HSV: Kein Ende im Fall Jatta - Ist das noch gerechtfertigt?

Stand: 17.01.2021 23:50 Uhr

Der Fall Bakery Jatta nimmt kein Ende. Die Hamburger Staatsanwaltschaft lässt derzeit ein zweites Gutachten erstellen, um der Frage nachzugehen, ob der HSV-Profi tatsächlich Jatta oder womöglich Bakary Daffeh ist. Aber ist das überhaupt angemessen?

von Matthias Heidrich und Elisabeth Hyra

Mittlerweile sind die Ermittlungen rund um den HSV-Profi ein Politikum. Die Abgeordneten der Linksfraktion der Hamburgischen Bürgerschaft, Deniz Celik und Cansu Özdemir, haben im Fall Jatta eine "Kleine Anfrage" an den Hamburger Senat gestellt. Sie zweifeln die Verhältnismäßigkeit des Verfahrens an. "Wir finden, dass die Staatsanwaltschaft übereifrig ist und unverhältnismäßig vorgeht", sagte Celik dem NDR. Er glaubt, dass bei Jatta mit zweierlei Maß gemessen wird.

Vor allem durch das zuletzt von der Staatsanwaltschaft Hamburg in Auftrag gegebene Bewegungsgutachten - bereits das zweite Gutachten im Fall Jatta. Das Institut für Biologische Anthropologie der Universität Freiburg soll aktuelle Jatta-Videos mit Aufnahmen von Daffeh aus dem Jahr 2012 vergleichen. "In der Regel kommen solche Gutachten bei Schwerstverbrechen zur Anwendung. Wir finden das total überzogen", so Celik.

Staatsanwaltschaft verweist auf "Legalitätsprinzip"

In der Antwort des Senats, die mehr Fragen offen lässt als beantwortet, wird auf das "Legalitätsprinzip" verwiesen, auf das sich auf NDR Anfrage auch die Staatsanwaltschaft Hamburg beruft. Demnach sei sie "verpflichtet, diese Ermittlungen zu führen". Zudem würden anthropologische Vergleichsgutachten auch in anderen Ermittlungsverfahren als Beweismittel herangezogen, "wenn auch nicht so häufig". Nach dem "Legalitätsprinzip" müssen Staatsanwaltschaften alle Straftaten mit den zur Verfügung stehenden Beweismitteln aufklären.

Bislang keine eindeutigen Beweise

Die bisherigen Ermittlungen verschiedener Behörden, auch der Hamburger Staatsanwaltschaft, haben keinen eindeutigen Beweis hervorgebracht, dass Bakery Jatta bei seiner Identität und seinem Alter falsche Angaben gemacht hat, als er 2015 als gambischer Flüchtling nach Deutschland kam. Es gibt Indizien, die darauf hinweisen, dass es sich bei Jatta um Daffeh handeln könnte, und die einen Anfangsverdacht rechtfertigen. Der Fußballprofi bestreitet die Vorwürfe.

Die Hamburger Staatsanwaltschaft will das Verfahren trotzdem nicht einstellen, was Jattas Anwalt Thomas Bliwier Ende vergangenen Jahres bereits beantragt hat. Eine Antwort auf sein Schreiben habe er nicht bekommen: "Das ist schlechter Stil, aber auch üblich."

Ein Hinweis auf das von der Staatsanwaltschaft ebenfalls Ende 2020 in Auftrag gegebene zweite Gutachten im Fall Jatta wäre laut Bliwier aber zwingend gewesen. "Von dem Auftrag habe ich aus der Zeitung erfahren. Das ist eine schwere Verletzung der verfahrensrechtlichen Garantien."

Kampagne der "Bild"-Zeitung?

Erfahren hat Jattas Anwalt davon aus der "Bild". Das Verlagshaus Springer, das in Form eines "Sport Bild"-Berichts Anfang August 2019 den Stein im Fall Jatta überhaupt ins Rollen gebracht hatte, ist stets bestens informiert über die Maßnahmen der Behörden und befeuert die Spekulationen um Jatta regelmäßig mit Schlagzeilen. Bei der Durchsuchung der Wohnung des 22-Jährigen im vergangenen Sommer war "Bild" sogar live dabei. Belastbare Beweise wurden dabei nicht zu Tage gefördert.

"Nie etwas Überzeugendes gefunden"

"Das ist fast schon eine Kampagne", sagte NDR Reporter Peter Hornung im NDR Sportclub. "Da ist anscheinend ein ganzer Verlag, der diesen Recherche-Sieg sozusagen haben möchte." Investigativ-Journalist Hornung hat mit seinen Kollegen ebenfalls im Fall Jatta recherchiert. "Wir haben immer wieder Indizien, aber nie etwas Überzeugendes gefunden, dass das tatsächlich stimmen könnte."

Bezirksamt Hamburg-Mitte stellte Ermittlungen ein

Das Bezirksamt Hamburg-Mitte, dass der Sache ebenfalls nachgegangen war, hatte seine Ermittlungen Anfang September 2019 eingestellt, nachdem Jatta seine Identität durch eine beglaubigte Kopie aus dem Geburtsregister von Gambia nachgewiesen hatte. Das scheint für die Hamburger Staatsanwaltschaft keine Rolle zu spielen. "Strafrechtliche Ermittlungen sind grundsätzlich nicht von den Ergebnissen der Untersuchungen anderer Behörden abhängig, sondern eigenständig nach den Vorschriften der Strafprozessordnung zu führen", teilte die Staatsanwaltschaft dazu dem NDR mit.

Jatta-Anwalt kritisiert neuerliches Gutachten

Stattdessen nun das Bewegungsgutachten, mit dem in Freiburg Prof. Dr. Ursula Wittwer-Backofen befasst ist. "Dass das seriös gemacht werden kann, wage ich zu bezweifeln. Ich glaube nicht, dass sich die beauftragte Sachverständige dazu versteigen wird, darauf irgendwelche Schlussfolgerungen zu stützen", sagte Jatta-Anwalt Bliwier.

Die Staatsanwaltschaft Hamburg gibt an, dass "das Gutachten den Anfangsverdacht bestärken oder ausräumen kann" und fügte in der Antwort an den NDR den bemerkenswerten Satz hinzu: "Eine Sicherheit zu 100 Prozent ist insoweit nicht entscheidend." Vielmehr gehe es darum, zu klären, "ob gegen den Beschuldigten ein hinreichender Tatverdacht besteht". Ein hinreichender Tatverdacht ist strafrechtlich gesehen die Voraussetzung für eine Anklage oder einen Strafbefehl. Liegt dieser nicht vor, müsste das Verfahren eigentlich eingestellt werden.

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 17.01.2021 | 22:50 Uhr

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