Trainer Christian Neidhart von Rot-Weiss Essen © imago images/Uwe Kraft

RWE-Erfolgstrainer Neidhart: Glücksritter, aber kein Zampano

Stand: 03.03.2021 08:12 Uhr

Christian Neidhart klopfte 2020 mit dem SV Meppen ans Tor zur Zweiten Liga - und wechselte im Sommer in die Regionalliga zu Rot-Weiss Essen. Mit RWE erlebt der gebürtige Braunschweiger gerade die erfolgreichste Zeit seiner bisherigen Karriere.

von Florian Neuhauss

Der Fußball-Lehrer hat in einer der Logen im Essener Stadion an der Hafenstraße Platz genommen. Direkt über ihm prangt in leuchtendem Rot und Weiß das Vereinswappen. Daneben erinnern Fotos an die großen Erfolge von RWE. Neidhart schwärmt im Gespräch mit dem NDR von "einem Traditionsverein mit Strahlkraft und Größe". Und dazu habe der Club aus der mit über 580.000 Einwohnern zehntgrößten Stadt Deutschlands "ein geballtes Fanpotenzial".

Die bedeutenden Spiele und Triumphe sind allerdings lange her - die Fotos sind schwarz-weiß. Meister und Pokalsieger war Rot-Weiss in den 50er-Jahren. Essen war zwar nicht Bundesliga-Gründungsmitglied, hat aber einige Jahre im Oberhaus auf dem Buckel. Stars wie Frank Mill und Horst Hrubesch trugen einst das Trikot von RWE, das nach der Insolvenz 2010 in der NRW-Liga neu starten musste. Heute heißen die Leistungsträger des Regionalligisten Marco Kehl-Gomez und Simon Engelmann.

Im Pokal gegen Bayern-Bezwinger Kiel

Essen scheiterte 2008 an der Qualifikation für die eingleisige Dritte Liga und fristet seitdem ein Dasein im Schatten des Profifußballs - und ist doch, nicht zuletzt dank Neidhart, auf einmal wieder in aller Munde: Heute (18.30 Uhr/im NDR Livecenter) empfängt der Trainer mit seinem Team im DFB-Pokal Zweitligist Holstein Kiel. Es geht um den Einzug ins Halbfinale. Und nachdem die Essener bereits Arminia Bielefeld, Fortuna Düsseldorf und zuletzt Bayer Leverkusen ausgeschaltet haben, erscheint ein weiterer Coup durchaus möglich.

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Eine nicht geplante Erfolgsgeschichte

Neidhart zeichnet seit dem vergangenen Sommer verantwortlich für RWE. 14 Trainer hatten bei Rot-Weiss seit 2008 vor ihm mehr oder weniger lang an der Seitenlinie das Sagen. Nun sieht es so aus, als ob da einer wäre, der den schlafenden Riesen tatsächlich wecken könnte.

Die Karriere des gebürtigen Braunschweigers ist eine Erfolgsgeschichte, die eines Glücksritters, der nie große Pläne gemacht hat: "Ich habe im Jugend- und Amateurbereich trainiert. Dann bin ich irgendwann in die Regionalliga und dann in die Dritte Liga gekommen. Ich habe meine Trainerscheine immer so gemacht, wie ich sie gerade brauchte", erzählt Neidhart. "Durch den Aufstieg mit Meppen konnte ich dann auch meinen Fußball-Lehrer machen. Meine Planung war aber nie darauf ausgelegt."

Ritterschlag von den Fans des SV Meppen

Überregional bekannt wurde der Trainer Christian Neidhart, der als Profi einst mit dem VfL Osnabrück in der Zweiten Liga gespielt hat, durch seine Arbeit in Meppen. Die Emsländer führte der heute 52-Jährige 2017 zurück in den Profifußball - und prompt auf Rang sieben der Dritten Liga. Im Laufe seiner sieben Jahre wurde der Coach sozusagen selbst zum SV Meppen. Er empfand es "als Ritterschlag", dass "mich die Fans irgendwann als einen von ihnen bezeichnet haben".

In der vergangenen Saison schien sogar der große Wurf möglich zu sein: "Wir haben an der Zweiten Liga geschnuppert." Doch im Laufe der Rückrunde wurde erst der Abgang von Drittliga-Topscorer Deniz Undav bekannt, dann kündigte Neidhart seinen Abschied an. Am Ende war es wieder der siebte Platz.

"Es wartet nicht jeder auf Christian Neidhart"

Auch wenn der Wechsel nach Essen einer in die Vierte Liga war, musste der Erfolgscoach bei dem Angebot nicht lange überlegen. "Der Trainermarkt ist hart umkämpft. Da wartet nicht jeder auf Christian Neidhart", weiß der Norddeutsche. "Essen ist eine Riesenchance - egal, welche Liga das gerade ist. Wenn wir aufsteigen, bin ich vorher vielleicht einen Schritt zurückgegangen, kann dann aber auch wieder zwei, drei nach vorne machen."

