Ein Fußballspieler liegt auf dem Boden, während der Schiedsrichter ein Handzeichen gibt.  Foto: Petra Bojens

Fußball klagt über zu wenig Schiedsrichter im Land

Stand: 07.11.2021 17:47 Uhr

Schon seit Jahren klagt der Fußball in Schleswig-Holstein über zu wenige Schiedsrichter. In der Corona-Pandemie hat sich dieser Zustand noch einmal verschärft - doch es gibt Ideen, das Problem zu lösen.

von Finn-Ole Martins

Im September gab es in der Kreisliga Westküste West Ungewöhnliches zu sehen: Die Partie des Ostroher SC gegen den SV Hemmingstedt pfiff der 76-jährige Boje Richter, seine beiden Linienrichter waren jeweils 74 Jahre alt. Zusammengerechnet brachte es das Trio auf 224 Jahre Erfahrung. "Das waren nur knapp ein paar Jahre weniger als die gesamte Startelf des Ostroher SC", sagt der Vorsitzende des Schiedsrichterausschusses im Kreisfußballverband Westküste, Oliver Günther. Er kam auf die Idee für diese Aktion mit dem Senioren-Schiedsrichter-Trio. "Ich habe mich gefragt: Wie kann ich die Qualität des Schiedsrichterwesens erhöhen? Das geht nur mit Aufmerksamkeit für den aktuellen Zustand. Daher war die Anforderung, ein älteres Schiedsrichter-Trio einzusetzen."

Fußballmannschaften und Schiedsrichter betreten das Spielfeld.  Foto: Petra Bojens
Auf 224 Jahre Erfahrung haben es diese drei Schiedrichter geschafft: Boje Richter (Mitte) mit seinen beiden Assistenten Holger Becker und Karl-Heinz Grund leiteten ein Spiel in der Kreisliga Westküste West.

Die Aufmerksamkeit hätte größer nicht sein können: In ganz Deutschland fand das Spiel Beachtung. Der Zustand sei laut Günther alarmierend: Im Verband Westküste waren vor der Corona-Pandemie 270 Unparteiische organisiert, nun sind es noch 240. "Die Folge davon könnte sein, dass nicht mehr alle Spiele von uns mit Schiedsrichtern besetzt werden können - wie es in anderen Kreisen bereits der Fall ist. Dort werden ganze Spielklassen schon nicht mehr besetzt", klagt Günther.

Schiedsrichter fehlen im ganzen Land

Der Schleswig-Holsteinische Fußballverband (SHFV) bestätigt Günthers Auffassung. Zu wenige Schiedsrichter gab es schon immer, erklärt Norbert Richter, Vorsitzender im Schiedsrichterausschuss des SHFV. "Aber die Corona-Zeit hat dazu geführt, dass ein noch stärkerer Rückgang eingetreten ist. Eine aussagekräftige Statistik gibt es allerdings erst im Sommer 2022, nach der aktuellen Saison. Die gesamten Ausläufer kann man dann erst sehen", so Richter. Nur noch rund 1.500 Schiedsrichter pfeifen die Spiele im Land. Nach Einschätzung von Richter wäre eine Zahl um die 2.000 erstrebenswert. Die allerdings gibt es schon seit vier Jahren nicht mehr. 

Die Gründe sind vielfältig wie bekannt: Bei Spielen werden die Schiedsrichter angebrüllt, im Jugendbereich gerade auch von den Eltern der Spieler. In der Corona-Pandemie haben zudem viele Menschen ihr Freizeitverhalten umgestellt oder andere Prioritäten gesetzt. In dieser Zeit wurden zudem weniger Schiris ausgebildet. Wurden bis 2019 jährlich um die 250 geschult, waren es zuletzt nur rund 80. Um dem entgegenzutreten, gibt es in der Spielordnung des SHFV einen Paragraphen, der Vereine dazu verpflichtet, eine gewisse Anzahl an Schiedsrichtern jährlich zu gewinnen, abhängig von der Anzahl an Mannschaften, die sie zählen. Tun sie dies nicht, was häufig der Fall ist, drohen Geldbußen und Punktabzüge als Strafen.

Ein Schiedsrichter zeigt die Rote Karte. © IMAGO / Laci Perenyi
AUDIO: Schiedsrichter-Mangel in Schleswig-Holstein (1 Min)

Eutin 08 ist ein Vorbild zur Schiedsrichter-Gewinnung

Es geht nicht nur darum neue Schiedsrichter zu bekommen, es geht auch darum, dass die alten, erfahrenen dabei bleiben. Beides findet in den Vereinen vor Ort statt. Ein Positiv-Beispiel der vergangenen Jahre ist Eutin 08. Seit drei Jahren ist dort Stephan Rinow Schiedsrichter-Obmann. "Als ich kam, zählten wir drei Schiedsrichter im Verein. Mittlerweile sind wir schon bei neun, Tendenz steigend." Rinow schnürte ein Maßnahmen-Paket, das den Verein nicht nur für neue Schiedsrichter attraktiv machte. "Auch die Ausgebildeten bleiben bei uns. Wir kümmern uns ausgiebig um unsere Schiedsrichter." Für Rinow ist Wertschätzung das Entscheidende: "Ein Schiedsrichter gehört genauso in unseren Verein wie der Fußballer der ersten Herrenmannschaft. Das bedeutet, wir statten sie genauso mit Trikots aus. Wir gehen mit ihnen zu Fußballspielen, begleiten sie zu Lehrgängen und laden sie zur Weihnachtsfeier ein." Es kann oft so einfach sein. "Ich bin überzeugt davon, dass viele Menschen Schiedsrichter werden wollen. Wir müssen ihnen nur die Angst davor nehmen."

Schiedsrichter-Ausbildung hilft auf und neben dem Platz

Auch Oliver Günther aus dem Kreisverband Westküste sieht das so. "Ich sehe vor allem viele Spielerinnen und Spieler, die wissen, was auf dem Fußballplatz passiert. Wenn wir ihnen das Schiedsrichter-Wesen erklären und zeigen, wieviel Spaß das bringt, dann ist das eine entscheidende Maßnahme, sie vielleicht auch Spiele pfeifen zu lassen." Schiedsrichter-Sein heiße zudem, die eigene Persönlichkeit zu stärken. "Ich entwickle Kompetenzen wie Reaktionsvermögen, Entscheidungsfreudigkeit, Durchsetzungsvermögen, Kritikfähigkeit. Das sind alles Attribute, die mich auch abseits des Platzes weiterbringen", zeigt Günther auf.

Der 76-jährige Boje Richter rät dem Nachwuchs an der Pfeife vor allem eines: "Ein dickes Fell! Auf Kritik darf man nicht empfindlich reagieren, man kann dann schwierige Situationen besser ertragen." Die Reaktionen auf seinen viel beachteten Einsatz in der Kreisliga waren allerdings schlicht positiv: "Ich habe etliche Anrufe und Nachrichten erhalten. Am meisten habe ich mich gefreut, von einem ehemaligen Kollegen kontaktiert worden zu sein, der in seinem Urlaub in Spanien davon gelesen hatte." Viel wichtiger aber sei, warum er mitgemacht habe: "Ich wollte helfen, Nachwuchs zu gewinnen. Denn irgendwann muss der bereit sein. Das Fußballspielen soll schließlich immer weitergehen."

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Aktiv | 07.11.2021 | 16:40 Uhr

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