Stand: 18.02.2019 18:22 Uhr

HSV-Anleihe: Eher Spende denn lohnendes Investment

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Dr. Daniel Weimar forscht an der Universität Duisburg-Essen über Finanzen von Fußballclubs.

Am Montag ist der freie Verkauf der neuen Fan-Anleihe des HSV gestartet. Mit dem Wertpapier soll die in diesem Jahr fällige Anleihe aus dem Jahr 2012 in Höhe von 17,5 Millionen Euro abgelöst werden. Über dieses Konstrukt, das Für und Wider von Fan-Anleihen und die angespannte finanzielle Situation des Fußball-Zweitligisten hat NDR.de mit Dr. Daniel Weimar gesprochen. Weimar forscht an der Universität Duisburg-Essen über die Finanzen von Fußballclubs und hat sich eingehender mit Anleihen beschäftigt. Sein Urteil im Fall der neuerlichen HSV-Anleihe fällt eindeutig aus.

Herr Weimar, wie bewerten Sie die Anleihe des HSV und die veranschlagte Verzinsung von sechs Prozent?

Daniel Weimar: Schafft der HSV nicht den Wiederaufstieg, wird er mit kritischen Finanzierungslücken konfrontiert sein. So wäre die Rückzahlung der Anleihe höchst ungewiss und mit einem hohen Risiko verbunden. In der Finanzwelt wird hohes Risiko mit hohen Zinsen kompensiert. Da beim HSV ein sehr hohes Risiko besteht, müssten rein ökonomisch gesehen auch Zinsen gezahlt werden, die deutlich über sechs Prozent liegen. Aber die Fans werden ja nicht nur durch die monetäre Rückzahlung entlohnt, sondern auch durch eine Art emotionale Rendite: dass der HSV bestehen bleibt.

Der HSV selbst betont, dass er das Geld aus der aktuellen Anleihe benötigt, um die alte aus dem Jahr 2012 in Höhe von 17,5 Millionen Euro abzulösen. Wie ist dies zu beurteilen?

Weimar: Es scheint rechtlich bisher alles okay zu sein. Jedoch stellt sich die Frage, wie diese neue Anleihe 2026 wieder abgelöst werden soll. Kritisch wird es, wenn die Beträge der neuen Anleihen immer weiter steigen. Dann wäre es eventuell eine Art Schneeballsystem und es wäre zu prüfen, ob dies im Einklang mit geltenden Gesetzen steht. Ob es moralisch vertretbar ist, Kapital der Fans über Jahrzehnte in immer neuen Anleihen zu binden, ist eine andere Frage, die sich der HSV stellen sollte.

Wie ist es allgemein zu bewerten, wenn Fußball-Vereine Anleihen auflegen? Was sind die Gründe dafür?

Weimar: Anleihen sind dann attraktiv, wenn andere Kreditoptionen erschöpft sind. Also entweder man legt eine Anleihe auf, um ein sehr großes Investitionsprojekt zu finanzieren oder wenn alle andere Fremdkapitalquellen erschöpft sind. Grundlegend ermöglichen es Anleihen, ein Investitionsgroßprojekt über mehrere Kreditgeber zu stückeln. Das macht das Erreichen der notwendigen Summe wahrscheinlicher, als einen Groß-Fremdkapitalgeber zu finden.

Würden Sie Fan-Anleihen als Investment empfehlen?

Weimar: Ohne emotionale Verbindung: Nein! Wer mit emotionaler Verbindung investiert, erhält neben den monetären Renditen auch eine emotionale und moralische Rendite, weil man "seinem Verein" geholfen hat. Man sollte ein solches Investment von vorne herein als Spende verbuchen und sich freuen, falls die Zinsen und das Kapital am Ende wirklich aus- beziehungsweise zurückgezahlt werden.

Was macht es für Fußballclubs attraktiv, Fan-Anleihen mit einer Verzinsung von sechs Prozent, wie im Falle des HSV, aufzulegen?

Weimar: Die Clubs erhalten so günstigere Konditionen als bei anderen Kreditinstrumenten. Darüber hinaus bieten sie die Möglichkeit, bei hoher Verschuldung überhaupt noch hohe Summen an Fremdkapital zu akquirieren.

Der HSV gibt bis zu einer gewissen Höchstgrenze auch sogenannte Schmuckanleihen aus. Was verspricht sich der Verein davon?

Weimar: Schmuckanleihen werden als physische Wert-Papier-Träger dem Anleihenzeichner übergeben, zum Beispiel als Urkunde. Das hat den Vorteil, dass die Anleihen noch stärker emotionalisieren und gut vermarktet werden können. Um Zins- und Rückzahlungen zu erhalten, muss der Fan allerdings das womöglich zu Hause eingerahmte Papier oder den dazugehörigen Kupon zurückgeben. So kann es sein, dass die Anleihenzeichner die Kupons nicht einlösen und das Kapital daher beim Emittenten, in diesem Fall beim HSV, verbleibt. Im Fall von Depotanleihen werden Zins- und Rückzahlungsprozesse automatisch ausgelöst.

Welche Möglichkeiten hat der HSV überhaupt, sich aus seiner finanziellen Schieflage zu befreien?

Weimar: Sportlich scheint eine finanzielle Konsolidierung nur durch eine mehrjährige Platzierung im oberen Tabellendrittel der Bundesliga und der Teilnahme an europäischen Wettbewerben möglich. Rein finanziell sehe ich nur den Ausweg über einen Großinvestor oder Mäzen oder eben ein Insolvenzplanverfahren.

Im Prospekt zur Fan-Anleihe hat der HSV selbst mehrfach auf das Risiko einer Insolvenz hingewiesen, wozu er gesetzlich verpflichtet ist. Besteht aus Ihrer Sicht für einen Club von der Größe und Bedeutung des HSV trotz der großen finanziellen Schieflage überhaupt die Gefahr einer Insolvenz?

Weimar: Die Insolvenzwahrscheinlichkeit ist gerade bei einem Verbleib in der Zweiten Liga sehr wahrscheinlich, da laufende Fixkosten dann nicht mehr gedeckt werden könnten. Sollte der HSV dann nicht zahlreiche Spieler verkaufen können, sollte es kaum eine Alternative geben.

Das Interview führte Matthias Heidrich, NDR.de

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