John Verhoek und Markus Kolke (v.l.) vom FC Hansa Rostock bejubeln den Zweitliga-Aufstieg © IMAGO / Fotostand

Hansa Rostock: Nach dem Aufstieg ist vor dem Umbruch

Stand: 23.05.2021 13:39 Uhr

Hansa Rostock ist nach zehn Jahren in die zweite Fußball-Bundesliga zurückgekehrt. Um dort konkurrenzfähig zu sein, wird wohl ein mittelgroßer personeller Umbruch vonnöten sein.

Am Sonnabendnachmittag durfte Jezz Verhoek seinem Papa John endlich wieder hautnah bei der Arbeit zuschauen. Nachdem der achtjährige Sohn des Angreifers vom FC Hansa Rostock monatelang die Partien des Drittligisten vor dem Fernseher verfolgt hatte, war er nun im Spiel gegen den VfB Lübeck unter den 7.500 zugelassenen Fans im Ostseestadion. Und bei jedem Ballkontakt seines Vaters sprang der Steppke auf der Tribüne auf. Kaum war der Abpfiff ertönt, befand sich Jezz auch schon auf dem Rasen und feierte dort frenetisch im Hansa-Trikot mit seinem Papa den Aufstieg.

Verhoek und Co blühen in Rostock wieder auf

"Er konnte die letzte Woche gar nicht schlafen. Ich habe ihm gesagt, es wird auch für dich etwas Großes, wenn wir das schaffen. Das vergisst du im Leben nie wieder", erklärte der ob des Triumphs sichtlich ergriffene John Verhoek bei "Hansa TV". Für den 32-Jährigen - mit zwölf Treffern erfolgreichster Schütze der Mecklenburger - war der Aufstieg wie für viele seiner Teamkameraden auch eine persönliche Genugtuung.

Bei ihren vorigen Clubs hatten Verhoek und beispielsweise auch Nils Butzen, Nik Omladic, Philip Türpitz oder Manuel Farrona Pulido keine große Wertschätzung genossen. In Rostock blühten sie wieder auf, weil es Coach Jens Härtel ausgezeichnet verstand, sie in ein funktionierendes Kollektiv einzubinden.

Weitere Informationen
Rostocks Spieler bejubeln den Aufstieg in die Zweite Bundesliga. © WITTERS Foto: FrankPeters

Aufstieg! Hansa Rostock kehrt zurück in die Zweite Liga

Hansa Rostock hat nach einer Zitterpartie den Aufstieg in die zweite Fußball-Bundesliga geschafft. 7.500 Fans waren im Stadion dabei. mehr

"Wir haben die Dinge erzwungen"

Nicht die individuelle Qualität, sondern die Mentalität war das Erfolgsgeheimnis der Hansa-Haudegen, die "häufig das Momentum auf ihre Seite gezogen haben", wie es Härtel ausdrückte. Der Trainer sprach damit auf die vielen Partien an, die auf Messers Schneide gestanden hatten, und in denen die Rostocker häufig durch ihre hohe Einsatzbereitschaft am Ende knapp siegten. "Es war in diesem Jahr ja nicht so, dass wir fußballerisch immer überzeugt haben. Aber wir haben uns halt mit allem, was wir haben, in jedes Spiel reingeworfen und die Dinge erzwungen", erklärte Sportvorstand Martin Pieckenhagen "Hansa TV".

Kontinuität und Geduld zahlen sich aus

Der 49-Jährige wurde 2019 übrigens mit einer gewissen Skepsis im Umfeld des Traditionsclubs empfangen. Zwar hatte er als Torwart eine Hansa-Vergangenheit, aber halt keinerlei Erfahrung als Funktionär auf Profi-Ebene. Eine seiner ersten Amtshandlungen war die Verpflichtung von Härtel. Und dass Pieckenhagen auch in sportlich schwierigen Zeiten nicht in Aktionismus verfiel und an dem Übungsleiter festhielt, zahlte sich nun aus. Der Manager hätte am Sonnabend also allen Grund gehabt, à la Louis van Gaal zum "Feierbiest" zu werden und sich hochleben zu lassen.

