Ersatzspieler des Hamburger Fußball-Bezirksligisten SC Vier- und Marschlande während des Freundschaftsspiels gegen den TSV Trittau © Hanno Bode Foto: Hanno Bode

Re-Start im Amateurfußball: Von Normalität noch weit entfernt

Stand: 14.06.2021 09:46 Uhr

Acht Monate lang ruhte der Hamburger Amateurfußball Corona-bedingt. Nun dürfen die Freizeit-Kicker im Stadtstaat wieder spielen. Die Freude über den Re-Start ist groß, obwohl es viele Auflagen gibt.

von Hanno Bode

Nach und nach trudeln die Fußballer des Hamburger Bezirksligisten SC Vier- und Marschlande sowie des TSV Trittau (Kreisliga Schleswig-Holstein) am Sonntag zu ihrem Testspiel auf der kleinen Sportanlage des SCVM am Zollenspieker ein. Die meisten Akteure begrüßen sich Corona-konform mit der Faust. Und es wird Abstand gehalten - wenn auch nicht immer die empfohlenen 1,5 Meter. Die Stimmung ist gelöst, das Virus, das die Welt verändert hat, zunächst kein Gesprächsthema.

Spieler müssen viele Regeln beachten

Man kann Corona verdrängen. Aber eben nicht ignorieren. Das macht Indre Berendes beiden Mannschaften kurz darauf deutlich. Die 44-Jährige ist Fußball-Abteilungsleiterin und Trainerin des zweiten Herren-Teams beim Dorfclub, bei dem die späteren Nationalspieler Martin Harnik und Max Kruse ausgebildet wurden. An diesem Tag ist sie jedoch als Hygienebeauftragte des Vereins am Ort. Berendes klärt die Akteure darüber auf, was erlaubt ist (wenig) und was unbedingt zu unterlassen ist (viel).

Mannschaftskreis vor dem Anpfiff? Verboten. Torjubel? Ebenfalls. Gemeinsames Umziehen? Maximal zu acht (mit Masken) oder viert (dann ohne Mund-Nasen-Bedeckung möglich). Duschen nach dem Spiel? Ja, aber nur zwei Spieler gleichzeitig. Trainer-Ansprache vor Spielbeginn und in der Halbzeit? Nur unter freiem Himmel erlaubt. Und so weiter. Die angeblich schönste Nebensache der Welt, sie ist in diesen Tagen ganz schön kompliziert.

Ohne Sitzplätze keine Zuschauer

Indre Berendes, Fußball-Abteilungsleiterin des SC Vier- und Marschlande © Hanno Bode Foto: Hanno Bode
Hygienebeauftragte des SC Vier- und Marschlande: Indre Berendes.

"Das sind Regeln, die nicht immer Spaß machen", sagt Berendes dem NDR. Binnen zwei Tagen hat sie das Hygienekonzept für den SCVM erstellt und beim Hamburger Fußball-Verband (HFV) eingereicht. Der nickte es ab, sodass der Bezirksligist als einer der ersten Vereine aus der Hansestadt nach der Corona-Zwangspause an diesem sonnigen, aber doch recht windigen Sonntagmorgen wieder ein Testspiel bestreitet. Dennoch herrscht abseits des Kunstrasenplatzes gähnende Leere. "Zuschauer sind nur erlaubt, wenn feste Sitzplätze angeboten werden können", erklärt Berendes. Das kann der SCVM nicht.

So sehen neben zwei anwesenden Fotografen und einem Reporter, die wie alle Spieler und Funktionäre ihre Kontaktdaten hinterlassen mussten, nur drei weitere Neugierige, wie die Hausherren bereits mit ihrem ersten Angriff das 1:0 erzielen. Das Trio lehnt - mit Abstand - am Zaun eines neben der Anlage stehenden Hauses.

Ordner-Pflicht bei Geisterspielen

"Wir hoffen darauf, dass wir in der nächsten Woche mit Zuschauern spielen dürfen", sagt Jens Adler, der gemeinsam mit Berendes die Fußball-Abteilung beim SCVM leitet. Andere Bundesländer haben diesen Lockerungsschritt längst gemacht. Schleswig-Holstein beispielsweise. "Ich war am Sonnabend bei einem Jugendspiel in Dassendorf. Da konnte ich problemlos rein, nachdem ich mich mit der Luca-App registriert hatte", erzählt Heiko Peitzner, Coach der zweiten C-Junioren-Mannschaft der Vier- und Marschländer.

Er ist beim Geisterspiel des Herren-Teams als Ordner dabei. Wobei es ja nicht wirklich etwas zu ordnen gibt, so ganz ohne Schaulustige. Ordnung aber ist bekanntlich das halbe Leben. Und wird auch beim HFV groß geschrieben, der von seinen Clubs die Aufpasser verlangt.

