Der Autor und Aktivist Christian Felber © Friedl und Partner

Christian Felber: "Die Welt gerät aus dem Gleichgewicht"

Stand: 13.01.2022 09:50 Uhr

Christian Felber ist Mitbegründer von Attac Österreich und Initiator des Projektes Gemeinwohl-Ökonomie. Sein neues Buch "This is not economy" ist ein Aufruf zur Revolution der Wirtschaftswissenschaften.

Denn die Welt gerate derzeit aus den Fugen - aus allen Gleichgewichten, aus dem ökologischen Gleichgewicht, aus dem sozialen Gleichgewicht. Demokratie erodiere, der soziale Zusammenhalt gehe verloren. Sinn erodiere, sagt Felber. "Und die gegenwärtige Wirtschaftsweise hat dazu einen ganz maßgeblichen Beitrag geleistet."

Welche Rolle können jetzt religiöse Player, Kirchen spielen? Oder inwieweit können sie eine Gemeinwohlökonomie unterstützen?

Christian Felber: Die christlichen EthikerInnen haben, nicht im Unterschied zu anderen Weltreligionen, sondern im Einklang mit anderen Weltreligionen, den Gemeinwohlwert immer schon als einen Leitwert identifiziert und hochgehalten. Gerade in Zeiten, wo die Wirtschaft sich von ihren demokratischen Grundwerten 'befreit' und hier ein ganz eigenes Wertesystem aufgebaut hat - von Egoismus bis grenzenlosem Wachstum. Da müssten die Kirchen eigentlich dagegenhalten, auf der ethischen Ebene, und sagen, das ist nicht im Einklang mit unseren dauerhaften Grundwerten. Es ist auch nicht im Einklang mit den demokratischen Verfassungswerten. Auf diesen Widerspruch könnten die Kirchen sehr viel stärker hinweisen. Und dann könnten sie, was sie zum Glück ja tun, die Gemeinwohlökonomie in ihren Basisgemeinden und ihren Organisationen beginnen, umzusetzen, um das auch vorzuleben.

Sie haben im Zusammenhang mit der Gemeinwohlökonomie von einem Hunger gesprochen. Also, dass die Raiffeisen-Idee entstanden ist, weil ein Brot-Hunger geherrscht hat und die Gemeinwohlökonomie auf einen Sinn-Hunger reagiert. Woran machen Sie das fest?

Felber: Ganz direkt an den vielen erfolgreichen Menschen, die in Konzernen gearbeitet haben und aussteigen, weil sie es nicht mehr aushalten. Und was sie nicht mehr aushalten, ist an erster Stelle die Sinnlosigkeit. Dass sie Hochleistungen erbringen müssen für ein nicht nachvollziehbares Ziel. Für immer bessere, immer noch höhere Finanzkennzahlen. Das erfüllt keinen Menschen mit Sinn. Und deshalb steigen sie aus, obwohl sie prinzipiell zu hoher Leistung bereit wären. Aber es müsste eben für ein sinnvolles Ziel sein. Das ist ein wesentlicher Indikator. Und wenn man dann ein bisschen tiefer in das System blickt, dann sieht man, dass das derzeitige System eben auf sinnlosen Zielgrößen aufbaut. Nämlich auf der Finanzrendite von Investitionen, auf dem Finanzgewinn von Unternehmen und auf dem monetären Bruttoinlandsprodukt für Volkswirtschaften. Und wenn man die Grundeinheiten dieser drei Zielparameter ansieht, dann sieht man, es ist immer Geld. Und Geld ist nach allen Philosophien dieser Welt, nach allen Religionen dieser Erde ein Mittel, aber nicht der Zweck unseres Daseins, oder kein Ziel des Zusammenlebens. Auch kein Ziel des Wirtschaftens.

Sie begründen Ihre Theorie mit philosophischen, ethischen und psychologischen Argumenten und haben dann aber später gesagt, dass auch spirituelle Erfahrungen eine wichtige Rolle dabei gespielt haben. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Felber: Meine persönlich eindrücklichste spirituelle Erfahrung habe ich sehr früh machen dürfen. Ich war noch keine zehn Jahre jung und bin im Salzburger Alpenvorland aufgewachsen an einem See. Im Sommer bin ich täglich vor Sonnenaufgang an diesen See gegangen. Vordergründig, um zu fischen. Und mit der Zeit, als ich da wirklich Tag um Tag, stundenlang an diesem Seeufer verbracht habe, ..., wurde mir irgendwann sehr viel später klar, das, was ich eigentlich gemacht habe, war nicht fischen, das habe ich auch gemacht, sondern das Eigentliche war das Aufsuchen und Erleben dieser Erfahrung des Einswerdens. Zunächst mit der Natur, mit dem Wasser und den Tieren und der Witterung.