Und die Serie, die Neidhart mit seinem neuen Team hinlegte, war beeindruckend. Er wolle beweisen, dass er nicht nur Meppen kann, hatte der Fußball-Lehrer bei seinem Abschied erklärt - und ließ den Worten Taten folgen. Erst gewann RWE in der Vorbereitung auf die neue Spielzeit noch den Landespokal der Vorsaison und qualifizierte sich so überhaupt für den DFB-Pokal. Dann kam Essen mit den Wochen "in den Flow", wie Neidhart es formuliert: 28 Pflichtspiele blieb der Cheftrainer bei seinem neuen Club ungeschlagen!

Am vergangenen Freitag gab es die erste Niederlage - 0:3 bei Fortuna Düsseldorf II ("Die haben dreimal aufs Tor geschossen"). Allerdings waren die Umstände widrig: Fast einen Monat hatte RWE vor allem wegen der Witterung kein Pflichtspiel bestritten. Dazu gab es in der vergangenen Woche zwei positive Corona-Tests im Team, die den Trainingsbetrieb zwischenzeitlich zum Erliegen gebracht hatten.

RWE trotz Mega-Serie nur Tabellenzweiter

Doch was ist das bisher Erreichte am Ende wert? Der Gewinn des DFB-Pokals, Essen stand 1994 noch einmal im Finale, ist denkbar unwahrscheinlich. Und in der Liga ist RWE trotz seiner Erfolgsserie nur Tabellenzweiter hinter der U23 von Borussia Dortmund, die ebenfalls erst ein Spiel verloren hat.

Ist der Aufstieg für Neidhart nicht Pflicht? "Ich weiß nicht, ob ich die Zeit in Essen habe", gibt er sich keinen Illusionen hin. Was das gute Verhältnis zu Sportdirektor Jörg Nowak ("Er macht es fantastisch") und Vorstandschef Marcus Uhlig, mit denen er "von Anfang an super Gespräche" hatte, wert ist, zeigt sich erst, wenn es nicht so gut läuft.

"Besser hätte das Drehbuch gar nicht sein können"

Neidhart versteht sich weder als großer Zampano, er betont die Leistung aller Mitarbeiter des Clubs, noch bewertet er die Erfolge über - schon gar nicht die im Pokal: "Leverkusen ist ja nicht gescheitert, weil wir so überragend waren. Wenn sie am Anfang ihre Chancen genutzt hätten, dann wäre das Spiel normal gelaufen."

Trainer Christian Neidhart von Rot-Weiss Essen (l.) © imago images/Uwe Kraft
Der Coup gegen Leverkusen: Christian Neidhart (l.) kann es offenbar selbst nicht fassen.

Aber sein Team habe sich nach dem 0:1 in der Verlängerung "noch mal aufgerappelt und so das Ding gedreht". Und das gegen einen Europapokal-Teilnehmer, der zu dem Zeitpunkt Fünfter der Bundesliga-Tabelle war: "Besser hätte das Drehbuch gar nicht sein können."

Eine Metapher, die Neidhart schon benutzte, als er 2017 mit Meppen im Elfmeterschießen gegen Waldhof Mannheim den Drittliga-Aufstieg perfekt gemacht hatte. "Gegen Holstein Kiel müssen wir am Mittwoch einen dritten Teil drehen und ein neues Drehbuch für dieses Spiel schreiben", forderte der Trainer. "Jedes Spiel hat seinen Charakter, das kann man nicht vergleichen. Aber wir müssen wieder einen Pokalfight hinbekommen."

Der Wunsch: Ein Pflichtspiel gegen Meppen noch 2021

Einer wie Neidhart leidet besonders unter dem Corona-bedingten Ausschluss der Fans: "Wenn ich unsere Saison sehe: Das Stadion wäre immer pickepackevoll!" Die Arena an der Hafenstraße hat über 20.000 Plätze. Ihn schmerzt, dass "man das geballte Fan-Potenzial von RWE gerade nicht wahrnehmen kann und auch keinen Bezug zu den Fans hat".

Nicht zuletzt finanziell sind die Erfolge im Pokal für RWE attraktiv. Über allem steht jedoch die Rückkehr in den Profifußball. Und eines würde Neidhart sofort unterschreiben: "Wenn wir in der nächsten Saison mit Essen gegen Meppen spielen würden. Dann wüsste ich, dass wir unser großes Ziel erreicht haben." Denn der SVM werde den Klassenerhalt auf jeden Fall schaffen.

"Wenn wir aufsteigen, tragen uns die Fans durch die Stadt"

"Vor mir sind schon einige Trainer gescheitert, weil sie mit diesem Druck nicht klargekommen sind. Das ist schon etwas Außergewöhnliches in Essen", erklärte Neidhart. Der Wandschmuck in der Loge im Stadion an der Hafenstraße um ihn herum ist ein eindrucksvolles Zeugnis. Der 52-Jährige will seiner Linie auf jeden Fall treu bleiben. Bange machen gilt für den Norddeutschen sowieso nicht: "Wenn wir den Aufstieg schaffen, können wir das Auto stehen lassen. Dann tragen uns die Fans durch die Stadt." Und das war schon zu Zeiten der Schwarz-Weiß-Fotos so.

Dieses Thema im Programm:

NDR 2 Sport | 03.03.2021 | 18:30 Uhr

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