Kraft und Koordination müssen erst wieder kommen

Spielszene SC Vier- und Marschlande - TSV Trittau © Hanno Bode Foto: Hanno Bode
Es ging heiß her zwischen dem TSV Trittau (in Blau) und dem SC Vier- und Marschlande.

Eine ordnende Hand täte derweil auch den Gästen aus Trittau gut. Das Team des früheren SCVM-Coaches Matthias Räck stürzt von einer Verlegenheit in die nächste. Der Glanz des 5:1-Kantersieges aus der Vorbereitung in der vergangenen Saison ist früh verblasst. Zur Halbzeit liegen die Schleswig-Holsteiner mit 1:3 in Rückstand und haben bereits zwei Spieler wegen Verletzungen auswechseln müssen. Wie in guten alten Vor-Pandemie-Zeiten war daran schuld: der Schiedsrichter. Finden jedenfalls die TSV-Kicker und kritisieren den Mann in Gelb harsch.

Dieser hört auf den Namen Robin Stahs und hat es bei neutraler Betrachtung nun aber auch wahrlich nicht leicht mit der Spielleitung. Denn nach all den Monaten mangelt es dem einen oder anderen Spieler natürlich noch an Fußball-spezifischer Koordination und Kraft. Da kann es dann eben schon mal vorkommen, dass der Fuß etwas anderes macht, als der Kopf eigentlich wollte.

Coach Beyer freut sich über "Perspektive"

Mit zunehmender Spieldauer und nachlassenden Kräften wird das Treiben auf dem Plastikgrün immer wilder. Eine Torflut ist die Folge. Und ein Corona-Vergehen. Denn nach dem wirklich hübschen Treffer zum 7:2 fallen sich die Hausherren enthemmt in die Arme. "Ey, nicht jubeln!", hallt es daraufhin von der Ersatzbank des SCVM, der am Ende mit 7:3 siegen wird. Bald darauf pfeift Schiedsrichter Stahs ab. Erschöpft, aber glücklich verlassen die Kicker den Platz. "Es ist einfach ein tolles Gefühl, wieder am Rand zu stehen und Jungs zu sehen, die Fußball spielen und wieder etwas mehr Perspektive in ihrem Sport entwickelt haben", sagt Trainer Thorsten Beyer im Anschluss an die erste Partie seines Teams nach exakt acht Monaten und drei Tagen.

"Dritte Halbzeit" wegen Corona nicht erlaubt

In Vor-Pandemie-Zeiten hätte der Jugendcoach von Harnik und Kruse nun mit seinen Spielern im gemütlichen Clubhaus die Begegnung Revue passieren lassen. Eine "dritte Halbzeit" aber soll es derzeit aus Infektionsschutz-Gründen nicht geben. Die Spieler sollen das Gelände sofort nach dem Duschen verlassen. Jedes Team auf einem anderen Weg, um weitere Begegnungen möglichst auszuschließen. Apropos Weg: Der zurück zur Normalität im Amateurfußball ist wohl noch ein weiter.

Weitere Informationen
Ein kaputter Fußball liegt vor einem Zaun, an dem ein Wimpel des Hamburger-Fußball-Verbandes (HFV) hängt. © IMAGO / Hanno Bode

Hamburg zieht Notbremse im Amateurfußball: "Schrecklich für Vereine"

Als erster Landesverband hat Hamburg den Abbruch der Saison beschlossen. Präsident Dirk Fischer erklärt, warum. Den Sport sieht er nicht als Risiko. mehr

Eine Person tritt gegen einen Fußball, der auf dem Elfmeterpunkt liegt. © Sport Moments/Paschertz Foto: Sport Moments/Paschertz

Hamburgs Amateur-Fußballer beschließen Saisonabbruch

Der Hamburger Fußballverband hat den Spielbetrieb der Saison 2020/2021 beendet. Auf- und Absteiger wird es nicht geben. mehr

Dieses Thema im Programm:

Sportplatz | 13.06.2021 | 18:00 Uhr

Mehr Fußball-Meldungen

Angreifer Denizn Undav vom belgischen Erstligisten Royale Union Saint Gilloise © IMAGO / Belga

Traum-Debüt in Erster Liga: Ex-Meppener Undav erobert Belgien

Der aus Achim stammende Fußball-Profi traf beim 3:1-Sieg seines Clubs Royale Union Saint-Gilloise beim RSC Anderlecht doppelt. mehr

Fußball im Netz © Mikael Damkier

NDR Fußball-Tippspiel wird eingestellt

Das NDR Tippspiel wird nach der Saison 2020/2021 nicht fortgesetzt. Vielen Dank fürs Mittippen und die jahrelange Treue! mehr