Stand: 09.08.2019 12:10 Uhr

Lass rasseln! Blindenfußball als "große Freiheit"

von Andreas Bellinger, NDR.de

Da standen sie nun im Rampenlicht - und lauschten andächtig der Bewunderung und Zuneigung, die ihnen entgegengebracht wurde. Für die Hauptdarsteller der Sportclub Story "Lass rasseln!" über die Blindenfußballer des FC St. Pauli schien der große Bahnhof ein bisschen ungewohnt zu sein. Doch mit jeder Minute, die der Applaus nach der Premiere am Dienstag im Hamburger Clubhaus der Kiezkicker anhielt, wurden die Nationalspieler Serdal Celebi und Rasmus Narjes lockerer. Schließlich huschte sogar ein Lächeln über ihre Gesichter. "Das ist einfach krass und geil", sagt Celebi später und schwelgt noch einmal in Erinnerungen an den 25. August 2018, als ihm das "Tor des Monats" gelungen war, und er der staunenden (Sport-)Öffentlichkeit zeigen konnte, was blinde Fußballer drauf haben.

Blindenfußballer Serdal Celebi (l.) © NDR/Florian Neuhauss Foto: Florian Neuhauss

Lass rasseln! St. Pauli Blindenfußball - Größte Freiheit

Sportclub -

Vor einem Jahr schoss Serdal Celebi als erster blinder Fußballer das Tor des Monats. Die Sportclub Story hat ihn und St.-Pauli-Kapitän Rasmus Narjes ein Jahr lang begleitet. Ein Film mit vielen emotionalen Momenten.

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Achtung, ich komme!

Allein die Technik, mit der sie - den Ball immer eng am Fuß - dribbeln. Die Geschwindigkeit, mit der sie die Richtung wechseln und die Gegner umkurven, ist für einen Sehenden kaum nachzuvollziehen. Welches Vertrauen in das von ihnen als Käfig bezeichnete 40 x 20 Meter große Spielfeld dazugehört. Welcher Chuzpe es bedarf, Zweikämpfe mit Gegenspielern zu führen, die man nicht sehen kann. Und wie schwer es sein muss, sowohl Ball als auch Tor nur über akustische Wahrnehmung zu treffen. Den Weg Richtung Tor, in dem der einzige Sehende auf dem Feld steht, weist ein sogenannter Guide mit seinen Rufen. Der Ball aber rasselt nur, wenn er rollt. Die Akteure machen sich bemerkbar, indem sie beharrlich "voy" rufen, was auf Spanisch soviel heißt wie: Achtung, ich komme! Wer noch etwas Sehvermögen besitzt, bekommt die Augen abgeklebt und eine Dunkelbrille aufgesetzt.

"Bin halt ein blinder Passagier"

Rasmus Narjes, der Kapitän des FC St. Pauli und angehende Jura-Student, ist von Geburt an blind. "Das ist eine Schwäche, okay. Aber ich kann ganz normal leben, Fußball spielen, arbeiten und Musik machen", sagt der Schlacks, der sowohl in seiner Art als auch in seiner Spielweise ein bisschen an Weltmeister Per Mertesacker erinnert. Und er hat noch ein anderes Hobby: Der begabte Organist spielt in der Kirche von Bispingen in der Lüneburger Heide, manchmal gibt er auch Konzerte. Zweimal pro Woche macht er sich allein auf den Weg zum Fußball-Training. Rund 75 Kilometer sind es von seinem Wohnort Volkwardingen bis zum Sportplatz am Hamburger Stadtpark. Ein gutes halbes Jahr hat er die zweistündige Reise mit dem Zug und der S-Bahn geprobt. Dreimal muss er umsteigen, Ausfälle und Verspätungen einkalkulieren. "Einmal bin ich in einen falschen Zug gestiegen", erzählt der 19-Jährige: "Blöd. Bin halt ein blinder Passagier."

Schüsse ins Lattenkreuz zischen so schön

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Historisch: Blinder Celebi schießt "Tor des Monats"

Erstmals hat ein Blindenfußballer das Tor des Monats geschossen. Serdal Celebi vom FC St. Pauli setzte sich bei der Wahl des Monats August durch. (Vom 15.09.2018) mehr

Serdal Celebi ist durch sein "Tor des Monats" so etwas wie der Star der Branche geworden. Auf jeden Fall aber ein Botschafter seines Sports, in dem es (anders als in Spanien, England, Brasilien oder Frankreich) in Deutschland keinen Cent zu verdienen gibt. Dabei kannte Celebi das seit 48 Jahren praktizierte Publikums-Votum der ARD-Sportschau bis dahin gar nicht. "Das hat sich natürlich geändert", sagt der 35-Jährige, der noch immer nicht vergessen kann, wie er nach dem mit 1:2 gegen den VfB Stuttgart verlorenen Endspiel um die Deutsche Meisterschaft heulend an der Bande hockte. "Mein Tor hat mich überhaupt nicht mehr interessiert." Dabei war es ein Supertor - und eine Banane spielte dabei eine entscheidende Rolle. So nennen die Blindenfußballer den Seitenwechsel mit dem Ball am Fuß, bei dem Celebi einige Gegner stehengelassen und dann eiskalt in den Winkel vollendet hatte. "Ich liebe Schüsse ins Lattenkreuz", sagt er nach der Filmvorführung mit Audiodeskription schelmisch: "Das zischt so schön."

