Stand: 19.05.2019 17:27 Uhr

HSV: Ein bisschen Frieden ...

von Hanno Bode, NDR.de
Fiete Arp (r.) erzielte in seinem letzten Spiel für den HSV den 3:0-Endstand.

Ende gut, alles gut? Mitnichten. Über diese Saison des Hamburger SV wird vermutlich noch lange gesprochen. Doch immerhin konnte der sechsmalige deutsche Fußball-Meister seine erste Zweitliga-Serie in der Vereinsgeschichte versöhnlich beenden. Nach zuvor acht Partien in Folge ohne dreifachen Punktgewinn verabschiedeten sich die HSV-Profis am Sonntagnachmittag mit einem 3:0 (1:0)-Erfolg gegen Absteiger MSV Duisburg in den Sommerurlaub. Leo Lacroix (15.), Manuel Wintzheimer (49.) und Fiete Arp (64.) waren für das Team des (unfreiwillig) scheidenden Trainers Hannes Wolf erfolgreich. Der gemeinsam mit dem 1. FC Köln als Aufstiegs-Topfavorit in die Spielzeit gestartete Traditionsverein beendet die Runde als Tabellenvierter.

"Hätte sehr, sehr schön sein können"

"Es hätte sehr, sehr schön sein können, weil die Fans Wahnsinn sind und wir es natürlich gerne geschafft hätten, uns hier heute in einer anderen Situation zu freuen", sagte Wolf im Interview mit dem NDR Hörfunk. Statt der erhofften Aufstiegssause gab es lediglich Applaus für einen sportlich wertlosen Sieg. Das große Ziel, die Rückkehr ins Oberhaus, wurde verpasst, "weil wir einfach in der Rückrunde nicht mehr unser Limit erreicht haben", wie der Coach bemängelte.

Kaum Unmutsbekundungen trotz Krise

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Die Angst der Profis, nach dem "überflüssigsten Nicht-Aufstieg der Fußball-Geschichte" (Clubboss Bernd Hoffmann) vom eigenen Anhang mit Liebesentzug bestraft zu werden, hatte sich zuvor dennoch als unbegründet erwiesen. Als die Fußballer des Hamburger SV den Rasen des Volksparkstadions betraten, um sich für das letzte Saisonspiel gegen die Meidericher warmzumachen, erhielten sie von den bereits anwesenden Zuschauern warmen Applaus. Die vielleicht leidensfähigsten Fans in Fußball-Deutschland haben offenbar ein feines Gespür dafür, dass das kickende Personal nicht die Hauptschuld daran trägt, dass das "Sportsystem kollabiert" ist beim sechsmaligen deutschen Meister, wie Hoffmann erklärte. Die Vereinsoberen stellten mit ihren - vorsichtig ausgedrückt - unglücklichen Äußerungen in der Vorwoche eindrucksvoll unter Beweis, woran es diesem "immer noch großen Club" (Sportvorstand Ralf Becker) seit Jahren mangelt: Ehrlichkeit, Geduld und Demut.

Lotto darf singen - aber nur A cappella

Der unsäglichen Posse um die Entlassung von Wolf sollte nun ein versöhnliches letztes Heimspiel folgen. "Vielleicht", um einen Lieblingsbegriff aus dem Beckerschen Wortschatz zu nehmen, wäre es nach dem Kommunikationsdesaster der vergangenen Tage sowie der miserablen Rückrunde eine gute Idee gewesen, das noch aus Bundesliga-Zeiten stammende Stadionprogramm etwas zu modifizieren. Lotto King Karl wie üblich einige Minuten vor dem Anpfiff sein "Hamburg meine Perle" trällern zu lassen - wenn auch nur A cappella - mutete irgendwie seltsam an. Und so richtig aus vollen Kehlen wollten dann auch nicht alle Anhänger mitgrölen, als der Stadionsprecher und Sänger beispielsweise zum Besten gab: "Wenn du aus München kommst, zieh'n wir dir die Lederhosen aus."

Sieben Youngster in der Startelf

34.Spieltag, 19.05.2019 15:30 Uhr

Hamburger SV

3

MSV Duisburg

0

Tore:

  • 1:0 Lacroix (15.)
  • 2:0 Wintzheimer (49.)
  • 3:0 Arp (64.)

