Stand: 23.01.2019 16:07 Uhr

HSV: Jansens Dilemma und Interessenkonflikt

von Daniel Jovanov, NDR.de

Den Willen der Mitglieder umsetzen oder dringend notwendiges Geld über Anteilsverkäufe beschaffen? Am vergangenen Sonnabend haben die Mitglieder des Hamburger SV Marcell Jansen zum Präsidenten gewählt und einen Antrag verabschiedet, dass er dafür sorgen soll, den Verkauf weiterer Anteile der Fußball AG zu begrenzen. Damit gerät Jansen in ein Dilemma: Denn möglicherweise bleibt dem finanziell angeschlagenen HSV gar keine andere Wahl, als Anteile zu verkaufen. Jansen müsste dieser Maßnahme als Mitglied des Aufsichtsrats zustimmen, würde damit aber den Auftrag der Mitglieder ignorieren.

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Mit 33 Jahren bereits HSV-Präsident: Marcell Jansen.

Die Mitglieder des Hamburger SV haben am vergangenen Sonnabend auf ihrer jährlichen Versammlung mit Marcell Jansen nicht nur einen neuen Präsidenten gewählt, sondern auch ein klares Zeichen gegen weitere Anteilsverkäufe an der HSV Fußball AG gesetzt. Nach der Wahl des neuen Präsidenten stimmten die verbliebenen Anwesenden für den Antrag des "Supporters Club", in der Satzung der Aktiengesellschaft (AG) eine Begrenzung bis maximal 24,9 Prozent zu verankern. Durch einen solchen Beschluss, den die Hauptversammlung der Aktionäre treffen muss, wäre garantiert, dass der HSV e.V. als Stammverein immer über eine Dreiviertelmehrheit verfügen würde, die für wichtige Beschlüsse notwendig ist.

Jansens Doppelfunktion birgt Konfliktpotenzial

Der Auftrag der Mitglieder bringt den 33 Jahre alten Präsidenten allerdings umgehend in ein Dilemma. Als Vertreter der Interessen des HSV e.V. ist er an den Beschluss der Mitgliederversammlung gebunden. Jansen ist aber nicht nur Vertreter des e.V., sondern gleichzeitig auch Aufsichtsrat der Fußball AG, die dem Aktienrecht unterliegt. Ist die wirtschaftliche Not der AG so groß, dass beispielsweise die Lizenzerteilung durch die Deutsche Fußball Liga (DFL) wegen fehlender Liquidität in Gefahr gerät oder sogar die Zahlungsunfähigkeit droht, kann und darf Jansen dem AG-Vorstand in seiner Rolle als Aufsichtsrat den Verkauf weiterer Anteile nicht verweigern, ohne selbst in die Haftung zu geraten. "Jansen fungiert sozusagen als Chef einer Holding. Er muss im Sinne der AG handeln. Wenn sie in Liquiditätsschwierigkeiten gerät, muss er alles dafür tun, um den Konkurs zu verhindern", sagte der Hamburger Wirtschaftsprofessor Carl-Christian Freidank NDR.de. Der Aufsichtsrat der AG und der Präsident des e.V. verfolgen also unterschiedliche Interessen. Jansens Problem: Er ist beides.

Präsidium gegen Begrenzung

Ein Ausweg aus diesem Dilemma ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Es spricht sogar viel dafür, dass dem Vorstand der AG keine andere Wahl bleibt, als weitere Aktien zu verkaufen. Laut Satzung liegt die Grenze bei 33,3 Prozent - allerdings endet die Ermächtigung über sogenannte Kapitalerhöhungen (Ausgabe neuer Aktien) im Sommer. Vizepräsident Thomas Schulz sprach sich während der Debatte überraschend gegen den Antrag zur Begrenzung auf 24,9 Prozent aus, obwohl er vor knapp einem Jahr gemeinsam mit dem heutigen Vorstandsvorsitzenden Bernd Hoffmann für die umgehende Korrektur dieses "Satzungsfehlers" geworben hatte. Seine Begründung: Das Präsidium habe zwar kein Interesse an weiteren Anteilsverkäufen, wolle sich diese Option aber für den Notfall erhalten.

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Und da sich der HSV bereits etliche Einnahmen aus der Zukunft im Voraus auszahlen ließ, trotzdem mit einem neuen Rekordverlust von mehr als 20 Millionen kalkuliert und seine Vermögensgegenstände wie das Stadion längst verpfändet hat, gibt es am Kapitalmarkt nur unter erschwerten Bedingungen neue Kredite. Wenn überhaupt. "Am Kapitalmarkt wird der HSV keine Kredite mehr bekommen. Er ist ein Fass ohne Boden", glaubt Ökonom Freidank. Die im September fällige Fan-Anleihe (17,5 Millionen Euro) will der HSV mit einer weiteren Anleihe finanzieren. Freidank: "Die neue Anleihe gleicht einem Schneeballsystem. Aber der HSV hat offenbar keine anderen Möglichkeiten mehr, um an Geld zu kommen. Es ist wie ein Schrei der Verzweiflung."  