Der Autor und Aktivist Christian Felber © Norbert Kopf Foto: Norbert Kopf
"Kooperation, Fürsorge, Teilen, Großzügigkeit und Anteilnahme", machen für Christian Felber den Sinn des Lebens aus.

Und dann ist es aber noch tiefer gegangen. Ich habe sehr intensive innere Erlebnisse gehabt ..., und erst sehr viel später wurde mir bewusst, was das eigentlich war. Das waren nämlich Werte, die ich als Gefühle erleben durfte. Ich habe da Wertschätzung, Zärtlichkeit, Kooperation, Fürsorge, Teilen, Großzügigkeit und Anteilnahme erfahren. Und das war meine höchste ethische Lust. Die innere Erfahrung ist zu einer Gewissheit geworden, dass das der Sinn des Lebens ist, und dass meine Aufgabe darin besteht, mich diesen Werten zuzuwenden und sie zu befördern und zu bestärken im Zusammenleben. Das war vor 40 Jahren, aber es ist heute so lebendig wie damals. Es haben sich dann ... weitere spirituelle Erfahrungen daran gereiht.

Sie sprechen von spirituellen Erfahrungen, würden Sie auch sagen, das war eine religiöse Erfahrung? Also hatte das etwas von einer Offenbarung, spielte Gott dabei eine Rolle?

Felber: Jetzt sind wir bei heiklen Begriffen angelangt. Für mich ist der Religionsbegriff ein sehr schöner Begriff, weil er von 'religare', wiederanbinden, also wieder eins werden mit dem großen Ganzen anspielt. Das ist für mich gleichbedeutend mit einer spirituellen oder einer mystischen Erfahrung. Ja, es ist eine Gotteserfahrung oder eine Einheitserfahrung. Und von daher ist es synonym für mich und gleichbedeutend.

Der Autor und Aktivist Christian Felber © Norbert Kopf Foto: Norbert Kopf
AUDIO: Gott und die Welt mit Christian Felber (8 Min)

Ich habe mal die Begriffe Religion und Spiritualität versucht so eigentlich nur aus didaktischen Gründen zu unterscheiden. Die Religionen wären also die kulturellen Übersetzungsinfrastrukturen, die Brunnen, die überall auf der Erde, auf allen Kontinenten dastehen, in unterschiedlicher Form, Farbe, Größe, Bauweise. Aber die Essenz, die die Menschen aus diesen Brunnen trinken, die ist überall dieselbe. Das wäre die spirituelle Essenz.

Spielen Jesus Christus und die Bibel eine Rolle für Ihren Glauben?

Felber: Zum einen zwangsläufig, weil ich sehr stark geprägt bin. Ich bin auch viel in die Kirche gegangen, habe auch ministriert, jahrelang in der katholischen Kirche und habe Religionsunterricht gehabt in der Schule. Da habe ich sehr viel Berührung mit der Bibel gehabt, und das ist natürlich immer noch eine Schatzkiste. Allein im Unbewussten ist da so viel abgesunken, was aber auch bis heute gilt und wichtige Referenzen sind. Und manchmal ist es geradezu befreiend, die Klarheit und die Kraft der Bibel zu erinnern im Unterschied zu einem kapitalistischen Werbespot oder zu einem politischen Wahlslogan. Das ist so geisttötend im Vergleich, da tut es gut, solche dauerhaften Texte immer wieder in Erinnerung zu rufen.

Sie haben einmal gesagt, dass bei Ihrer Spiritualität Gehorsam eine große Rolle spielt. Der Begriff kommt eigentlich aus der klösterlichen Tradition. Was meinen Sie damit?

Felber: Ich bin in einem sehr autoritären Umfeld aufgewachsen, und Gehorsam war, dass man den Eltern oder den Lehrkräften oder den Dorfautoritäten oder dann letztlich der Polizei und dem Militär gehorcht. Externer Gehorsam. Und der hat sich nach und nach immer stärker negativ konnotiert. Gehorsam war dann mehr oder weniger ein Schimpfwort. Bis der Benediktinermönch David Steindl-Rast in mein Leben kam und vorgeschlagen hat: 'Gehorsam kann man auch nach innen richten, indem man auf das eigene Herz hört.' Und das war genau der Weg, auf den ich schon ein bisschen gekommen war und auf dem er mich dann bestärkt hat. Hör' auf deine innere Stimme. Hör' darauf, was dein Herz dir sagt.

Das Interview führte Susanne Richter. Redaktion: NDR

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Gott und die Welt - der Podcast | 15.01.2022 | 07:40 Uhr

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