Stand: 17.05.2020 20:05 Uhr

Fußballreporter in Corona-Zeiten: Alles, nur kein Fieber!

NDR Reporter Thorsten Iffland im leeren Millerntorstadion.

NDR Reporter Thorsten Iffland hat bei der Zweitligapartie St. Pauli gegen Nürnberg sein erstes Geisterspiel live kommentiert. Wie die Fußball-Profis hat er Lust, endlich wieder seinem Beruf nachzugehen. Doch die Fans fehlen.

"Hoffentlich habe ich kein Fieber!" - das ist mein erster Gedanke nach dem Aufstehen. Hoffentlich macht mir mein Körper keinen Strich durch die Rechnung. Jetzt, wo es nach über zwei Monaten Zwangspause endlich wieder losgeht mit der Bundesliga. Mein Reporter-Einsatz beim Spiel FC St. Pauli gegen den 1. FC Nürnberg könnte in diesen verrückten Zeiten tatsächlich noch an meiner Körpertemperatur scheitern. Es ist das erste Mal in meinem Berufsleben, dass ich morgens noch vor dem Frühstück Fieber messe. 35,3 Grad. Alles gut! Liegt die Temperatur über 38 Grad, könnte mir der Zutritt zum Stadion verwehrt bleiben. So wollen es die Gesundheits- und Hygieneregeln der DFL.

So entspannt ist die Anreise selten

Normalerweise würde ich mit der U-Bahn nach St. Pauli fahren. Parkplätze gibt's auf dem Kiez ohnehin kaum. Aber auch das soll man derzeit besser nicht tun. Also geht's mit dem privaten Pkw zum Millerntorstadion. Die Straßen sind frei. Keine Fußball-Fans weit und breit.

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Keine Menschentrauben vor den Kneipen in der Schanze. Keine Mannschaftswagen der Polizei vor dem Stadion. Und das eineinhalb Stunden vor dem Anpfiff bei bestem Fußball-Wetter. Schon komisch. Aber das Ganze hat auch seine Vorteile: Kein Stau, keine Parkplatzsuche, ich kann meinen Wagen direkt am Stadion abstellen. So entspannt ist die Anreise selten.

Auf dem Stadiongelände gilt: Maske auf! Ich habe mir extra noch ein dünnes Modell zusätzlich zu meiner Stoffmaske gekauft. In meinem Job muss man viel sprechen, also auch viel Luft holen und das geht mit Einmalmasken einfach besser. Entsprechend ausgestattet kommt nun der Moment der Wahrheit: Fieber messen im Stadion. 35,7 Grad. Ein bisschen mehr als noch am Morgen, aber weit entfernt von der kritischen Grenze von 38 Grad. Ich darf also erstmals seit mehr als zwei Monaten wieder ins Stadion!

Die Maske stört

Am Reporterplatz ist eigentlich nicht so viel anders als sonst. Wir sind meistens noch vor den Fans da, und so ist es beim Aufbau wie immer relativ ruhig. Die Maske stört mich aber schon jetzt. Die paar Treppenstufen waren zu viel und ohne richtig Luft zu bekommen unterm Tisch die Technik anzuschließen, ist auch nicht so prickelnd. Aber so ist es nun mal. Alles ist fertig und ich habe Zeit zum Durchatmen; lasse die Atmosphäre auf mich wirken. Es ist doch anders. Denn auch eine halbe Stunde vor dem Anpfiff sind immer noch keine Fans zu sehen. Es ist so still, ich höre sogar die Rasensprinkler-Anlage. Das habe ich in einem Fußball-Stadion dieser Größe noch nie erlebt. Klingt eher nach Kleingartenverein als nach Bundesliga.

"Fußball lebt durch seine Fans"

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Einsames Transparent im Millerntorstadion.

Und das wird auch nicht besser, als die Mannschaften einlaufen. Wie immer bei Heimspielen des FC St. Pauli erklingen die "Hells Bells". Aber noch nicht einmal AC/DC reißt mich nur ansatzweise mit. Der Sound schallt von den Betontribünen zurück - und klingt wie aus der Dose. Das Konfetti fehlt. Die jubelnden Fans noch viel mehr. Und irgendwie scheint das auch die Stadionregie so zu empfinden. Die Musik wird mittendrin ziemlich abrupt gestoppt. Gut so, denke ich mir. Pfeift das Spiel einfach an. Den Rest braucht momentan niemand. "Fußball lebt durch seine Fans" - so steht's auf dem einzigen Banner im Stadion. Damit ist alles gesagt.

