Dalina Saalmüller (l.) vom Walddörfer SV kämpft gegen Gia Corley vom FC Bayern München um den Ball. © WITTERS Foto: LeonieHorky

Walddörfers Fußballerinnen: Die schönste Pleite ihres Lebens

Stand: 30.01.2021 21:21 Uhr

Die Fußballerinnen des Walddörfer SV waren im Achtelfinale des DFB-Pokals gegen den FC Bayern München erwartungsgemäß chancenlos. Doch trotz der 0:13 (0:8)-Pleite genossen die Hamburgerinnen das Spiel ihres Lebens.

von Hanno Bode

Es sind an diesem eisig kalten Sonnabendnachmittag die kleinen Erfolgserlebnisse, die dem krassen Außenseiter im Duell mit dem noch verlustpunktfreien Bundesliga-Spitzenreiter große Freude bereiten. "Jawohl!", hallt es aus dem Kreise der Walddörfer Spielerinnen, die es nicht in den Kader geschafft haben, als die Abseitsfalle des Regionalligisten nach wenigen Minuten das erste Mal zuschnappt. Kurz darauf gibt es einen ersten sehr zaghaften Entlastungsangriff des Hamburger Verbandspokalsiegers. "Ich habe den Mädels für jeden Torschuss einen Döner versprochen", verrät die frühere Kapitänin Marie Fröhlich, die seit einigen Monaten in Schweden studiert: "Ich wollte sie halt anspornen."

Thiel sorgt per Distanzschuss fürs Gratis-Döner

Sehr, sehr lange muss sie nicht ernsthaft darum fürchten, tief in die Schatulle greifen zu müssen. Die Mannschaft aus dem vornehmen Stadtteil Volksdorf rennt zwar viel - aber hauptsächlich ihren Gegenspielerinnen hinterher. Der Gratis-Döner für alle scheint in Anbetracht der drückenden Überlegenheit des FC Bayern inklusive gefühlt 98 Prozent Ballbesitz ein Traum zu bleiben. Dann aber nimmt sich die eingewechselte Benita Thiel in der 80. Minute ein Herz und schließt aus 25 Metern ab. Jubel brandet bei der WSV-Entourage auf. Der Ball schlägt zwar nicht hinter der bis dahin beschäftigungslosen Gäste-Keeperin Maria-Luisa Grohs ein, dafür jedoch ist ein gemeinsames Essen nun sicher - und vor allem finanziert.

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Große "Sause" erst nach Lockdown-Ende

Wann zusammen geschlemmt werden kann, ist allerdings noch fraglich. Denn wegen des Lockdowns und den damit unter anderem verbundenen Kontaktbeschränkungen dürfen die Hanseatinnen ab sofort nicht mehr trainieren oder sich in Teamstärke treffen. "Sobald es möglich ist, werden wir noch eine große Feier machen. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben", kündigt Niklas Wilkowski an, der die Mannschaft gemeinsam mit Niels Quante coacht.

Frau Holle und der HSV...

Dalina Saalmüller (l.) vom Walddörfer SV kämpft gegen Gia Corley vom FC Bayern München um den Ball. © WITTERS Foto: LeonieHorky
Mussten auf den Kunstrasen des HSV umziehen: Dalina Saalmüller (l.) und der Walddörfer SV.

Während alle anderen Hamburger Amateurteams seit Mitte November wegen des Shutdowns weder trainieren noch spielen dürfen, erhielt der WSV wegen des Pokal-Krachers gegen die Bayern eine Ausnahmegenehmigung für Übungseinheiten. Regelmäßig wurden die Kickerinnen auf Corona getestet, der Deutsche Fußball-Bund übernahm die Laborkosten. So konnte sich "David" zumindest vier Wochen lang auf das Duell mit "Goliath" vorbereiten. Doch als dies dann unmittelbar vor der Tür stand, hätte beinahe Frau Holle dem "Spiel ihres Lebens" (Keeperin Moana Michelsen) einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Am Vortag der Partie war so viel Schnee gefallen, dass der ursprünglich für die Begegnung vorgesehene Naturrasenplatz des Hamburger Fußball-Verbandes (HFV) nicht bespielbar war. Nun glühten die Telefondrähte. Es wurde ein Ausweichort gesucht - und im Volkspark gefunden. Zweitliga-Spitzenreiter HSV stellte den Volksdorferinnen seinen im Schatten des WM-Stadions liegenden Trainingsplatz zur Verfügung.

