Stand: 30.03.2020 09:35 Uhr

Fußball im Krisenmodus: Alles anders nach Corona?

von Andreas Bellinger, NDR.de

Als die Deutsche Fußball Liga Mitte Februar ein Rekordergebnis von vier Milliarden Euro vermeldete, war die Fußball-Welt scheinbar in bester Ordnung. So hoch wie in der Saison 2018/19 waren die Erlöse der 18 Bundesliga-Clubs nie zuvor gewesen - und die Granden des prosperierenden Geschäfts spekulierten in der Erwartung eines neuen Fernsehvertrags längst auf höhere Margen.

Kann sich der Fußball neu erfinden?

Wenige Wochen später ist alles anders. Die Corona-Pandemie hat der Gesellschaft Stillstand verordnet, und auch der Sport und seine Protagonisten müssen ihre Hilflosigkeit akzeptieren. Wie soll es weitergehen, wenn kein Geld mehr zu verdienen ist, die Ausgaben aber weiterlaufen? Kann Solidarität die befürchteten Vereins-Pleiten verhindern? Ist der Sport, ist insbesondere der Fußball fähig, sich neu zu erfinden?

Pause für ein überhitztes Geschäft

"In der Krise liegt immer auch eine Chance", sagt Martin Kind, Clubchef von Hannover 96. Natürlich drohten Insolvenzen, wenn ohne Spiele kein Geld vom Fernsehen oder den Sponsoren fließt.

Doch der Mehrheitsgesellschafter der Niedersachsen hofft vor allem auf eine Trendwende in dem seit Jahren überhitzten Geschäft. Warum nicht über eine Gehaltsobergrenze, einen "Salary Cap", nach dem Vorbild der US-Ligen nachdenken? Schließlich machten die Spielergehälter in der vorigen Saison mehr als ein Drittel (36 Prozent) des Gesamtumsatzes der Bundesligisten aus. "Das muss alles gemeinsam, ergebnisoffen und konstruktiv diskutiert werden", so der 75-Jährige. Denkverbote dürfe es nicht geben.

Kind fordert "Fonds für Krisenzeiten"

Dabei ist zu vermuten, dass der erfolgreiche Unternehmer bereits über einen neuerlichen Versuch nachdenkt, die 50+1-Regel kippen zu können. Tatsächlich dürften Vereine, bei denen Investoren die Mehrheit haben, gegenwärtig im Vorteil sein. Beim chronisch klammen HSV könnte der gute Draht des neuen Aufsichtsratsvorsitzenden Marcell Jansen zu Gönner Klaus-Michael Kühne, von dem sich der Club eigentlich emanzipieren wollte, die Lebensversicherung sein. Der vermeintliche Reformer Kind spricht aber auch von Solidarität und einem "Fonds für Krisenzeiten", der aus Teilen der TV-Einnahmen entwickelt werden könnte, um finanzschwachen Clubs die Existenz zu sichern. Während viele Drittligisten nur mit Kurzarbeit über die Runden kommen, lehnt Kind staatliche Hilfen rundheraus ab: "Dafür hätte niemand Verständnis."

Spieler verzichten und spenden

Es ist sicher eine der erfreulichen Erscheinungen in der Corona-Krise, dass sich viele Spieler, Fans und manche Vereine solidarisch verhalten, für einige Zeit auf einen Teil ihres Gehalts oder Einnahmen aus dem Europacup verzichten. So unterstützen München, Dortmund, Leverkusen und Leipzig die Bundesligen mit 20 Millionen Euro. "Für uns ist es normal, denn wir wollen dem Verein und seinen 850 Mitarbeitern helfen", sagt Borussia Dortmunds Kapitän Marco Reus stellvertretend für viele der hochbezahlten Profis, die sich teilweise auch in privaten Aktionen und Initiativen engagieren.

"Der Mensch verfällt schnell in alte Gewohnheiten"

Natürlich wissen die Akteure und ihre Berater, dass Vereins-Pleiten auch ihre Arbeitsplätze gefährden würden. "Die Kader könnten kleiner werden", sagt Sportökonom Christoph Breuer und prophezeit: "Die Vereine werden sich genau überlegen, wie viele Spieler ein Kader haben muss."

Experten erwarten spürbare bis drastische Auswirkungen auf den Transfermarkt. "Die Ablösesummen werden bei jedem Spielerprofil fallen", prognostiziert Jörg Neblung, der als Freund von Robert Enke vor zehn Jahren jedoch auch erlebt hat, wie schnell die Branche gewillt ist, zur Tagesordnung zurückzukehren. "Der Mensch verfällt schnell wieder in alte Gewohnheiten", sagt sein Kollege Jörg Neubauer. "Und so kann es auch sein, dass sich Dinge wieder so einpegeln, wie sie jetzt waren."

