Stand: 26.02.2019 12:00 Uhr

Brexit: Europa sorgt sich um Nordirland

von Julia Heyde de López
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Im Nordirlandkonflikt kam es zu vielen gewalttätigen Auseinandersetzungen.

Der Brexit steht kurz bevor, und Europa sorgt sich um Nordirland. Vor mehr als 20 Jahren wurde in Belfast das "Karfreitagsabkommen" geschlossen. Es brachte Frieden in ein Land, wo sich jahrzehntelang zwei Gruppen feindlich gegenübergestanden hatten: die pro-irischen Katholiken und die englisch-stämmigen Protestanten. Die amerikanische Soziologin Gladys Ganiel lebt seit 2006 in Belfast und arbeitet an der Universität. Sie erlebt es jeden Tag: Immer noch grenzen sich die beiden Gruppen räumlich voneinander ab. 90 Prozent der Bevölkerung lebten in Nachbarschaften umgeben von Menschen mit demselben religiösen Hintergrund, erklärt sie. Die Kinder würden meist auf getrennte Schulen geschickt, weniger als 10 Prozent gingen auf integrierte Schulen.

Religionen haben soziale Spaltung verstärkt

Obwohl im Nordirlandkonflikt nicht um Glaubensinhalte an sich gestritten wurde, hat Religion die soziale Spaltung in der Bevölkerung stets verstärkt, sagt Gladys Ganiel. Die Kirchen waren beides: Teil des Problems und Teil der Lösung. Denn es gab auch Geistliche, die für Frieden eintraten und viel dafür riskierten. Einer von ihnen war Father Gerry Reynolds, über den Gladys Ganiel gerade ein Buch geschrieben hat. "Gerry hat sich öffentlich für die Ökumene stark gemacht, er ging eine Partnerschaft mit einer presbyterianischen Kirche ein. Außerdem organisierte er geheime Gespräche zwischen der Sinn Féin, der IRA und protestantischen Kirchenleuten."

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Erfahrungen des menschlichen Alltags, aus dem Glauben gedeutet - Eine Reihe zum kurzen Innehalten im schnellen Lauf der Zeit - Autorin: Julia Heyde de López. Audio (02:43 min)

Richtige Versöhnung blieb aus

In den Tagebüchern von Gerry Reynolds las Gladys Ganiel, dass er jahrzehntelang sogar für die Hardliner der anderen Seite gebetet hat. Jesu Gebot der Feindesliebe - bestimmend für seinen Alltag. Doch nach dem Belfaster Friedensabkommen von 1998 zogen sich die Kirchen und andere zivilgesellschaftliche Gruppen wieder zurück. Eine verpasste Chance, meint Gladys Ganiel. Denn so kam es nie zu wirklicher Versöhnung. "Ein Problem war, dass wir sozusagen einen Schritt übersprungen haben: Die Kirchen riefen zur Versöhnung auf, ohne dass es vorher eine Zeit der Anerkennung, der Trauer und Klage gegeben hätte. So konnten die Menschen, die während des Konflikts verletzt worden waren oder Familienmitglieder verloren hatten, ihren Schmerz, ihre Wut und Bitterkeit nicht bewältigen", so die Soziologin.

Kirchen müssen selbstkritisch sein

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UnsichtbareGrenze zwischen Irland und der britischen Provinz Nordirland..

Nun brauche es eine neue Generation, die bewusst den Kontakt zu Menschen mit anderen christlichen Traditionen sucht und aufeinander zugeht, sagt Gladys Ganiel. Ein gutes Beispiel dafür sei das "4 Corners Festival". Es wurde vor einigen Jahren von einem katholischen Priester und einem protestantischen Pfarrer in Belfast initiiert. Das Festival wolle Menschen aus ihrer Abschottung holen und sie theologisch herausfordern. Das Motto des letzten Festivals Anfang dieses Jahres lautete "Scandalous forgiveness", zu Deutsch "schockierende Vergebung". Gladys Ganiel erklärt: "Das Festival hat versucht, rund um das Thema der Versöhnung einen öffentlichen Dialog zu starten und die Frage zu stellen: Sind wir bereit zu vergeben? Und was brauchen wir dafür?"

Sie betont: Um auch in Zeiten von Brexit und "Backstop" einen Beitrag zu Frieden und Versöhnung leisten zu können, müssten die Kirchen eingestehen, welchen Anteil sie vormals an der Spaltung, dem Entstehen von Hass und Gewalt gehabt haben. Sie müssten fähig zur Selbstkritik sein, sonst werde der Rest der Gesellschaft sie nicht mehr ernst nehmen können.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 2 | Moment mal | 24.02.2019 | 09:15 Uhr