Stand: 13.04.2020 11:43 Uhr

Sportanwalt Schickhardt: "Das Virus bestimmt den Takt"

von Andreas Bellinger, NDR.de

Ist die Bundesliga noch zu retten, wenn nicht bald der Fußball wieder rollt? "Stand jetzt gibt es noch keinen Club, der wegen Corona in Schwierigkeiten steckt", sagt der renommierte Sportanwalt Christoph Schickhardt. "Aber ganz klar: Die Vereine brauchen die TV-Einnahmen, die heute 50 Prozent und mehr ausmachen, um Spieler, Angestellte sowie Mieten, Steuern und Sozialabgaben bezahlen zu können." Das Geld aus dem mit rund 1,5 Milliarden Euro dotierten Medienvertrag fließt aber nur, wenn auch gespielt wird. "Auf einmal", so Schickhardt im NDR Sportclub, "sind 'Geisterspiele' kein bloßer Horror mehr, sondern der 'best case'."

Sparsamkeit und Augenmaß

Was aber, wenn die Saison nicht im Mai den Endspurt um Meisterschaft, Europacup-Plätze und Klassenverbleib starten kann, wie es Hannovers Martin Kind erwartet? Was geschieht dann mit den am 30. Juni auslaufenden Verträgen? Was mit der Transferperiode? Und überhaupt: Wie wird der Fußball aussehen, wenn die Krise überwunden ist? "Das Geschäftsmodell wird so auf Dauer jedenfalls nicht mehr funktionieren", sagt Schickhardt. Es könne schließlich nicht sein, dass jeder erwirtschaftete Euro gleich weitergereicht werde an die Spieler und deren Berater. "Sparsamkeit und Augenmaß", nennt der Sportrechts-Experte als Schlagworte der Zukunft.

Auch Spieler sind in der Pflicht

"In den nächsten Monaten und die ganze nächste Saison werden die Finanzchefs das Sagen bekommen - und weniger die Wünsche der Sportchefs erfüllt werden", prophezeit Schickhardt.

Moritz Cassalette und Martin Roschitz stehen sich gegenüber. © istockphoto Foto: mel-nik

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Darf der Fußball, was andere nicht dürfen? Im Mai soll es trotz Corona weitergehen. Mit Florian Kohfeldt, Hannes Wolf, Alexander Bommes und der Bundesliga-Konferenz 2001.

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Millionenverträge abzuschließen würde er gegenwärtig ohnehin nicht empfehlen. Das Thema Gehaltsverzicht werde dagegen sicherlich eine Rolle spielen. "Die Spieler sollten sich klarmachen, dass sie in der Pflicht sind - und nicht am Ast sägen, auf dem sie sitzen", sagte Schickhardt jüngst in den "Badischen Neuen Nachrichten". Im Sportclub konkretisierte er das: Wenn Fußballer, die heute zwölf Millionen Euro verdienen, künftig nur noch sieben oder acht kriegten, würde die Gesellschaft darunter nicht leiden - und die Spieler auch nicht.

Viele Clubs riskant finanziert

Auf der anderen Seite müssen die Vereine aber auch ihr Geschäftsgebaren überdenken. Nicht alle, aber viel zu viele seien auf Kante finanziert. "Es kann doch nicht so weitergehen, dass wir Unternehmen mit Umsätzen von 100 Millionen Euro plus X haben, und die nichts zurückgelegt haben." Hier sei es auch Aufgabe der Deutschen Fußball Liga (DFL), die im Wirtschaftsreport 2019 einen Gesamtumsatz der Bundesliga von rund vier Milliarden Euro bilanziert hat, dafür zu sorgen, dass die Clubs ausreichend Rücklagen und Eigenkapital ausweisen. "Das wird sich nach der Krise hoffentlich ändern." Denn aktuell müsse jedem klar sein, so Schickhardt: "Je länger die Zwangspause dauert, umso mehr Insolvenzen werden wir auch im Profifußball erleben."

Keine Sonderrechte für den Fußball

Die Planspiele der Liga gehen ungeachtet dessen, dass in Zeiten von Corona die Spielregeln andere machen, davon aus, dass Anfang Mai wieder gespielt werden darf. "Im gesellschaftlichen Konsens", wie Schickhardt betont. Eine "Lex Bundesliga" hat 96-Mehrheitsgesellschafter Kind für sich derweil schon abgelehnt, wohlwissend, dass "das gesellschaftlich wieder zu Kritik führen würde". Schickhardt: "Das Virus bestimmt sowieso den Takt und nicht unsere Wünsche, Fußball-Erlebnisse zu haben." Der Sportrechtler widerspricht zugleich aber all denen, die meinen, der Fußball komme ganz zuletzt. "Der deutsche Fußball soll keine Sonderrechte haben, aber auch nicht schlechter behandelt werden als andere Wirtschaftszweige."

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Nach den Vorstellungen der FIFA (Schickhardt: "Der Weltverband hat den Notstand ausgerufen") sollen die Kontrakte Gültigkeit behalten, bis die Saison beendet ist - also auch über den eigentlich geplanten Saisonschluss am 30. Juni hinaus. Erst danach sollen Vereinswechsel stattfinden. Für juristisch möglich hält das der Arbeitsrechtler Philipp Fischinger mit Verweis auf den Mustervertrag des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), in dem es in einem Zusatz heißt, dass Verträge bis zum "Ende des Spieljahres" gelten. Und das Transferfenster? "Das könnte vier Monate geöffnet bleiben", beschreibt Schickhardt einen FIFA-Plan. Das heißt, es sei "im Grunde Zeit bis Ende Oktober, um die Saison zu Ende zu spielen".

"Kommen wieder auf den Boden des Fußballs"

Überhaupt, so Schickhardt, werde sich der deutsche Fußball nach der Krise erneuern und gestärkt daraus hervorgehen. "Wir kommen wieder auf den Boden des Fußballs und müssen uns wieder mehr den Zuschauern, den richtigen Fans zuwenden." Auch international werde es bergauf gehen. "Der deutsche Fußball und die Bundesliga werden im europäischen Ranking nach vorne schnellen. Und die Spieler merken schon, wie toll die deutschen Vereine geführt sind. Dass sie hier in einer Oase der Seriosität leben, in der es das Geld gibt, das versprochen wurde." Die Gier nach immer mehr werde das zügeln. Mag sein, dass vielleicht sogar Professor Henning Zülch von der Handelshochschule in Leipzig recht behält, wenn er prophezeit: "Covid-19 und die Situation, in der wir gegenwärtig sind, wirken heilsam, weil wir über die Marktregularien und die Stellschrauben neu nachdenken müssen."

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Sportclub | 12.04.2020 | 22:45 Uhr