Stand: 26.08.2019 09:00 Uhr  - Sportclub

Fliegenfischer und Glückspilz: Hrubesch sagt "finito"

von Andreas Bellinger, NDR.de

Psssst! Man kennt es doch, das eherne Gesetz der Angler. Auch Horst Hrubesch macht für gewöhnlich keine Ausnahme. "Du kannst hier stundenlang im Wasser stehen und keiner sabbelt dich an", sagt der Fliegenfischer aus Passion und wirft, bis zur Hüfte im Wasser stehend, gekonnt die Rute meterweit aus. Der rauschende Strom mit Namen Mandalselva im Süden Norwegens ist voller Lachse. Eigentlich. Sie ziehen zum Laichen flussaufwärts, aber um die selbstgemachten Köder des Fußball-Rentners machen sie seit Tagen einen großen Bogen. "Die Fliege passt, die Rute passt, das Wasser passt - jetzt müsste nur noch der passende Fisch beißen", sagt Hrubesch achselzuckend. "Wenn das nicht der Fall ist, werde ich auch nicht umkommen."

"Kopfball-Ungeheuer" wider Willen

"Spaß haben, relaxen, abschalten - darum geht es", nennt Hrubesch sein Urlaubsziel, das er diesmal mit seinem 13 Jahre alten Enkel Taylor teilt. Das komplette Kontrastprogramm zum Fußball-Business, seiner bisherigen Profession. Da standen Fleiß und Arbeit an erster Stelle. Das Filigrane hat er anderen überlassen. Kevin Keegan zum Beispiel, den er als genialen Mitspieler in den ruhmreichen Jahren beim Hamburger SV bewundert hat. "Ein großes Glück, mit solch einem Fußballer spielen zu dürfen", erinnert sich das einstige "Kopfball-Ungeheuer". Ein Spitzname - eher respektvoll denn despektierlich gemeint -, den Hrubesch nicht sonderlich mochte. Weil er viele Tore eben auch mit dem Fuß gemacht hat. "Glauben Sie denn, dass ich immer einen Kopfstand gemacht habe?" zürnte er bisweilen. Wie ihm der Schnabel gewachsen ist: ehrlich und ungeschminkt. Ein Lautsprecher hingegen war er nie.

Teamplayer ohne Allüren und Skandale

Ein Realist wiewohl, bescheiden und bodenständig. Und schlagfertig - nicht selten mit dem Schalk im Nacken. Wie der NDR Reporter bei seinem Besuch in Norwegen erfährt. "Moin, Peter Carstens, Sportclub Story", begrüßt er den im reißenden Fluss angelnden Hrubesch, der trocken erwidert: "Moin, Franz Beckenbauer, Bayern München." Ein Spaß, der die unkapriziöse Art eines Siegertypen ohne Allüren widerspiegelt, der sich als Teamplayer niemals zu wichtig genommen hat: "Ich habe das gar nicht so gesehen; habe eigentlich nur Fußball gespielt und das getan, was mir Spaß macht."

Porträt

Horst Hrubesch - "Manni Flanke, ich Kopf, Tor!"

Früher ein gefürchtetes "Kopfball-Ungeheuer", dann erfolgreicher Juniorentrainer beim DFB: HSV-Legende Horst Hrubesch ist sich immer treu geblieben. mehr

Drei deutsche Meisterschaften und den Europapokal der Landesmeister holte Hrubesch als Spieler mit dem HSV, mit zwei Toren sorgte er 1980 dafür, dass Deutschland nach einem 2:1-Finalsieg gegen Belgien Europameister wurde. Und auch als Trainer beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) reüssierte der "Lange", hinterließ Spuren als zweifacher Europameister (U19 und U21) und Silbermedaillengewinner bei den Olympischen Spielen in Rio 2016.

Zu alt für den HSV?

Dabei hätte alles ganz anders kommen können, gibt der am 17. April 1951 in Hamm geborene Hrubesch zu bedenken. Den festen Job als Dachdecker mit der unsicheren Zukunft als Berufsfußballer tauschen? Lange habe er mit sich gerungen. "Kann ich jederzeit zurückkommen?", habe er seinen Chef gefragt. Erst als der sofort signalisierte, "kein Problem", habe er sich als 24 Jahre alter Spätstarter auf das Abenteuer eingelassen. Drei Jahre bei Rot-Weiß Essen mit Willi "Ente" Lippens ("Mit Horst waren wir nicht mehr so hilflos bei hohen Bällen") an seiner Seite. Erstes Gehalt 1.800 Mark. "Als Dachdecker habe ich mehr verdient." 1978 dann für fünf Jahre zum HSV. "Meine Hochzeit", so Hrubesch. 1983 setzten ihm die Hanseaten allerdings den Stuhl vors Volksparkstadion. Aus "Altersgründen" - angeblich.