Alles wird gehört, jeder Satz

Das Spiel selbst ist besser als erwartet, die Profis haben offenbar Lust, endlich wieder ihrem Beruf nachzugehen. Ich auch. Und bald ist es mir auch egal, dass man fast jeden Satz von mir im Stadion hört. Wir Reporter sind neben den Spielern und den Trainern ja die einzigen, die laut reden. Normalerweise gehen unsere Reportagen im Lärm der Masse unter. Irgendwann hat sich an diesem Tag aber jeder Zeitungskollege oder jedes Mitglied der Delegationen der Vereine einmal umgedreht und geguckt, wer dann da so rumschreit.

Viel Mist habe ich offensichtlich nicht erzählt. Ich hätte es mitbekommen, wenn ich Anlass zum Tuscheln gegeben hätte. Man gewöhnt sich schnell an die neue Situation. Was für den Rest der Saison allerdings definitiv schwer fallen wird: Es gibt kein Presse-Catering mehr. Selten habe ich die lauwarme Bockwurst in der Halbzeit so vermisst wie heute. Der Kollege war schlauer: Er hat sich gleich drei Brötchen von zu Hause mitgenommen. Nächste Woche kommentiere ich das Spiel Wolfsburg gegen Dortmund. Kleine Vorankündigung an die Kollegen beim VfL: Der Geruch eines Mettbrötchens mit extra Zwiebeln kommt von mir! Der Mundschutz hat vielleicht doch etwas Gutes…

Langes Warten auf eine Torschrei-Premiere

84 Minuten muss ich warten bis zum ersten Geisterspiel-Torschrei meiner Reporter-Karriere. Ich kann es definitiv lauter und ekstatischer. Man nimmt sich dann doch ein wenig zurück. Es ist irgendwie unangenehm. Immerhin: Es hat sich keiner erschrocken umgedreht. Die wenigen Beobachter in den Reihen vor mir gucken lieber, ob auch anständig und im Sinne der Hygiene-Empfehlungen gejubelt wird. So ist das eben jetzt.

St. Paulis Viktor Gyökeres bejubelt einen Treffer. © Groothuis/Witters/Pool/Witters Foto: TimGroothuis

"Tor, Tor für den FC St. Pauli"

NDR 2 -

Zum ersten Mal hat der FC St. Pauli im Millerntor ein Tor vor leeren Rängen erzielt. Immerhin: Nach dem Siegtreffer gegen Nürnberg erklang die gewohnte Tor-Musik.

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Kurz danach ist das Spiel vorbei und eigentlich beginnt die Arbeit für uns Radio-Reporter jetzt richtig. Wir kämpfen uns durch die Menschenmassen runter auf den Rasen. Drängeln die Treppen runter und laufen Richtung Spielertunnel. Schließlich brauchen wir ja Interviews! Dieser Stress bleibt uns ab sofort erspart, denn wir dürfen den Spielern nicht mehr zu nahe kommen. Der Verein schickt uns die Interviews und einen Mitschnitt der Pressekonferenz per Mail. "Voll entspannt", denke ich mir. Aber irgendwie dann doch nicht unser journalistischer Anspruch.

Kein Fieber nach dem Geisterspiel

Kurz danach ist Feierabend. Ein letzter Gang von der Pressetribüne runter durch das leere Stadion zu meinem Auto. Einige Mitarbeiter bauen die Werbebanden ab. Ansonsten ist kein Mensch mehr da. Ich vermisse den Lärm von Laubbläsern. Damit pustet die Putzkolonne nach dem Spiel den Müll von der Tribüne, das Konfetti, die Plastikbecher. Das ist heute überflüssig.

Beim Verlassen des Stadions wird übrigens kein Fieber gemessen. Erhöhte Temperatur hätte ich nach meinem ersten Geisterspiel-Einsatz aber sowieso nicht. Dafür war das alles nicht aufregend genug. Die neue Normalität ist auch eine verdammt langweilige - so ganz ohne Fans und Stimmung.

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Dieses Thema im Programm:

Die NDR 2 Bundesligashow | 17.05.2020 | 13:00 Uhr

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