Kirche steht für politische Werte"

Stand: 04.11.2021 09:15 Uhr

Anne Harms ist Mitbegründerin der kirchlichen Hilfsstelle "Fluchtpunkt" in Hamburg. "Wie viele Menschen können wir bei uns aufnehmen?" Anne Harms sagt gegenüber Kirche im NDR: Diese Frage ist ein völlig verkehrter Ansatz.

"Ihr seid teuer erkauft, werdet nicht der Menschen Knechte." Was ist für Sie die Bedeutung dieses Bibelverses in Ihren eigenen Worten.

Anne Harms: Ich interpretiere den Vers als Befreiung, aber auch als Anforderung. Kein Mensch hat das Recht, zu gehorchen. Ich denke, wir werden ständig verlockt, dem Mainstream zu folgen, weil es so viel einfacher ist. Aber in diesem Vers und in anderen steckt die Anforderung an uns, auch die richtigen Fragen zu stellen. Das bedeutet in meiner Arbeit zum Beispiel, dass die Frage, wie viele Menschen müssen oder können wir hier bei uns aufnehmen, gar nicht die richtige ist. Wir denken alle, das Glück, dass wir in einer Region geboren sind, die derzeit Frieden und Wohlstand erlebt, gibt uns das Recht zu entscheiden, wer daran teilhaben darf. Und das sogar um den Preis, dass andere unsere Abwehr mit dem Leben bezahlen. Woher nehmen wir dieses Recht? Das wäre die richtige Frage.

Und dieser Ausdruck "Ihr seid teuer erkauft worden", wie deuten Sie das?

Harms: Das kann man natürlich erstmal sehr naheliegend auf das Opfer Jesus Christus beziehen. Ich sehe das aber auch als Hinweis an uns, dass dieses besondere Geschenk von freiem Geist und Bewusstsein für uns einen Preis hat.

Diese Opfervorstellung, die ist ja theologisch auch eher etwas worüber auch gestritten wird, wie man das eigentlich verstehen kann. Deshalb frage ich so neugierig nach. Sie würden sagen, erkauft ist eher so etwas wie geschenkt. So interpretieren Sie das eher?

Harms: Ja, ich glaube ganz simpel, dass uns die Fähigkeit gegeben wurde zur Unterscheidung von falsch und richtig. Und das ist ein Geschenk, und das ist gleichzeitig unsere Bürde. Immer der Realpolitik zu folgen, wäre bequem. Aber in all dem immer den Auftrag an uns, es uns nicht zu leicht zu machen.

Gab es denn einen besonderen Moment. Sie haben jetzt schon auf Ihre Arbeit angespielt, aber gab es einen besonderen Moment, wo Sie gemerkt haben, dieser Vers, der trifft es jetzt genau?

Harms: Es ist das Thema. Tausende Menschen ertrinken jedes Jahr im Mittelmeer. Und dennoch gelten Leute, die eine stärkere Grenzsicherung und eine bessere Ausstattung von Frontex fordern bei uns als bürgerlich ganz normal. Sie lösen kaum Empörung aus. Als radikal hingegen gelten Menschen, die unser Recht auf Abschottung in Zweifel ziehen. Und vor allem gelten ihre Wünsche als vollkommen unrealistisch. Aber, wenn wir uns einer Realität der Unmenschlichkeit unterwerfen, wenn wir glauben, dass das Richtige leider nicht das Machbare ist, ich finde, dann müssen wir uns fragen, welchem Herrn wir dienen.

Sie arbeiten für die kirchliche Beratungsstelle "Fluchtpunkt". Mögen Sie einmal beschreiben, was da Ihre Aufgabe genau ist?

Harms: Ja, "Fluchtpunkt" ist eine kirchliche Hilfsstelle für Geflüchtete, wo tatsächlich Rechtshilfe erfolgt. Das heißt, wo Asylsuchende und Schutzsuchende auch vertreten werden in ihren Verfahren. Die kirchliche Trägerschaft gibt uns die Unabhängigkeit vom Staat, das ist ganz wichtig. Und gleichzeitig den christlichen Auftrag für Einhaltung sehr irdischer Regeln zu kämpfen. Für das Grundgesetz, für die Menschenrechte, die Genfer Konventionen. Das sind Sachen, die in einer Zeit entstanden sind, die geprägt war von der traumatischen Erfahrung, wohin es führt, wenn Menschen Menschen folgen, ohne Fragen zu stellen. Also sich zu des Menschen Knecht machen. Und glaube, dieses Trauma ist verblasst. Innenminister Seehofer zum Beispiel bezeichnet Gerichtsentscheidungen, die ihn an diese Grundrechte binden, nur als hinderlich. Er bringt ihnen keinen Respekt entgegen.

