Stand: 23.06.2020 14:16 Uhr

Werder-Trainer Kohfeldt: Vom Aufsteiger zum Absteiger?

von Ines Bellinger, NDR.de
Werder-Trainer Florian Kohfeldt mit nachdenklicher Miene. © Witters Foto: Tim Groothuis
Werder-Trainer Florian Kohfeldt - mit Leidenschaft gescheitert.

Er war Trainer des Jahres und wurde schon bei größeren Clubs gehandelt. Nun steht Florian Kohfeldt mit Werder Bremen vor einem Scherbenhaufen. Den Grün-Weißen droht der zweite Abstieg aus der Fußball-Bundesliga nach 1980. Wie konnte das passieren?

Florian Kohfeldt war noch nicht einmal geboren, als Werder Bremen das bisher einzige Mal aus der Fußball-Bundesliga abstieg. In der Saison, in der Kohfeldt als Sechsjähriger erstmals mit ins Weserstadion durfte, wurden die Grün-Weißen zum zweiten Mal deutscher Meister. 32 Jahre später muss dieser Florian Kohfeldt als Cheftrainer womöglich den zweiten Abstieg in der Geschichte des Bundesliga-Urgesteins von der Weser verantworten.

Kein Korrektiv bei Werder

Der 37-Jährige gilt noch immer als eines der größten deutschen Trainer-Talente der vergangenen Jahre: ausgestattet mit hoher Fachkompetenz, überdurchschnittlichem rhetorischen Geschick und einer unzähmbaren Leidenschaft für den Fußball. Als "Trainer des Jahres 2018" wurde er zwischenzeitlich sogar als neuer Kandidat bei Borussia Dortmund gehandelt. Aber er ist eben immer noch ein junger Fußballlehrer auf seiner ersten Station im Profifußball - und es grenzte an ein Wunder, wenn er keine Fehler machte.

Das Problem ist, dass es zu seiner mangelnden Erfahrung in einer sportlichen und gesellschaftlichen Ausnahmesituation in Bremen offenbar kein Korrektiv gibt und sich Kohfeldt im Feuereifer für seinen Herzensverein verrannt zu haben scheint.

Bierhoff: "Ein Sympathieträger in der Bundesliga"

Kohfeldt übernahm Werder im November 2017, als dem Traditionsclub wie schon so oft in den vergangenen Jahren das Wasser bis zum Hals stand. Als Jahrgangsbester in der Trainerausbildung 2015 überzeugte der Novize schnell mit seiner erfrischenden und dennoch akribischen Art, fußballfachlich herausragenden Analysen und einer deutlichen Handschrift. Als er Werder gerettet hatte und in der darauffolgenden Saison sogar in Richtung Europapokalplätze führte, kürte ihn der Deutsche Fußball-Bund zum "Trainer des Jahres". "Es ist beeindruckend, mit welcher Selbstverständlichkeit sich Florian Kohfeldt zu einem Sympathieträger in der Bundesliga entwickelt hat", sagte Oliver Bierhoff. "Er verströmt eine ansteckende Begeisterung, die Spieler schwärmen von seiner offenen und authentischen Art."

Zu sehr Freund der Spieler?

In diesem Lob des DFB-Direktors steckt zugleich ein Hinweis auf eine der Schwächen Kohfeldts. Er scheint zu sehr Freund seiner Fußballer zu sein. Während er am Anfang seiner Trainerkarriere überragend auf Spielsituationen reagierte - er wechselte sofort, wenn es nötig war, und passte taktisch variabel an - scheint ihm diese Fähigkeit inzwischen abhandengekommen zu sein. Auch als die unerklärliche Verletztenmisere der Bremer überstanden war und er wieder Optionen gehabt hätte. Mit der Zeit entwickelte er offenbar eine Art Schubladen-Denken. Je prekärer die Lage wurde, desto verbissener hielt Kohfeldt an Spielern fest, die ihn sportlich Woche für Woche aufs Neue enttäuschten (Yuya Osako). Anderen räumte er indes wenige oder gar keine Chancen mehr ein (Johannes Eggestein).