Schrumpft der Markt auf ein gesundes Maß?

Der einstige Bayern-Macher Uli Hoeneß oder Gladbachs Sportdirektor Max Eberl erwarten dagegen ein vorläufiges Ende der Geschäfte mit astronomischen Summen. "In den nächsten zwei Jahren wird es tendenziell keinen 300-Millionen-Transfer geben. Auch bei Spielern wie Leverkusens Kai Havertz oder Jadon Sancho aus Dortmund wird es mit dreistelligen Millionenbeträgen eher schwierig werden", sagt Neblung. Spielerberater Stefan Backs geht ebenfalls davon aus, dass sich der Markt runterreguliert. "Vielleicht sogar auf ein gesundes Maß." Überdies gebe es auch einen "moralischen Aspekt". Wenn Tausende von Menschen um ihre Existenz bangen müssten, passe es nicht in die Zeit, dass für einen Spieler zig Millionen an Ablöse bezahlt werden.

Schlechte Karten für Zocker

"Topspieler, die gepokert haben, werden Schwierigkeiten haben, die gesteckten Ziele zu erreichen", vermutet Backs. Sein Klient Alexander Nübel hat mit seinem frühzeitigen Wechsel zu Bayern München wenigstens in finanzieller Hinsicht wohl alles richtig gemacht. Und auch Schalke 04 darf sich glücklich schätzen, beim Ringen um Nübel nicht die finanzielle Schmerzgrenze überschritten zu haben.

Schaaf zeichnet düsteres Bild

Werder Bremen indes hat sich entgegen seiner kaufmännischen Leitlinie und in Erwartung künftiger Transfererlöse (Milot Rashica) im Abstiegskampf ins Risiko begeben. Das könnte noch zum Bumerang werden, denn bei einem Klassenverbleib müsste Werder allein für Leonardo Bittencourt rund 7,5 Millionen Euro an die TSG Hoffenheim zahlen. Die Bremer sind offenbar nur ein Problemfall von vielen, die derzeit um ihre Existenz bangen. "Es ist für uns alle hier bei Werder eine bedrohliche Situation", sagt der Technische Direktor Thomas Schaaf beim "Sportbuzzer". "Aber das gilt für das Gros der deutschen Proficlubs."

Kind: "Von der Hand in den Mund gelebt"

Selbstkritik und der Blick über den eigenen Tellerrand könnten in der derzeitigen Situation ein Ansatz sein. So gibt 96-Boss Kind offen zu, dass die Clubs der Fußball-Bundesligen jahrelang "von der Hand in den Mund gelebt" haben. Rücklagen haben nur wenige gebildet, an solidarischem Miteinander mangelte es.

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Selbst jetzt stößt der von Kind vorgeschlagene Rettungsschirm bei Hans-Joachim Watzke auf wenig bis keine Gegenliebe. "Am Ende können nicht die Clubs, die ein bisschen Polster angesetzt haben in den vergangenen Jahren, dann im Prinzip die Clubs, die das wiederum nicht gemacht haben, dafür auch noch belohnen", sagte der BVB-Chef in der "Sportschau" und blieb trotz heftiger Kritik inhaltlich bei seiner Aussage: "Ich hätte es nur freundlicher und empathischer ausdrücken können." Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass Dortmund - unter tatkräftiger Mithilfe der Konkurrenz - der drohenden Insolvenz entkam.

Knallhart selbst reglementieren

"Vielleicht muss die Bundesliga zum ersten Mal zugeben: Ja, wir stellen ein Produkt her. Und wenn das nicht mehr geht, gibt es uns auch nicht mehr." Was DFL-Geschäftsführer Christian Seifert wohl als Argument für Geisterspiele dienen sollte, könnte angesichts der Prognosen von Virologen, die regulären Fußball erst im kommenden Jahr wieder für machbar halten, auch als Warnung vor dem Niedergang verstanden werden. Oder als Paradigma eines fragilen Systems, in dem Chancengleichheit und fairer Wettbewerb Umsatz und Ertrag geopfert wurden. "Jetzt ist der Punkt erreicht, wo wir innehalten müssen, sonst bricht alles zusammen", warnt Schaaf. Das System müsse sich knallhart selbst reglementieren. Denn der breiten Masse drohten größte wirtschaftliche Probleme. "Würden all diese Vereine auf der Strecke bleiben, gäbe es keine Bundesliga mehr."

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Sportclub | 05.04.2020 | 22:30 Uhr