Petri heil mit Bockwürstchen

"Pack die Klamotten und hau schon ab", habe seine Ehefrau Angelika immer gesagt, wenn es mal wieder Zeit wurde für eine Auszeit mit Rute und Fliege. Früh aufstehen, allein im Wasser stehen, die atemberaubende Kulisse in der freien Natur genießen: "Das ist einfach sensationell hier", sagt Hrubesch und erzählt, warum auch ein Tag ohne Fisch in der Pfanne kein Problem ist. "Dann machen wir die Dose auf." Bockwürstchen sind nach wie vor der Renner. Petri heil - und Petri dank.

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"Aller Anfang ist schwer"

Norwegen als Seelenpflaster im bisweilen gnadenlosen Fußball-Geschäft braucht Hrubesch heute nicht mehr. Aber sein holpriger Start an der Elbe bleibt eine unschöne Erinnerung. "Aller Anfang ist schwer", denkt Hrubesch (altersmilde) an die Zeit bei dem Verein zurück, in dem sein großes Vorbild Uwe Seeler so nachhaltig Spuren auf seiner Position hinterlassen hat. Hrubeschs Stil wirkte eher hölzern, ein Stoßstürmer eben. "Aber", so Hrubesch, "ich war immer ein Typ, der gewollt und der Verantwortung übernommen hat. Das hat mir geholfen. Am Ende war ich sogar Kapitän."

Spätstarter auch als Trainer

Durch das Tal der Tränen half ihm damals Branko Zebec. "Spielst du so weiter, Junge. Egal, was sie sagen oder schreiben", habe der Trainer ihm immer wieder eingetrichtert. Ein noch wichtigerer Fürsprecher aber sei Ernst Happel gewesen. "Zebec war ein Diktator und hat dir gezeigt, dass du arbeiten musst. Happel hatte eine Aura, die kannst du nicht beschreiben." Kein Grantler. "Das sehen viele falsch. Er war ein Typ Mensch, der dir immer wohlgesonnen war." Eine Tugend, die sich auch der Trainer Hrubesch zu eigen machte. Als Chef an der Seitenlinie blieb er zunächst erfolglos. Bei seinem Debüt 1986 in Essen ebenso wie in Wolfsburg, Rostock oder Dresden. Das Rezept "Kaltz Flanke, ich Kopf, Tor", funktionierte nicht mehr. "Als Spieler war ich ein Spätstarter, als Trainer bin ich es auch", sagte er sich und wagte - kaum Selbstzweifel - den Schritt als Jugendtrainer zum DFB.

"Papa Hotte" - für Jungs und Mädels

Mit seiner speziellen Art, die im Profifußball heute ihresgleichen sucht, versammelte Hrubesch die hoffnungsvollen Talente hinter sich und legte den Grundstein für manch eine große Karriere. In der U21-Nationalmannschaft, die er 2009 zur Europameisterschaft führte, standen spätere Weltmeister wie Mesut Özil, Mats Hummels, Jerome Boateng und Manuel Neuer. "Papa Hotte" behandle sie wie ein Vater und Freund, so der heutige Bayern-Torwart. "Er schnauzt uns an, um uns danach wieder aus dem Dreck zu ziehen."

Nach Silber bei Olympia in Brasilien sollte 2016 eigentlich Schluss sein. "Sonst lässt sich meine Frau scheiden", witzelte Hrubesch - und legte doch noch eine Ehrenrunde ein, als ihn ein Hilferuf der Frauen-Nationalmannschaft erreichte. Nach dem Aus für Steffi Jones schien er genau der Richtige zu sein, um das Team zurück auf den Weg Richtung Weltspitze zu führen. "Wo es auch hingehört", sagt Hrubesch.

Familienmensch und echter Glückspilz

Es war 2018 das letzte Halali in der Fußball-Karriere des Horst Hrubesch. Auch wenn der Begriff nicht zum Fliegenfischen gehört. Aber wer könnte es besser verzeihen, als einer, der für manche Stilblüte ("Das müssen wir alles noch mal Paroli laufen lassen") gesorgt hat? "Jetzt ist finito, endgültig", sagt der 68-Jährige. Vielleicht fährt er bald mal wieder zum Lachse angeln nach Alaska oder schreibt ein weiteres Buch über sein Hobby. Das will er mehr denn je genießen. "Ich weiß ja auch nicht, wie alt ich noch werde." Vor allem aber will sich der Familienmensch nun um seine Liebsten kümmern und sich dafür revanchieren, dass sie immer alles mitgetragen und ihn unterstützt haben. "Dafür bin ich unendlich dankbar", sagt Hrubesch. Ein Glückspilz, oder? "Ja, das muss man schon sagen."

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 25.08.2019 | 23:35 Uhr

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