Sendedatum: 18.04.2020 09:20 Uhr

Das Rotkehlchen - Großer Sänger vor dem Herrn

von Oliver Vorwald

"Das Rotkehlchen und Jesus sollen sich besonders nahe gekommen sein, habe ich gehört. Was ist das für eine Geschichte?"

Glockenschlag. Punkt neun. Seine Zeit: Dann fliegt Herr Rotkehlchen aus dem Rhododendron heraus, setzt sich auf den Rosenbogen. Zunächst hockt er nur so da, schaut in den Garten, bevor er seine Lieder trillert - mit stolz geschwellter, orange-roter Brust. Die hat der kleine Kerl angeblich nicht immer besessen. So jedenfalls erzählt es eine Christuslegende, die vor langer Zeit in Jerusalem spielt. Eine Variante hat die schwedische Schriftstellerin Selma Lagerlöf aufgeschrieben.

Ein Rotkelchen tröstet Christus am Kreuz

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Typisch für das Rotkelchen ist ein perlender, langstrophiger Gesang.

Golgatha, Schädelstätte: Auf dem Hügel vor Jerusalem stirbt Jesus einen qualvollen Tod. Gleißende Sonne, eine johlende Menge, die Stacheln der Dornenkrone reißen weitere Wunden. Aus einem Rosenbusch heraus beobachtet ein kleiner hellbrauner Vogel das Geschehen. Die Leiden des Mannes am Kreuz zerreißen ihm das Herz. Also fliegt er zu ihm und löst mit aller Kraft einen Dorn aus der Stirn von Jesus. Dabei fällt ein Blutstropfen auf seine Brust, färbt sie rot. Die Farbe bleibt - und so kommt Herr Rotkehlchen zu seinem Namen, erzählt Selma Lagerlöf: "Aber wie oft auch das Rotkehlchen badete, die rote Farbe verschwand nicht mehr von seiner Brust, und als seine Kleinen herangewachsen waren, leuchtete die blutrote Farbe auch auf ihren Brustfedern."

Von einer ganz ähnlichen Tat, berichtet eine alte englische Volkssage. In dieser erhält Herr Rotkehlchen die orange-rote Brust, weil er Christus mit seinen Liedern am Kreuz tröstet. Und tatsächlich. Herr Rotkehlchen ist wirklich ein großer Sänger vor dem Herrn. Er zwitschert von früh morgens bis spät abends, beherrscht fast 300 Motiv-Varianten.

Pelikan als Symbol für den Opfertod Jesu

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Der Pelikan symbolisiert den sich opfernden Christus.

Aber es gibt noch mehr christliche Vögel. Einer von ihnen ist der Pelikan, weil er auf so besondere Weise seine Jungen großzieht. Sie bekommen ihr Futter nämlich aus dem Schlundsack der Elterntiere. Die Menschen des Mittelalters aber glaubten zu sehen, dass der Pelikan sich das Herz aus der Brust reißt, um damit seinen Nachwuchs zu ernähren. Sie erkannten darin den Opfertod Jesu wieder. Deshalb finden sich übrigens in vielen alten Kirchen Bilder von Pelikanen.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 18.04.2020 | 09:20 Uhr

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