Gerade eben haben Sie gesagt, man muss wissen, welchem Herrn man dient. Das ist eigentlich ein indirekter Gottesbezug. War das von Ihnen so gemeint?

Harms: Ja. Im Prinzip, ja. Ich glaube, dass wir christlichen Werten offiziell und oberflächlich großen Wert beimessen, aber in der Praxis sie praktisch niemals für machbar, für realpolitisch relevant halten. Und darin sehen ich den großen Fehler. Das meine ich, mit sich zum Knecht der Menschen zu machen. Also einfach vermeintlichen Sachzwängen zu folgen anstatt Werten.

Was ist Ihre persönliche Motivation für diese Arbeit?

Harms: Ich bin aufgewachsen in einer Zeit und in einer Familie, in der man noch angenommen hat, dass die Lehren des Zweiten Weltkriegs und der Nazizeit für immer bestimmte Dinge verhindern könnten. Und ich habe schon während des Studiums gemerkt, dass das keine Garantie ist. Dass wir auf unseren Rechtsstaat sehr, sehr achten müssen. Auf die Menschenrechte und auf die menschenwürdige Behandlung aller Menschen bei uns. Und dass das nichts ist, was sich von allein trägt, sondern dass es unser aller Aufgabe ist, das zu pflegen und zu bewachen. Und ich finde, der wichtigste oder geeignetste Punkt das zu tun, ist bei der Verteidigung der Rechte der Schwächsten. Und das sind in unserer Gesellschaft ganz deutlich auch Flüchtlinge.

Anne Harms von der kirchlichen Hilfsstelle "Fluchtpunkt" © privat
AUDIO: Im Anfang war das Wort mit Anne Harms (6 Min)

Sie haben sich einen Vers ausgesucht, der einen hohen Anspruch hat. "Werdet nicht der Menschen Knechte", das kann ja sehr unangenehm sein und den Einzelnen wirklich herausfordern. Woher bekommen Sie die Kraft für Ihre Arbeit?

Anne Harms von der kirchlichen Hilfsstelle "Fluchtpunkt" © privat
Anne Harms von der kirchlichen Hilfsstelle "Fluchtpunkt" gibt die Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit viel Kraft.

Harms: Die Schicksale und die Erlebnisse, die die Menschen uns erzählen, die belasten natürlich schon. Aber andererseits ist natürlich die Sinnhaftigkeit der Arbeit etwas, das ganz viel Kraft gibt. Und es ist ein Geschenk, seinen Lebensunterhalt mit etwas verdienen zu können, das man wichtig und richtig findet. Es kommt hinzu, dass wir sehr erfolgreich sind. Wir gewinnen die große Mehrzahl unserer Verfahren, und natürlich bekommen wir auch Kraft daraus, dass wir sehr viel von den Klienten zurückbekommen.

Es wird oft diskutiert, ob Kirche politisch sein soll, darf. Das hört sich so an, als ob Sie die Meinung vertreten, dass Kirche politisch ist, von sich aus. Stimmt das so?

Harms: Die Kirche ist eine gesellschaftliche Kraft, die wahrgenommen wird, die gehört wird, und daraus resultiert immer Verantwortung. Natürlich politische Verantwortung. Und die Werte, für die die Kirche steht, sind politische Werte. Die Nächstenliebe, wie gesagt, hat ihren Niederschlag gefunden, der Grundsatz in diversen Grundrechten und internationalen Abkommen. Und wer, wenn nicht die Kirche hat die Aufgabe, dafür zu kämpfen für deren Durchsetzung da zu sein.

Das Interview führte Susanne Richter. Redaktion: NDR

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Im Anfang war das Wort. Die Bibel | 06.11.2021 | 07:40 Uhr

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