Stand: 26.03.2020 15:15 Uhr

Italien-Legionär Kragl: "Es ist alles sehr traurig"

Oliver Kragl steht seit 2019 bei Benevento Calcio unter Vertrag.

Das Leben des deutschen Fußball-Profis Oliver Kragl ist aus dem Gleichgewicht gekommen - so wie das Leben nahezu aller Menschen in Zeiten der Coronavirus-Krise. Der gebürtige Wolfsburger arbeitet seit vier Jahren in Italien, also in dem Land, in dem die Covid-19-Pandemie bislang weltweit die meisten Menschenleben gefordert hat. Der 29-Jährige ist derzeit wie alle Italiener in seinen eigenen vier Wänden gefangen. Mit einer strengen Ausgangssperre versucht die Regierung, die Ausbreitung des Virus zumindest zu verlangsamen. Es ist eine bedrückende Situation für Kragl, der mit seinem Club Benevento Calcio eigentlich bereits in Kürze die Rückkehr in die Serie A feiern wollte. Das Team hat nach 28 absolvierten Spieltagen satte 20 Punkte Vorsprung vor dem Tabellenzweiten FC Crotone.

Rückkehr nach Deutschland derzeit nicht möglich

Doch an eine baldige rauschende Aufstiegsfeier ist für Kragl und Co. momentan nicht im Entferntesten zu denken. Die an der Westküste liegende Region Kampanien, zu der Benevento gehört, ist derzeit zwar bei weitem noch nicht so schlimm betroffen wie der Norden des Landes. Wann das öffentliche Leben aber wieder etwas hochgefahren werden kann, ist momentan völlig offen. "Es gibt immer mehr positive Fälle. Wir können nur hoffen, dass es so schnell wie möglich endet. Es ist alles sehr traurig", sagte Kragl italienischen Medien. Eine Rückkehr in seine Heimat zu seiner Familie ist für den Mittelfeldspieler derzeit nicht möglich. Die Ausgangssperre wurde just bis zum 14. April verlängert. Und Flüge nach Deutschland werden derzeit ohnehin nicht angeboten. "Ich fühle mich ein bisschen wie im Gefängnis", erklärte der Ex-Profi von Eintracht Braunschweig dem "Sportbuzzer".

Kragl hofft auf Fortsetzung der Meisterschaft

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Kragl wechselte 2016 aus Österreich nach Italien.

Die Tage für Kragl sind lang und eintönig. Via sozialer Medien und Videochats hält er Kontakt zu seinen Teamkameraden - darunter der frühere Werder-Verteidiger Luca Caldirola. "Zum Glück habe ich eine ziemlich große Terrasse und spiele dort mit den Hunden", erzählte der 29-Jährige. Zudem mache er viel Sport und spiele auf der Playstation. Der Wunsch, endlich wieder mit seinen Mitspielern auf den Trainingsplatz zurückzukehren, wächst jedoch mit jedem Tag. "Leider sind der Gesellschaft die Hände gebunden, weil das, was passiert, größer ist als wir alle", sagte der gebürtige Wolfsburger. Trotz des so schrecklich in seiner Wahl-Heimat wütenden Virus hofft der Fußball-Profi, dass die Saison noch zu Ende gespielt werden kann.

"Wir können die Meisterschaft nicht absagen. Es wäre ein unglaublicher Skandal. Wir müssen weitermachen. Wichtig ist, dass die Saison beendet wird, weil wir es verdient haben, in die Serie A aufzusteigen", sagte der Mittelfeldmann. Bei allem sportlichen Ehrgeiz ist ihm jedoch auch klar: "Wir müssen hoffen, dass dieser Virus ausgerottet wird. Ansonsten wäre alles Gerede sinnlos." Bis dato letztmals durften Kragl und Co. am 8. März ihrer Arbeit nachgehen. Seinerzeit schlugen sie Delfino Pescara 1936 mit 4:0. Die Partie fand wegen der Coronavirus-Krise bereits unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Aus Wolfsburg via Österreich nach Italien

Ein sogenanntes Geisterspiel war auch für den Fußball-Nomaden Kragl Neuland. Der 29-Jährige hat in seiner Laufbahn einige Umwege nehmen müssen, bevor er auf der großen Bühne des Profifußballs angekommen war. Nach seiner Jugendzeit bei den "Wölfen" wechselte der Modellathlet zur benachbarten Eintracht nach Braunschweig. Der Durchbruch beim BTSV blieb ihm allerdings verwehrt. Über die Stationen Germania Halberstadt und Babelsberg 03 landete Kragl in der Österreichischen Bundesliga beim SV Ried. Dort machte der Mittelfeldmann nachhaltig auf sich aufmerksam, sodass ihn 2016 Frosinone Calcio unter Vertrag nahm, das damals noch in der Serie A spielte. Später streifte er sich in Bella Italia noch die Jerseys von Crotone und Foggia über, bevor er im Sommer des vergangenen Jahres bei Benevento landete. Es ist so ein wenig die Geschichte vom Tellerwäscher zum Millionär. Eine, die mit dem Serie-A-Aufstieg ein weiteres Kapitel bekommen soll. Wann dieses zu Ende geschrieben werden kann, ist derzeit allerdings völlig offen.