Pieckenhagen denkt schon an die Zukunft

Doch während der Coach fortlaufend mit Gerstensaft übergossen wurde "und auch schon das eine oder andere Bier in den Rachen geflossen ist" (Härtel), stand Pieckenhagen mit einer Pulle Pils in der Hand etwas abseits und wirkte beinahe nachdenklich. "Ich bin stolz auf die Jungs, dass es über die Linie gebracht haben. Aber bei mir rotiert es jetzt schon für die nächste Saison. Wir müssen jetzt Gas geben und versuchen, eine Truppe zusammenzubauen, die die Liga im nächsten Jahr hält. Und das wird brutal schwer", sagte der 49-Jährige.

Hansa muss kleinen Umbruch vornehmen

Man darf seine Worte durchaus so interpretieren, dass die Rostocker für die "geile Zweite Liga" (Verteidiger Sven Sonnenberg) einen nicht unbeträchtlichen personellen Umbruch vornehmen werden. Einige Akteure, die in der abgelaufenen Serie nur eine Nebenrolle spielten, werden gehen müssen. Einen Aufstiegs-Bonus kann der Club keinem Akteur gewähren, will er im wohl stärksten Bundesliga-Unterhaus aller Zeiten bestehen. Das weiß auch Härtel. Und es wird dem 51-Jährigen, der so ein vertrauenvolles Verhältnis zu seinem kickenden Personal pflegt, gewiss nicht leicht fallen, Spielern mitzuteilen, dass sie sich neuen Herausforderungen widmen müssen.

Am Tag des Triumphs wollte der Coach aber nicht in die Zukunft blicken. "Heute mache ich mir keine Gedanken über morgen. Heute genießen wir den Tag. Feuer frei - Party", sagte der 51-Jährige dem NDR.

Weitere Informationen
Verbrannter Müll und verbrannte Mülltonnen am Rand einer Straße. © NDR Foto: NDR

Hansa distanziert sich nach Aufstiegs-Randale in Rostock

Der Verein hat nach den nächtlichen Verwüstungen Hilfe angekündigt, die Polizei hat Ermittlungen aufgenommen. mehr

Team feiert auf Rathausplatz - Ausschreitungen in der Nacht

Seine freudentrunkenen und teilweise bereits angeschwipsten Profis ließen sich zu diesem Zeitpunkt von den Fans im Stadion feiern. Als sich die Arena geleert hatte und alle Spieler geduscht waren, ging die Fete auf dem Rathausplatz weiter. Gemeinsam mit mehreren hundert Anhängern, die hinter eine Absperrung standen, wurde dort gefeiert. "Hansa ist der geilste Club der Welt" oder "Dritte Liga, nie mehr, nie mehr", skandierten Spieler und Anhänger. Dass es Stunden später in der Nacht zu Sonntag zu Ausschreitungen im Stadtgebiet kam, warf einen Schatten über einen Tag, den aus sportlichen Gründen bestimmt nicht nur Verhoek Junior nie vergessen wird...

Weitere Informationen
Hansa Rostocks Torwart Markus Kolke feiert mit seinem Sohn auf dem Arm den Aufstieg. © IMAGO / Fotostand

Kommentar: Hansa-Aufstieg der Lohn für Vertrauen und Kontinuität

Rostocks Aufstieg ist der Lohn für Beständigkeit und harte Arbeit. So kann Zweitliga-Fußball auch dauerhaft funktionieren, meint NDR Reporter Jan Didjurgeit. mehr

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 23.05.2021 | 22:45 Uhr

Mehr Fußball-Meldungen

Daniel-Kofi Kyereh (v.) vom FC St. Pauli bejubelt seinen Treffer zum 3:0 im Spiel beim Karlsruher SC © Witters Foto: TayDuc Lam

Der FC St. Pauli arbeitet an der Zukunft - und am Aufstieg

St. Paulis Erfolgstrainer Timo Schultz soll gehalten werden - und strebt mit seinem Team in Richtung Fußball-Bundesliga. mehr