Hamburger SV: Mickel - Vagnoman, Lacroix, van Drongelen, Douglas Santos - Janjicic - G. Jung (65. Jatta), B. Özcan (83. G. Sakai), Köhlert (71. Lasogga) - Wintzheimer, Arp
MSV Duisburg: Mesenhöler - Seo, Gembalies, Nauber (80. Hajri), Wolze (70. Taschtschi) - Fröde - Gyau, Daschner, Schnellhardt, Stoppelkamp - Iljutcenko (70. H. Nielsen)
Zuschauer: 51147

Weitere Daten zum Spiel

Es wird "vielleicht" noch viel Wasser die Alster herunterfließen, bis der HSV wie von Hoffmann angekündigt, wirklich jeden Stein umdreht. Wolf bewies in seinem letzten Spiel als Trainer des "massiven Krisenclubs" (Hoffmann) jedenfalls Mut. In Josha Vagnoman (18 Jahre alt), Arp (19), Wintzheimer, Vasilije Janjicic, Rick van Drongelen (alle 20), Mats Köhlert und Berkay Özcan (beide 21) berief er sieben Spieler in die Startelf, die ihre Karriere noch vor sich haben. Für erfahrene Haudegen wie Pierre-Michel Lasogga oder Hee-chan Hwang blieb da zunächst nur ein Platz auf der Bank. Der "Papa der Kompanie", Kapitän Aaron Hunt, fehlte verletzungsbedingt im Kader. Doch wie sagte schon der weise Fußball-Trainer Otto Rehhagel: "Es gibt keine jungen und alten Spieler, nur gute und schlechte." Wolf wählte nach diversen personellen Fehlentscheidungen in den vergangenen Wochen diesmal die guten aus. Diese Rasselbande wusste zu gefallen, phasenweise sogar ein wenig zu begeistern.

Lacroix trifft nach Santos-Ecke

Der Hamburger Talenteschuppen stürmte von Beginn an fröhlich und unbeschwert drauf los. Insbesondere Linksaußen Köhlert (Vertrag läuft aus) und der de facto in diesem Sommer zum FC Bayern München abwandernde Arp sammelten im ersten Abschnitt Fleißkärtchen. Am einzigen Tor in den ersten 45 Minuten waren sie allerdings nicht beteiligt. Es war eine Koproduktion zweier Profis, die keine beziehungsweise eine offene Zukunft beim HSV haben. Der brasilianische Olympiasieger Douglas Santos ("Für mich ist es hier zu Ende") schlug einen Eckstoß auf den Kopf des Schweizers Lacroix (ausgeliehen, sportlicher Wert umstritten), der völlig unbedrängt vollenden durfte. Wolf ("Ist scheiße gelaufen, aber es ist ein fantastischer Verein") quittierte den Treffer mit einem gequälten Lächeln.

Auch sonst versuchte eines der größten deutschen Trainer-Talente, das sich vielleicht viel zu naiv in das HSV-Abenteuer stürzte, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Der 38-Jährige dürfte nach dem Theater der Vorwochen froh sein, wenn er demnächst die Hamburger Stadtgrenzen hinter sich gelassen hat.

Arps Tränen nach dem Abschiedstor

Zumindest seine Abschiedsvorstellung wird der Trainer wohl in guter Erinnerung behalten. Denn die Hausherren ließen einer guten ersten Hälfte tatsächlich auch mal einen überzeugenden zweiten Abschnitt folgen. Das kam nicht so oft vor in dieser Serie. Und nachdem Wintzheimer auf 2:0 erhöht hatte, bekam dieses sportlich irrelevante Fußballspiel sogar noch eine melodramatische Note. Denn Arp traf in seinem letzten Spiel für seinen Herzensclub zum 3:0 und vergoss danach Tränen: "Ich brauche diesen Tapetenwechsel und bin dankbar, dass ich mit diesem Moment des Tores gehen kann."

Am Anfang eine Lüge, am Ende eine Halbwahrheit

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Gewissermaßen hatte sich mit der Bude des Eigengewächses der Kreis für den HSV geschlossen. Denn mit der Bekanntgabe seiner Vertragsverlängerung im vergangenen Sommer hatte das Bundesliga-Gründungsmitglied für viel Aufsehen gesorgt und zusätzliche Euphorie bei den Fans entfacht. Dass der als großer Hoffnungsträger in diese Zweitliga-Serie gegangene Angreifer zu diesem Zeitpunkt bereits einen Vertrag bei den Bayern unterzeichnet hatte, wurde seinerzeit verschwiegen. So begann die erste Zweitliga-Serie in der HSV-Historie mit einer Lüge und endete mit einer Halbwahrheit in der Personalie Wolf. Man werde erst mit ihm und dann über ihn reden, hatte Hoffmann Mitte der vergangenen Woche verkündet. Bald darauf kam heraus, dass der Coach bereits seit dem Ingolstadt-Spiel (0:3) von seinem möglichen Aus nach der Duisburg-Partie wusste. Wenn du aus Hamburg kommst, glaubst du manchmal, du bist im Irrenhaus ...

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 19.05.2019 | 22:30 Uhr

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