Schild einer Notfallseelsorge auf einem Autodach. © Picture Alliance / dpa Foto: Sven Hoppe

Das Kirchenlexikon: Notfallseelsorge

Stand: 22.07.2021 11:36 Uhr

Egal, zu welcher Tageszeit: Notfallseelsorge kennt keine Sprechzeiten. Pastorinnen und Pastoren leisten dabei Erste Hilfe für die Seele.

von Pastor Oliver Vorwald

"Was genau macht ein Notfallseelsorger oder eine Notfallseelsorgerin? Welche Fähigkeiten brauchen sie oder er?"

Drei Uhr nachts, der Pieper reißt ihn aus dem Schlaf. Er tappt durch das dunkle Treppenhaus ins Pfarrzimmer, ruft die Leitstelle an. Tod eines Säuglings, junges Elternpaar, sie leben weit draußen auf dem Land. Erste Regel: Er versucht die Pfarrerin der Gemeinde zu erreichen, doch da meldet sich nur der Anrufbeantworter. Er nimmt die Autoschlüssel und den Rucksack mit der Aufschrift "Notfallseelsorge". Darin eine Weste, eine Isolierdecke, eine Schachtel Zigaretten, ein Teddybär, ein Gebetsbuch mit Liedern und Bekenntnissen verschiedener Religionen.

"Notfallseelsorge richtet sich an alle Menschen und achtet das Recht auf Selbstbestimmung und die religiöse und weltanschauliche Orientierung der Betroffenen." Aus den sogenannten Hamburger Thesen. Sie beschreiben das Selbstverständnis der Notfallseelsorge in Deutschland.

Da sein und beistehen

Scheinwerfer tasten durch die Nacht. Rund 40 Minuten dauert die Fahrt. Bilder huschen durch seine Gedanken, er drückt sie weg. Was dran ist, zeigt der Moment. Er vertraut auf die seelsorgliche Ausbildung – und seinen Glauben. Ein beleuchteter Hauseingang, Polizei, Krankenwagen. Zunächst der Austausch mit den Beamten, dann geht er zu den Eltern. Kaffeebecher auf dem Couchtisch, leere Blicke, Schweigen.

Er setzt sich zu den beiden und macht vor allem eins: ist ganz da, hält mit ihnen diesen Moment aus. Irgendwann kommen die Worte – und die Tränen. Er fragt, ob er das Kind sehen darf. Ob er ein Gebet sprechen soll. Stilles Nicken. Er geht nach nebenan, spricht die alten Trostworte von Behüten, Licht, Gnade. Die Nachbarin kommt und sagt "Dankeschön. Ich bleibe bei den beiden." Draußen holt er die Zigaretten aus dem Notfallseelsorge-Rucksack, blickt in den Nachthimmel.

Ein Dienst für den Moment

"Für die weitere seelsorgliche Begleitung nach dem unmittelbaren Einsatzzeitraum verweist die Notfallseelsorge an Seelsorger und Seelsorgerinnen vor Ort." (Hamburger Thesen).

Zu Hause sind schon alle wach. Er schließt die Töchter in die Arme, Frühstück, dann bringt er die Mädchen zum Schulbus. Dann ruft er die Kollegin auf dem Land an, berichtet vom Einsatz. Mittags kann er den Pieper und den Rucksack wieder abgeben. Sieben Tage dauert die Bereitschaft. Die allermeisten Einsätze spielen sich im häuslichen Bereich ab. Sie sind ein Dienst für den Moment. Das funktioniert auch heute in der Zeit der Masken. Notfallseelsorge ist erste "Hilfe für die Seele". Nicht mehr. Vor allem nicht weniger.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 24.07.2021 | 09:15 Uhr

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