Stand: 11.05.2020 09:39 Uhr

Fußball im Corona-Modus: "Komplette Überforderung"

von Andreas Bellinger, NDR.de

Wenn die Fußball-Bundesliga am Wochenende im Geister-Modus wieder an den Start geht, wird nicht nur die übliche Geräuschkulisse von den Rängen fehlen. Die Spieler müssen auf vieles mehr verzichten. Ihre Gewohnheiten und Rituale auf und neben dem Platz bieten ihnen keine Sicherheit mehr. Sie müssen sich an ein noch unerprobtes Hygienekonzept halten, das die Basis dafür ist, dass in der Corona-Krise überhaupt wieder gespielt werden darf. "Eine komplett neue Herausforderung", sagt Matthias Herzog, Mentaltrainer aus Hannover im NDR Sportclub. "Jeder muss sich erst daran gewöhnen." Fehler machen inklusive.

Tore feiern auf Distanz?

Die Professionalität der Spieler wird auf die Probe gestellt. Ihr fußballerisches Talent ist gefragt, aber auch die Fähigkeit, Dinge plötzlich nicht mehr zu tun, die sie über Jahre automatisiert haben. "Das wird extrem schwerfallen", sagt der diplomierte Wirtschaftsingenieur Herzog, der auch Sportwissenschaften mit Schwerpunkt Psychologie studiert hat. "Es wird häufiger Dinge geben, die nicht passieren dürfen." Beim Torjubel beispielsweise, wenn sich die Spieler nicht nur auf Distanz feiern, sondern wie gewohnt abklatschen und umarmen. "Sie müssen diesen automatisierten Jubelprozess unterbrechen und sich zurückfahren." Bei pulsierendem Adrenalin, hochmotiviert und voller Emotionen? Das ist wohl genauso realistisch wie Fußballspieler, die endlich das widerliche Spucken lassen sollen.

Quarantäne mit Konfliktpotenzial

Das erste Problem dürfte schon die einwöchige Quarantäne vor einem Spieltag sein.

Ohne die eigene Familie um sich zu wissen, werde die Zeit in der Isolation zu einer zusätzlichen Herausforderung, meint Herzog: "Auch das ist wieder ungewohnt, weil sie die letzten Wochen wenigstens zu Hause ihre vertraute Umgebung hatten." Konfliktpotenzial, das durch die weiteren Vorgaben des von der Deutschen Fußball Liga (DFL) erarbeiteten Hygienekonzepts verstärkt wird. "Eine komplette Überforderung der Spieler", betont Herzog. "Man lernt es nicht von heute auf morgen."

Spieler tragen Verantwortung

Oder überhaupt nicht, siehe Herthas Salomon Kalou. Dieser Eindruck drängte sich nach dem Video-Dreh des 34-Jährigen in der Berliner Kabine jedenfalls auf. War es nur eine Dummheit oder war es vorsätzlich? Eine Frage, die der bei seinen Vorträgen um keine Antwort verlegene Motivationstrainer mit einem Lächeln quittiert. "Wenn solche Dinge häufiger passieren, wird es einen klaren Schlussstrich geben." Das abrupte Ende der Saison. Dabei ist sich der Niedersachse sicher, dass jeder darüber hinweggucken würde, wenn Spieler kleine Fehler machten. Schlimm aber sei, dass sich "viele Spieler nicht bewusst sind, welche Verantwortung sie haben".

Eigenverantwortung gefragt

Andererseits dürfe man auch nicht zu viel verlangen von den jungen Millionären.

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Nur weil sie viel Geld verdienten, seien sie ja keine besseren Menschen. "Die Jungs werden teilweise schon in der Jugend auf ein hohes Ross gehoben. Gepampert", so Herzog, der im Sportclub-Gespräch sogleich Verständnis einfordert. Schließlich würden sie - in Anführungszeichen - nur den Fußball kennen. "Nun wird aber auch offenbar, welche Vereine ihren Spielern beigebracht haben, Verantwortung zu übernehmen - und damit besser in der Lage zu sein, die neuen Herausforderungen zu meistern."

Leistung leidet unter Druck

Die Protagonisten werden Profi-Fußball in nie dagewesener Form erleben. Der sogenannte zwölfte Mann wird fehlen, jedes gesprochene Wort zu hören sein - was für Spieler und Trainer noch peinlich werden könnte. Überdies könnte die digitale Kommunikation zwischen den Referees im fast menschenleeren Stadion öffentlich werden. Sogar das Leistungsvermögen wird leiden, erwartet Herzog: "Die Spieler haben einen extremen Druck. Aber unter Druck, einem Zustand wie Angst, können teilweise nur 60 bis 70 Prozent der Leistungsfähigkeit abgerufen werden."

"Auch mal die Augen zudrücken"

Eine große Herausforderung für Trainer und Sportpsychologen, die das Team unterstützen. Nicht zuletzt, weil natürlich Emotionen eine große Rolle spielen. Das allein mache es noch einmal schwieriger, die Herausforderungen des "Corona-Fußballs" zu meistern. Dass alles sofort wie am Schnürchen laufe, sei eher unwahrscheinlich. "Sein Verhalten von null auf hundert um 180 Grad zu drehen, bekommt kein Mensch hin", sagt Herzog. "Wir werden uns daran gewöhnen, dass die Jungs mit dem Kopf woanders sind - und auch mal die Augen zudrücken."

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 10.05.2020 | 22:30 Uhr

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