"HSVPlus": Mitglieder in die Irre geführt

Doch sowohl das Präsidium um Jansen als auch der Vorstand um Hoffmann sind nicht ursächlich für den drohenden Verkauf weiterer Anteile verantwortlich. Vielmehr sind es die Mitglieder selbst, weil sie jene Satzung, die sie nun ändern wollen, vor viereinhalb Jahren im Rahmen der Ausgliederungsinitiative "HSVPlus" mit überwältigender Mehrheit verabschiedet haben. Der Initiator dieser Bewegung, Ernst-Otto Rieckhoff, hatte seinerzeit eindeutig und mehrfach kommuniziert, dass ohne Zustimmung der Mitglieder nicht mehr als 24,9 Prozent der Anteile verkauft werden können - und damit die Unwahrheit gesagt. Der heute als "Fehler" bezeichnete Passus in der Satzung war kein Geheimnis, sondern öffentlich einsehbar. Trotz der vehementen Warnung ihrer Kritiker beharrten Rieckhoff und seine teils prominenten Mitstreiter darauf, dass Anteilsverkäufe über die neuralgische Grenze von 24,9 Prozent der Zustimmung bedürften.

Vorstand braucht Sanierungsplan

Als sich die Mitglieder 2014 von "HSVPlus" in die Irre führen ließen, war Jansen selbst noch Profi und feierte in der Relegation gegen Greuther Fürth den Klassenerhalt. Nach dem sportlichen Abstieg vier Jahre später ist seine Aufgabe auf der Funktionärsebene eine völlig andere. Um den finanziellen Knock-out abzuwenden, muss er alles dafür tun, den Mitgliederbeschluss zur Begrenzung der Anteilsverkäufe nicht umsetzen zu müssen. Sein Handlungsspielraum ist aber extrem begrenzt. Eine außerordentliche Hauptversammlung der AG zur Änderung der Satzung kann nur der Vorstand einberufen. Aufsichtsrat Jansen könnte dies höchstens in einem langen Verfahren gerichtlich erzwingen. Der Vorstand kann also auf Zeit spielen und einen Anteilverkauf unter Dach und Fach bringen.

Stockt Kühne seine Anteile weiter auf?

Verteilung der Anteile an der HSV Fußball AG

  • Hamburger Sport-Verein e. V.: 76,19 %
  • Logistikunternehmer Klaus-Michael Kühne: 20,57 %
  • Familie Burmeister: 1,35 %
  • Agrarunternehmer Helmut Bohnhorst: 1,22 %
  • Erben von Weinhändler Alexander Margaritoff: 0,67 %

Als Käufer kommt wohl nur Klaus-Michael Kühne in Betracht. Da er bereits gut 20 Prozent der Anteile besitzt, hätte er dann gut 30 Prozent - und damit eben jene Sperrminorität, mit der er wichtige Entscheidungen blockieren könnte. Das finanzielle Problem wäre damit aber nur kurzfristig gelöst. Für den Verkauf der restlichen 9,49 Prozent kann der HSV wohl mit Einnahmen zwischen 25 bis 30 Millionen Euro rechnen. Das reicht für eine weitere Saison. Der HSV braucht jedoch einen langfristigen Sanierungsplan.

HSV ist finanziell schachmatt gesetzt

Eine mögliche Lösung führt erneut zum Logistikmilliardär. Wären Präsidium, Aufsichtsrat und Vorstand konsequent, würden sie bei den Mitgliedern des HSV sogar um eine Erlaubnis für Aktienverkäufe bis zu 49,9 Prozent werben. Kühne würde dann seine Anteile wohl noch einmal deutlich aufstocken. Die Einnahmen könnten zum Abbau der Schulden und zur Verstärkung der Profimannschaft verwendet werden, um nach einem möglichen Aufstieg nicht umgehend wieder Gefahr zu laufen, in die Zweite Bundesliga abzusteigen. Auch die Vorschriften der DFL wären damit nicht verletzt. Die 50+1-Regel besagt, dass der Mutterverein immer Mehrheitsaktionär bleiben muss. Auf anderen Wegen sind die Summen, die der HSV für seinen Spielbetrieb und zum Erhalt der Konkurrenzfähigkeit benötigt, nicht aufzutreiben. Die Alternative wäre der Verkauf von Leistungsträgern. Allerdings hat sich Kühne auch da im Rahmen der Finanzierung einiger Spieler mithilfe sogenannter Besserungsscheine einen Teil "außerordentlicher Erlöse" gesichert und würde beim Verkauf mitkassieren. Der HSV ist finanziell schachmatt gesetzt.

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 20.01.2019 | 19:30 Uhr