Coach Daniel Thioune vom Hamburger SV © Witters Foto: Tim Groothuis

Kommentar zum Thioune-Aus: Zu viel "All in", zu wenig Konzept

Stand: 03.05.2021 17:37 Uhr

Daniel Thioune ist nach lediglich zehn Monaten als Trainer des Hamburger SV entlassen worden. Der 46-Jährige scheiterte wie seine Vorgänger an der Mentalität der Mannschaft. Aber auch an sich selbst.

Ein Kommentar von Hanno Bode

Daniel Thioune hat sich verzockt, zu hoch gepokert. Und das nicht erst vor dem Spiel gegen den Karlsruher SC, als er vollmundig ankündigte, die Mannschaft würde "All in" gehen. Es folgte beim 1:1 ein Auftritt, der sinnbildlich für viele Partien in der Ära des 46-Jährigen beim HSV war. Der Mannschaft fehlte es an einem klaren Matchplan, Begeisterung, fußballerischem Esprit und Leidenschaft. Also an allem, was der Ex-Profi seinem Team bei seinem Amtsantritt doch eigentlich hatte vermitteln wollen.

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Thiounes Ansatz: Vieles bis alles verändern

Er habe seine Mannschaft mit Informationen und Vorgaben überfrachtet, erklärte Thioune nach dem Österreich-Trainingslager im vergangenen Sommer. Mehr Widerstandfähigkeit und Verantwortung forderte der Coach nach zwei verpassten Aufstiegen von seinen Spielern ein. Er war bemüht, seine Emotionalität auf die Profis zu übertragen. Und noch entscheidender: Er wollte die Spielweise des HSV spannender, unberechenbarer machen, den zuvor faden Stil ein großes Stück weit neu erfinden.

Trainer kann Team keine neue DNA verpassen

Nun bringen es große Erfindungen mit sich, dass dahinter erst einmal eine große Idee stehen muss. Und die hatte Thioune nicht. In Gänze gingen weder seine taktischen Experimente noch seine Personalrochaden auf. Daniel Thioune schien oftmals Daniel Düsentrieb nachzueifern. Er wirkte wie jemand, der auf der Suche nach dieser einen genialen Idee war, wie er der launischen und weiterhin bei Rückschlägen wenig widerstandsfähigen Mannschaft eine neue DNA verpassen könnte.

Wood als Paradebeispiel für Schlingerkurs

Die Personalie Bobby Wood stand stellvertretend für seine Experimentierfreudigkeit. Erst gab er dem von seinen Vorgängern kaum berücksichtigten Angreifer eine neue Chance, dann ließ er den US-Amerikaner nach einem Kabinenstreit nach der Darmstadt-Pleite (1:2) Anfang April vorzeitig in seine Heimat ziehen. Auch anderen Spielern (Aaron Hunt, Jeremy Dudziak, Klaus Gjasula, Manuel Wintzheimer) schenkte und entzog er wechselweise das Vertrauen.

Thioune verliert Zugang zu seinen Spielern

Nach einer von der Punkteausbeute ausgezeichneten, aber den Leistungen auch nur teilweise guten Vorrunde, brach der HSV nach dem Jahreswechsel wie in den beiden Vorjahren ein. Thioune gelang es nicht, gegenzusteuern. Ein Problem der Mentalität und Qualität des sicherlich auch etwas überschätzten Teams. Aber eben auch ein klares Indiz dafür, dass der Coach den Zugang zu seinen Spielern peu á peu verloren hatte.

Vorstand zieht zu spät die Reißleine

Spätestens nach der im Zustandekommen peinlichen 1:2-Pleite gegen gerade aus der Quarantäne gekommene Sandhäuser hätte der HSV die Reißleine ziehen und einen Trainerwechsel vornehmen müssen. Stattdessen schenkten die Verantwortungsträger dem glück- und ratlosen Coach zwei weitere Spiele. Damit gingen Sportvorstand Jonas Boldt und Sportdirektor Michael Mutzel unnötig "All in", um es mit den Thiounschen Worten zu sagen. Sie taten es wohl auch, weil der Trainer keine silbernen Löffel gestohlen hatte, sprich, sich menschlich stets hochanständig verhielt.

Die nächste Trainerentscheidung muss sitzen

Nun soll HSV-Legende Horst Hrubesch mit dem Team, das in drei Zweitliga-Jahren vier Trainer verschliss, noch den Aufstieg schaffen. Und dann? Das nächste Blatt muss ein gutes sein, um in der Pokersprache zu bleiben. Viele Trainer-Fehlentscheidungen werden sich die Hamburger nicht mehr erlauben dürfen, um nicht von der Bildfläche zu verschwinden. Finanziell gehen sie schließlich seit Jahren "All in"...

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 03.05.2021 | 19:30 Uhr

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