Trainer und ihr Preis - Kosicke: "Kein Ende der Fahnenstange"

Stand: 03.05.2021 11:29 Uhr

In der Bundesliga grassiert das Wechselfieber unter den Trainern. Ausstiegsklauseln und Millionen-Ablösen machen es möglich. Für Berater Marc Kosicke ist es eine logische Konsequenz. Heribert Bruchhagen nennt es "schlichtweg falsch".

von Andreas Bellinger

Zwei Trainer in einem Pokal-Halbfinale an der Seitenlinie - so normal und doch irgendwie bizarr angesichts der neuen Wirklichkeit im Fußball. Auf der einen Seite kämpft Florian Kohfeldt um seinen Job bei Werder Bremen, während Julian Nagelsmann seinen Vertrag mit RB Leipzig ohne sportliche Not vorfristig gekündigt hat, um für eine kolportierte Ablöse von bis zu 25 Millionen Euro zu Bayern München zu wechseln. "Ein Jugendtraum wird wahr", begründet der 33-Jährige seinen Entschluss, der Sinnbild einer Entwicklung ist, in der nun auch die Trainer zu Ich-AGs mutiert sind. Oder machen sie im Show-Geschäft Profifußball einfach nur das, was die Vereine mit dem Rausschmiss im Falle des sportlichen Misserfolgs seit jeher praktizieren?

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Top Sieben auf dem Trainer-Karussell

"Die guten Trainer in den guten Clubs werden künftig selber entscheiden, wann sie gehen", erklärt der Berater Marc Kosicke im NDR Sportclub einen Trend, der sich bereits in dieser Saison in einer Art Domino manifestiert. Als Lucien Favre seinen Posten in Dortmund an Edin Terzić verlor und klar war, dass der Neue nur eine Aushilfe auf Zeit sein würde, begann ein munteres Wechselspiel, das mit dem oft zitierten Trainer-Karussell unzureichend beschrieben wäre: Marco Rose von Mönchengladbach nach Dortmund, Adi Hütter von Frankfurt nach Gladbach, Wolfsburgs Oliver Glasner womöglich auf dem Sprung zur Eintracht und so weiter. Am Ende könnten die sieben besten Clubs der Saison neue Gesichter auf der Trainerbank präsentieren.

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Trainer Florian Kohfeldt von Werder Bremen © IMAGO / Sportfoto Rudel

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Kosicke: "So noch nie dagewesen"

Vereinstreue erscheint nur mehr als Relikt aus früheren Tagen, ein Vertrag das Papier nicht wert, auf dem er geschrieben steht. "Es ist eine Kette von Ereignissen, die so noch nie dagewesen ist", sagt der gebürtige Bremer Kosicke, der einst Klaus Allofs als Sportdirektor der Grün-Weißen beerben sollte und mit seiner Agentur unter anderen Liverpools Jürgen Klopp und Kohfeldt berät. Bis vor Kurzem hatte er auch Nagelsmann im Portfolio. Das Wechselspiel unter den Übungsleitern nahm zusätzlich Fahrt auf, als Joachim Löw seinen Rückzug als Bundestrainer ankündigte und das Werben des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) um Bayerns Erfolgstrainer Hansi Flick begann.

Wo sind die Vorbilder?

"Jeder sucht den perfekten Trainer, jeder sagt, dass der Trainer der wichtigste Mann im Club ist", so Kosicke. "Warum sollten da keine Ablösen bereitstehen?" Allein ein Vergleich mit Topmanagern aus der Wirtschaft dürfte allerdings hinken. Zuschauer, die jubeln, leiden und stets die Treue halten, gibt es bei DAX-Unternehmen schließlich nicht. Ein anderes (Autoritäts-)Problem benennt der Berater selbst: Man stelle sich vor, ein Spieler mit einem langfristigen Vertrag wollte den Verein verlassen. Welche Argumente sollte ein Trainer haben, der selbst seinen Kontrakt vorzeitig auflöst? Taugen ausgebildete Fußball-Lehrer überhaupt noch als Vorbilder?

"Jeder sucht den perfekten Trainer, jeder sagt, dass der Trainer der wichtigste Mann im Club ist. Warum sollten da keine Ablösen bereitstehen?" Trainer-Berater Marc Kosicke

Bruchhagen: "Schlichtweg falsch"

Heribert Bruchhagen schaudert es bei der aktuellen Entwicklung, die zu seiner Zeit als Manager und Chef beim Hamburger SV nach eigenen Angaben kaum möglich gewesen wäre. "Ausstiegsklauseln hätte ich niemals akzeptiert", sagt der 72-Jährige im NDR. Mit Beratern zu verhandeln auch nicht. "Für mich war immer wichtig, direkt mit den Trainern zu sprechen, um mir einen Eindruck zu verschaffen." Immer das Ziel vor Augen, mit einem Trainer etwas zu entwickeln, dafür brauche es schließlich Stabilität. Ausstiegs-Szenarien seien so gesehen "schlichtweg falsch. Und wenn ein Trainer darauf besteht, dann nehme ich ihn eben nicht", sagt der frühere Zweitligaspieler in Gütersloh, wo er sechs Jahre auch Trainer in der Oberliga war. "Aber die Zeiten ändern sich. Das muss man leider akzeptieren."

VIDEO: Bruchhagen: "Ausstiegsklauseln hätte ich niemals akzeptiert" (14 Min)

Gleiches Recht für alle

"Ich kann verstehen, dass der Fan Ausstiegsklauseln nicht nachvollziehen kann", sagt Kosicke. Nachvollziehbar sei aber die Position der Trainer, die nur wollten, was die Vereine selbst als selbstverständlich erachten: Zu entscheiden, wann es vorbei ist - und möglichst "schon bei Vertragsabschluss ein Exit-Szenario beschließen zu können". Allein in der Bundesliga mussten in dieser Saison schon 13 Trainer vorzeitig gehen. Die durchschnittliche Verweildauer sank auf gut zehn Monate. Nun pochen die Übungsleiter auf "gleiches Recht für alle" - und das "finde ich nur fair", so der studierte Sportwissenschaftler Kosicke, der insbesondere zu den Ablösesummen meint: "Diese Entwicklung wird sich nicht aufhalten lassen. Wir sind noch nicht am Ende der Fahnenstange angelangt."

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