Stand: 18.07.2021 17:00 Uhr

LKA: "Kokain ist zurzeit eine große Herausforderung"

Der leitende Kriminaldirektor im Landeskriminalamt Christian Zahel spricht im Interview. © NDR
Drogenkriminalität gefährdet am Ende auch die Demokratie selbst, warnt Christian Zahel von LKA in Niedersachsen.

Ermittler beim Landeskriminalamt sind alarmiert. Die Experten warnen vor einer riesigen Drogenschwemme mit Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft. Mitarbeiter der Drogenberatungsstellen sehen mit Sorge auf den Alltagskonsum von Alkohol. Und doch ist das Thema Drogen wenig im öffentlichen Bewusstsein. Am Montag werden der Innen- und die Justizministerin den Lagebericht „Organisierte Kriminalität 2020“ für Niedersachsen vorstellen. Hallo Niedersachsen beschäftigt sich im Rahmen der Wochenserie mit den unterschiedlichen Aspekten von Drogen und Drogenkriminalität in Lande.

Christian Zahel ist Leitender Kriminaldirektor im Landeskriminalamt und deutschlandweit ein Experte für die Bekämpfung der Organisierten Kriminalität.

Herr Zahel, Sie sprechen von einer Kokainschwemme in Niedersachsen - warum?

Christian Zahel: Kokain ist für die Polizei zurzeit eine große Herausforderung im Bereich der Rauschgiftkriminalität. Die Mengen, die nach Europa und auch jetzt nach Deutschland kommen, sind so groß, dass man sich da echte Sorgen machen muss. Mit Kokain können höhere Gewinne als mit anderen Rauschgiften erzielt werden. Und die Großsicherstellungen, die mittlerweile im Tonnenbereich liegen, belegen, dass da Millionen verdient werden, wenn nicht sogar Milliarden. In Hamburg wurden jüngst 16 Tonnen Kokain sichergestellt, der Verkaufswert beläuft sich auf über eine Milliarde Euro. Und das ist nicht der einzige große Fund. In den Seehäfen Antwerpen und Rotterdam sind 2019 beispielsweise 100 Tonnen Kokain sichergestellt worden. Und das Kokain wird nicht in Belgien oder den Niederlanden verbraucht, sondern wird dann auch in andere Länder auch nach Deutschland geliefert.

Das sind ja ungewöhnliche Größenordnungen. Wie sehr hat die Sicherstellung der organisierten Kriminalität geschadet?

Zahel: Was uns wirklich überrascht hat, war, dass sich diese Großsicherstellungen im Tonnenbereich nicht auf den Verkaufspreis des Kokains auf der Straße ausgewirkt haben. Es muss offenkundig so viel Kokain im Markt sein, dass sich die Preise für ein Gramm Kokain nicht groß verändert haben. Das ist also ein Indiz dafür, dass es viel Kokain auf dem Markt gibt. Für uns ist das ein Alarmsignal, dass wir in diesem Bereich sehr intensiv die Bekämpfung der Organisierten Kriminalität voran treiben müssen.

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Sie warnen davor, dass organisierte Kriminalität schädlich für die Demokratie ist. Warum? 

Zahel: Es besteht die Gefahr von Korruption - etwa Bestechung von Hafenarbeitern, aber auch von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in den Sicherheitsbehörden. Die Millionen und Milliarden, die die Täter an Gewinn erzielen, werden gewaschen. Oft geschieht das im Ausland und wird dann reinvestiert, zum Beispiel in Immobilien, in andere Gewerbe. So werden Gelder legalisiert. Und aufgrund der Funde, die wir machen, muss man befürchten, dass Waffen zur Verteidigung der Drogen im Millionenwert eingesetzt werden. Die Bewaffnung der Täter ist zudem eine große Gefahr für Polizeibeamte, die bei Durchsuchungen eingesetzt werden.

Das Interview führte Angelika Henkel.

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Hallo Niedersachsen | 18.07.2021 | 19:30 Uhr