Eine Mannschaft, deren Probleme eloquent wegmoderiert werden und die Woche für Woche hört, dass sie zu gut ist für den Abstieg und in der Lage sei, sich spielerisch aus dem Dilemma zu befreien, bleibt selbstverständlich in der Komfortzone. Als Kohfeldt schließlich doch begann, vom bedingungslosen Kampf gegen den Abstieg zu reden, schien das die Köpfe der Spieler längst noch nicht erreicht zu haben.

Auch aus dem Trainerteam (Tim Borowski) und der sportlichen Führung (Frank Baumann, Marco Bode) gab es offenbar wenig bis keinen Widerspruch zur Herangehensweise des Trainers. Das mag darin begründet sein, dass sie die verfehlte Kaderplanung mitzuverantworten haben, aber vor allem wohl darin, dass zu viele Verantwortliche zu stark verwurzelt und verbandelt sind im grün-weißen Kokon. Die Fans spielen als Regulativ seit der Corona-Pause ohnehin keine Rolle mehr.

Kritik nur von Ex-Werderanern

Lediglich im Werder-Aufsichtsrat soll kontrovers diskutiert worden sein, ob es richtig ist, an Kohfeldt festzuhalten. Ende Mai war das, als bis auf den inzwischen als Absteiger feststehenden SC Paderborn bereits alle Clubs, die um den Klassenerhalt kämpften, mit einem Trainerwechsel etwas zum Positiven bewirkt hatten. Öffentlich äußerten jedoch nur Ex-Bremer, die nicht mehr Verein tätig sind, Kritik. Darunter in Rune Bratseth eine Werder-Legende, die nicht gerade als Lautsprecher bekannt ist.

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Bauch und Herz entscheiden in der Werder-Familie

Kohfeldt hat das sehr getroffen. "Ich bin seit über 20 Jahren in diesem Verein und egal, was ich hier gemacht habe, ich tue es immer im Sinne von Werder Bremen", sagte er. "Es tut sehr weh, aber es fördert bei mir eher eine gewisse Form von Trotz." Als er dann noch anfügte, dass er sich nach wie vor als der Beste auf dieser Position fühle, und nicht das Gefühl habe, dass die Geschäftsleitung das anders sehe, wurde ihm das als Arroganz ausgelegt. Kohfeldt ist jedoch weit davon entfernt, vielmehr verdeutlichte insbesondere sein emotionaler Auftritt nach der Heimniederlage gegen Mainz, wie nahe ihm Werders Niedergang geht. Den Tränen nahe sprach er von Leere und kritisierte seine Mannschaft ungewohnt harsch.

"Ich bin seit über 20 Jahren in diesem Verein und egal, was ich hier gemacht habe, ich tue es immer im Sinne von Werder Bremen." Florian Kohfeldt

Eine Wendung, die zu spät kam. Bauch und Herz - und das trifft beileibe nicht nur auf Kohfeldt zu - haben bei den Entscheidungen in der sogenannten Werder-Familie offenbar einmal mehr die Hauptrolle gespielt. Ein frühzeitiger nüchterner Blick auf die Fakten wäre zur Beurteilung der diffizilen Lage hilfreicher gewesen. Aber nun ist die Saison fast gelaufen, und Werders Zukunft hängt vor dem letzten Spiel am Sonnabend gegen Köln am seidenen Faden.

Ein Neuanfang mit mehr Distanz?

Wie es auch ausgeht, Kohfeldt hat die Chance, die richtigen Lehren für sich zu ziehen. Sein Vertrag bei Werder läuft bis 2023 und gilt auch für die Zweite Liga. Vielleicht aber wäre es für ihn am Ende einer Saison, in der er leidvoll unzählige Kaugummis zwischen seinen Zähnen malträtiert hat, ein guter Selbstschutz, irgendwo mit mehr Distanz einen Neubeginn zu wagen. Irgendwo, wo er nicht wieder Gefahr läuft, seine emotionale Bindung an einen Verein zum Wegweiser in stürmischer See zu machen.

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 27.06.2020 | 22:30 Uhr

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