Botschafter und "Rampensau"

Der Titel war futsch, der Blindenfußball dank des Torschützen aber in aller Munde. Celebi absolvierte einen regelrechten Marathon an Interviews und Auftritten. Inzwischen macht er mit jungen Strafgefangenen ein Sensibilisierungstraining. Er zeigt den Jugendlichen, was gegenseitiges Vertrauen im Blindenfußball ebenso wie im Leben bedeutet. Es macht ihm Spaß, mit der Rolle als "Rampensau" hat er sich bestens arrangiert. Und auch wenn er seinen Gegenüber nicht sehen könne, verrieten ihm die Art wie dieser rede, betone und Emotionen offenbare, ebenso viel, als würde er ihm in die Augen schauen können.

Taktiktafel: Die Gegner sind die Sektkorken

Trainer der Hamburger Blindenfußballer ist Wolf Schmidt. Der 53-Jährige gibt offen zu, dass er selbst gar nicht besonders gut Fußball spielen kann: "Was ich von meinen Spielern verlange, kann ich selbst gar nicht leisten", sagt er. Seine Hochachtung vor ihnen ist umso größer. "Eintracht irreal", nennt er sein Team manchmal launig. Eine spezielle Taktiktafel hat er natürlich auch. Narjes: "Unsere Figuren sind die etwas schlankeren; die Gegner sind die Sektkorken." Die Meisterschale von 2017 hat der Trainer in einer Garage geparkt, und eigentlich ist er sehr moderat und geduldig. Nur bei dummen Sprüchen wie "Du Blinder" oder "blinder Pass" gerät er in Rage. "Es ist gedankenlos und fehl am Platze", sagt er.

Serdal Celebi: Fußballer mit "Zauberhänden"

Celebi begleitet Schmidt auf seiner Werbetour für den Blindenfußball. Er arbeit seit zehn Jahren als Physiotherapeut - mit "Zauberhänden", wie eine Patientin erzählt. "Ich muss meine Patienten anderes wahrnehmen. Durch Hören, durch Tasten und eventuell durch Riechen", erzählt er. "Ich denke, wir blinden Therapeuten haben einen besonders ausgeprägten Tastsinn und können so beispielsweise jede kleinste Verspannung aufspüren." Es hat lange gedauert, bis er seinen Frieden damit machen konnte, dass sich die Netzhaut in seinen Augen mitten in der Pubertät abgelöst hat. Mit 13 konnte er nichts mehr sehen. Er habe sich in seinem Zimmer verkrochen - depressiv und ohne Hoffnung. "Erst der Fußball hat mich wieder selbstbewusster werden lassen."

Schlimme Erfahrungen ein Vorteil?

Celebi ist gut in seinem Beruf und im Fußball. So richtig glücklich habe ihn aber die Geburt seines Sohnes gemacht. Ihm will er zeigen, dass "sein Papa zwar blind ist, das aber nicht schlimm ist". Mag sein, dass seine schlimmen Erfahrungen auf dem Spielfeld heute ein Vorteil für ihn sind. Diesen Eindruck hat Filmemacher Andreas Kramer jedenfalls gewonnen, während er die Fußballer ein Jahr lang begleitet hat. "Serdal kann sich an Farben und das ein oder andere noch erinnern", sagt er. Und er hat Fußball gespielt und ein Gefühl dafür entwickelt, als er das Tor noch sehen konnte.

Blindenfußball vor der Haustür

Rasmus Narjes hat so etwas nie erlebt. Und doch bewegt er sich so, als habe er sich manches von Mertesacker & Co. abgeschaut. Dank seiner "natürlichen Autorität" (Celebi) ist der Youngster der Kapitän des erfolgreichen Teams und hat bisweilen auch den Filmleuten gezeigt, wo es langgeht. "Ich habe die Kameraleute auch ein bisschen erzogen", erzählt er unter dem Gelächter der Premierengäste. "Von wegen Pünktlichkeit und so." Am Ende des Films zeigt eine Szene die Blindenfußballer von St. Pauli bei einer Begegnung in Volkwardingen, Narjes' erstes echtes Heimspiel. Ein Festtag für alle im Dorf, ein unvergessener Tag für den Kapitän: "Ich bin geflasht", sagt Narjes danach sichtlich aufgewühlt in die Kamera - ohne Lust auf viele Worte: "Ich muss zu den Fans."

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 11.08.2019 | 23:30 Uhr