Jazz Special

Jazz und Europa: Melancholie und Aufbegehren

Freitag, 07. Juni 2019, 22:05 bis 23:00 Uhr, NDR Info

Am Mikrofon: Bert Noglik

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Der polnische Trompeter Tomasz Stanko war oft musikalischer Gast beim NDR.

Sein Ton auf dem Instrument war bittersüß, betörend melodisch und schroff attackierend, durchtränkt mit Melancholie und widerständig im Aufbegehren. Im Spiel von Tomasz Stanko spiegelten sich die Erfahrungen eines Musikers, geboren im Kriegsjahr 1942, aufgewachsen im kommunistisch regierten Polen, fasziniert von den neuen Freiheiten des Jazz und angetrieben vom Drang nach eigenem Ausdruck. Sein Schaffen kreiste um existentielle Themen, offenbarte dunkle Stimmungen, reflektierte innere Zerreißproben und triumphierte mit dem Willen zu überleben. Sein Thema formulierte er treffend mit dem Titel einer seiner Platten: "Soul of Things".

Im Grunde spielte Tomasz Stanko sein ganzes Leben lang eine einzige Melodie mit endlosen Variationen in wechselnden Umgebungen. Im Kreis von Krzysztof Komeda war er in die Königsklasse des Jazz aufgestiegen. Mit eigenen Bands zelebrierte er die freie Improvisation, streifte er durch elektrische und akustische Klanglandschaften, fand er im Austausch mit einer jüngeren Musikergeneration zu einem beinahe zeitlos anmutenden Stil der Reife. Tomasz Stanko, der im Juli 2018 im Alter von 76 Jahren verstarb, spielte in den letzten Jahren sowohl mit seiner polnischen Band als auch mit seinem New York Quartet. Mit seiner Musik in den USA, dem Ursprungsland des Jazz, angekommen zu sein, bedeutete ihm eine große Genugtuung. Und obwohl er zu Recht die Internationalität des Jazz betonte, blieb die Besonderheit seines Tons europäisch geprägt.