Mit Absperrband blockierte Sitze in einem Kinosaal. © picture alliance/dpa Foto: Christiane Bosch

Kultur in Zeiten von Corona: Kommt das Publikum zurück?

Stand: 19.10.2020 13:40 Uhr

Wie erfolgreich kann der Kulturbetrieb laufen, wenn oft nur ein Drittel der Plätze belegt werden darf? Ein Situationsbericht.

von Ole Wackermann

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Nach zwei Vorstellungen ist in Hildesheim schon wieder Schluss. Denn die Bühne des Theaters für Niedersachsen steht unter Wasser. Es könnte das perfekte Sinnbild für die Kultur in der Corona-Krise sein, war aber einfach nur ein Unfall mit der Sprinkleranlage, erzählt Intendant Oliver Graf. "Es sind wirklich 50.000 Liter Wasser runtergekommen und das innerhalb kürzester Zeit. So was sieht man nie. Also wenn das ein Bühnenbild wäre, wäre das ein Traum", überlegt er. "Nun vertragen sich der Holzboden und das Wasser auch nicht so gut. Wir müssen mal schauen, was wird", so der Intendant.

Der Theaterchef muss gleich zwei Krisen bewältigen: Corona und die Folgen des Wasserschadens. Das Theater muss in eine Übergangsspielstätte ausweichen und hofft, dass das Publikum auch die Aufführungen dort besucht. Keine Selbstverständlichkeit in Pandemie-Zeiten. Viele sehnen sich nach Kultur, befürchten aber, dass sie sich anstecken könnten. Und jeder geht unterschiedlich damit um.

Einnahmen können laufende Kosten nicht decken

Anne Kellner vom Lichtspieltheater Wundervoll in Rostock kennt das von ihrem Publikum: "Wir merken, dass das Stammpublikum gerne wieder kommt. Aber gerade von älteren Leuten hören wir zum Beispiel: Mein Mann, der will überhaupt nicht mehr kommen, weil er Bedenken hat, sich anzustecken."

Dabei kann nur jeder vierte Platz in dem Kino in Rostock überhaupt besetzt werden. "Wir wollen ja arbeiten und wir wollen den Leuten ein kulturelles Angebot machen", erzählt Kellner. "Aber ohne die Förderung, die wir bekommen, könnten wir das nicht. Ganz klar gesagt: Die Einnahmen die wir im Moment haben, reichen nicht, um die laufenden Kosten zu decken."

Nicht geförderte Kulturbetriebe können sich kaum halten

Kultur unter Corona-Bedingungen ist sehr oft ein Minus-Geschäft. So könnten Kions ohne staatliche Förderung zum Beispiel zum Aufgeben gezwungen werden, befürchtet Christine Berg, Vorstandschefin beim Kinobetreiber-Verband HDF. Eigentlich muss in einem Kinosaal mindestens die Hälfte der Plätze besetzt sein, damit der Betreiber nicht ins Minus rutscht. "Wenn wir es schaffen, dass die Leute ins Kino kommen, dann können wir es schaffen, dass es nicht ganz so viele Insolvenzen gibt", erklärt sie. "Aber wenn weiterhin so viel Angst besteht, dann werden wir relativ viele Insolvenzen haben."

Vor dem Aus steht Theaterintendant Oliver Graf in Hildesheim dank staatlicher Finanzierung nicht. Aber auch er muss Möglichkeiten finden, um Geld zu sparen. Dort, wo Leidenschaft und Kreativität die Kultur nicht mehr retten, hilft zurzeit noch das Kurzarbeitergeld. "Wir können im Moment nicht das komplette Orchester in den Graben setzen, also hilft uns da die Kurzarbeit. Und wir schauen natürlich auch, wo wir an anderer Stelle Einsparungen vornehmen können, ohne dass man es zu sehr an der Qualität merkt, denn Corona-Lösungen dürfen keine Notlösungen sein", meint Graf.

Kreative Lösungsansätze während der Corona-Zeit

Nur Kurzarbeitergeld zu beziehen und den Spielbetrieb ganz einzustellen wäre in vielen Fällen sogar wirtschaftlicher, sagen Experten. Doch für Oliver Graf kommt das nicht in Frage: "Einfach ist es nicht. Aber wir surfen im Moment da durch, wir fliegen auf Sicht und versuchen, gemeinsam diese Krisen zu meistern."

Anne Kellner in Rostock denkt darüber nach, ob ihr Kinosaal nicht ab und zu anders genutzt werden könnte. "Wir kriegen jetzt vermehrt Anfragen nach Raumvermietung, weil jeder, der eine Veranstaltung mittlerer Größe durchführen möchte, die Größe eines Kinosaals mittlerweile braucht", berichtet sie. "Vielleicht ergibt sich da ein ganz neues Geschäftsmodell."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 20.10.2020 | 06:40 Uhr

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