Keine Zuschauer erlaubt - viele Zuschauer da

Wenn auch beim HSV in der Vergangenheit bekanntermaßen nicht immer alles funktioniert hat, die Rasenheizung unter dem Plastikgrün tat es. Kein Schneeflöckchen ist mehr auf dem Feld zu sehen, als ihn die Kickerinnen beider Teams am Sonnabendnachmittag betreten. Auf den Traversen dürfen nur einige Journalisten sowie die Betreuer und nicht für die Partie nominierten Spielerinnen Platz nehmen. Geisterspiel-Atmosphäre herrscht während des ungleichen Duells dennoch nicht. Denn hinter den Zäunen des Platzes haben sich ein paar Dutzend Zuschauer versammelt, um von dort aus die Begegnung zu schauen.

"Es war schon krass, wie viele Leute da rumstanden", wundert sich Walddörfers Verteidigerin Dolores Gorcic nach dem Abpfiff im NDR Interview über den Menschenauflauf in Pandemiezeiten.

FC Bayern spielt Katz und Maus mit Walddörferinnen

Die, die sich einen Platz am Gitter gesichert hatten, werden Zeugen davon, wie das Münchner Starensemble nach dem 1:0 durch Lea Schüller (18.) Katz und Maus mit den überforderten Gastgeberinnen spielt. "Man merkt schon, dass die deutlich länger und mehr trainieren. Das sind halt Profis, das ist schon ein großer Unterschied", resümiert Gorcic. "Bayern ist überhaupt nicht unser Maßstab", sagt ihr Coach Wilkowski. Zur Pause liegt der Tabellenfünfte der Regionalliga-Staffel B nach weiteren Treffern von Schüller (20., 29.), Lina Magull (24.), Sydney Lohmann (35.), Marina Hegering (41.) und Gia Corley (44., 45.) mit 0:8 in Rückstand.

Trotz der Gegentorflut strahlen die Volksdorferinnen zur Halbzeit um die Wette. Das Ergebnis? Völlig nebensächlich! "Das Spiel hat mega Spaß gemacht, auch wenn es so eine hohe Niederlage geworden ist", sagt Angreiferin Anna-Lena Vasel später: "Es war eine geile, geile Erfahrung."

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Nationalspielerin Hegering mächtig angesäuert

Sicherlich auch für ihre Mitspielerin Dalina Saalmüller, die sich wie alle Walddörferinnen die Lunge aus dem Hals rennt. Und einmal will es die Mittelfeldakteurin dabei nicht belassen. Kurz vor der Pause lässt die 24-Jährige Hegering über die Klinge springen. Die Bayern-Verteidigerin krümmt sich danach mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Boden. Saalmüller hilft der Nationalspielerin zwar auf, doch die ist richtig, richtig böse. Wenn Blicke töten könnten, wäre Hegering nun vielleicht ein Fall für die Justiz...

Michelsen hält toll - aber nicht alles

Ronja Claasen (r., vorne) und Torhüterin Moana Michelsen vom Walddörfer SV können einen Treffer von Münchens Gia Corley nicht verhindern. © WITTERS Foto: LeonieHorky
Die Münchnerin Gia Corley (l.) überwand WSV-Keeperin Moana Michelsen (M., verdeckt) zweimal.

Schiedsrichterin Anna-Lena Heidenreich (Sereetz) drückt in dieser Szene beide Augen zu, nimmt Saalmüller nicht einmal ins Gebet. Sie hat einen ruhigen Arbeitstag. Die Partie ist extrem fair - und bleibt auch nach dem Seitenwechsel sehr einseitig. Besagter Schuss von Thiel ins "Döner-Glück" sowie kurz darauf eine eigene Ecke sind neben vielen tollen Paraden von Keeperin Michelsen die Höhepunkte aus Sicht der Gastgeberinnen. Die Münchnerinnen spulen derweil routiniert ihr Programm herunter und erhöhen durch "Buden" von Klara Bühl (50.), Schüller (64., 77.), Linda Dallmann (87.) und Julia Pollak (88.) auf 13:0.

"Immerhin hatten wir einen Torschuss"

Die vorgeführten Hamburgerinnen sind nach dem Abpfiff "sehr kaputt" (Vasel), aber eben auch "zufrieden", wie Verteidigerin Gorcic zu Protokoll gibt. Dass sie mit dem Zählen der Gegentore irgendwann nicht mehr hinterhergekommen ist ("Ich weiß nicht, wie das Spiel ausgegangen ist"), nimmt die Defensivspezialistin mit einem Lächeln hin. Was an diesem Tag zählte, war nicht das Resultat, sondern das Erlebnis. Und in Form des Döners gibt es ja auch irgendwann noch einen kleinen (schmackhaften) Trost für die hohe Pleite. "Immerhin hatten wir einen Torschuss. Es ist schon schwer, gegen so eine Mannschaft überhaupt nach vorne zu kommen", resümiert Angreiferin Vasel treffend.

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 30.01.2021 | 19:30 Uhr

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