Stand: 20.11.2019 09:38 Uhr

Experte: HSV-Finanzen "mittelschwere Katastrophe"

Der HSV hat seit 2011 Verluste in Höhe von insgesamt 74 Millionen Euro angehäuft. Auch im laufenden Geschäftsjahr wird das Jahresergebnis negativ ausfallen. Trotzdem sind die Verantwortlichen des Clubs davon überzeugt, dass sie die wirtschaftliche Lage in den Griff kriegen. Doch wie wird die Gesamtentwicklung von externer Seite bewertet? Im Interview mit NDR.de analysiert Kai Krebs, ein Experte für Anlegermodelle und langjähriger Mitarbeiter von verschiedenen Versicherungskonzernen, die aktuell veröffentlichten Zahlen der HSV Fußball AG. Der 61-Jährige spricht sich vor allem dafür aus, die Fans bei der Gestaltung der Zukunft wieder stärker zu integrieren und zieht ein negatives Fazit über die Arbeit von Finanzvorstand Frank Wettstein.

Herr Krebs, der Hamburger SV hat kürzlich seine Jahresbilanz veröffentlicht, die ein Minus von knapp acht Millionen Euro ausweist. Wie ordnen Sie dieses Ergebnis ein?

Kai Krebs: Als unerfreulich. Nicht der Verlust als solcher, sondern vielmehr die Gesamtbetrachtung. Ins Auge fällt insbesondere der Rechnungsabgrenzungsposten mit 28 Millionen Euro. Jene Gelder also, die der HSV bereits vereinnahmt hat von Sponsoren für die Verträge der Zukunft. Dieses Geld wird in der Folge fehlen.

Finanzexperte Kai Krebs

Kai Krebs hat viele Jahre für die Würzburger Versicherungs-AG gearbeitet, war für Konzeption und Vertrieb verantwortlich. Zudem ist er Jurist und kennt sich daher mit rechtlichen Rahmenbedingungen im Finanzwesen und unterschiedlichen Unternehmensmodellen aus. Den HSV verfolgt er als Fan seit 1965 und interessiert sich aufgrund seiner Vita insbesondere für die wirtschaftliche Entwicklung des HSV.

Signifikant ist auch das Abschmelzen des Anlagevermögens. Bedingt dadurch, dass bilanzmäßig die Spielerwerte lediglich noch 20 Millionen betragen. Vereinfacht ausgedrückt: Wenn der HSV keine Nachwuchsspieler heranführen kann, hat er bald keine verkaufsfähigen Spieler mehr. Der dritte beunruhigende Punkt sind die Gesamtverbindlichkeiten in Höhe von 91 Millionen zuzüglich der acht Millionen Rückstellungen. Selbst wenn man davon die heute bereits abgelöste alte Fan-Anleihe abzieht, ist das ein Brett.

Der HSV selbst strebt in der nächsten Saison ein ausgeglichenes Ergebnis an. Für wie wahrscheinlich halten Sie dieses Szenario?

Krebs: Das künftige Bilanzergebnis ist von relativ untergeordneter Bedeutung. Das Hauptproblem des HSV besteht darin, nicht investieren zu können. Sofern kein Kapital von dritter Seite zufließen wird, kann die Mannschaft auf dem Transfermarkt kaum verstärkt werden. Das deckt sich mit den jüngsten Aussagen des Vorstandsvorsitzenden Bernd Hoffmann. Im Falle eines Aufstieges droht nach jetzigem Stand der sofortige Wiederabstieg. Es ist utopisch zu glauben, dass die aktuelle Mannschaft ohne nachhaltige Verstärkungen in der Bundesliga bestehen kann. Das bilanzielle Jahresergebnis ist im Wesentlichen vom sportlichen Abschneiden abhängig.

Welche Optionen stehen dem HSV denn überhaupt zur Verfügung, um neues Geld einzuwerben? 

Krebs: Ich habe zur Kenntnis genommen, dass Gedankenspiele zur Umwandlung der HSV Fußball AG in eine Kommanditgesellschaft grassieren. Ich frage mich: warum? Man könnte den HSV sehr unkompliziert für neue Kapitalgeber öffnen, wenn man die Möglichkeit der Ausgabe von Vorzugsaktien ohne Stimmrecht schafft. Diese Vorzugsaktien könnten in beliebiger Zahl ausgegeben werden, ohne die 50+1-Regelung der DFL zu verletzen. Überdies würde der Verein seine Dreiviertelmehrheit der Stimmen behalten. Das setzt selbstverständlich Investoren voraus, denen tatsächlich am nachhaltigen Wohl des HSV gelegen ist.

Trifft das auf Klaus-Michael Kühne nicht zu?

Krebs: Ich hoffe doch sehr. Umso besser wäre es, wenn er dazu den Beweis führen könnte.

Sind auch andere Investoren vorstellbar?

Krebs: Selbstverständlich. Auch HSV-Fans mit kleineren Beträgen könnten sich über einen einzurichtenden Fonds, der die Kleinanleger sammelt, an der HSV Fußball AG beteiligen und so praktisch die Zukunft ihres Vereins mitgestalten. Diese Idee ist nicht neu. Schon vor geraumer Zeit wurde in ähnlicher Form über die sogenannten "Freunde der Eintracht" der Investor in Frankfurt abgelöst.

Der HSV hat im Frühjahr eine umfangreiche Vereinbarung mit Herrn Kühne getroffen, um sich von Eventualverbindlichkeiten im Falle eines sportlichen und wirtschaftlichen Aufschwungs zu befreien. Wie schätzen Sie das aktuelle Verhältnis zwischen Kühne und der HSV Fußball AG ein?

Krebs: Herr Kühne ist nach wie vor der größte Anteilseigner neben dem Stammverein HSV e.V., was auch unverändert so bleibt. Wenn ich den Text der Bilanz richtig verstehe, wurden alle sonstigen vertraglichen Bindungen mit einer Vereinbarung abgelöst.

Mit Ausnahme der Rechte am Stadionnamen bis zum Saisonende. Es ist sehr gut, dass hier eine klare Kante gezogen wurde. Man sollte nicht vergessen, dass dies nur möglich war, weil Herr Kühne in beträchtlichem Umfang auf Rechte verzichtet hat. Dadurch besteht jetzt die Möglichkeit, dass sich der HSV und Herr Kühne in Zukunft, sollte nochmals ein finanzielles Engagement Herrn Kühnes angedacht werden, auf Augenhöhe über die Modalitäten verständigen können.

Der HSV hat seit 2011 trotz des umfangreichen Engagements von Herrn Kühne Bilanzverluste von insgesamt 74 Millionen Euro angehäuft. Auch im laufenden Geschäftsjahr wird ein weiteres Minus erwartet. Wie lange kann das noch gutgehen?

Krebs: Gar nicht, weil in den vergangenen Jahren stets Sondereffekte die Bilanzergebnisse noch etwas erträglicher haben erscheinen lassen. Man möchte sich nicht ausmalen, welche Verluste der HSV tatsächlich hätte ausweisen müssen, wenn nicht Herr Kühne einen Forderungsverzicht von circa 40 Millionen und Vermarkter Lagardère einen Forderungsverzicht von bisher insgesamt sieben Millionen ausgesprochen hätten.

Zudem konnten die Verluste durch einen außerordentlichen Ertrag von circa 15 Millionen im Zuge der Verschmelzung mit der Tochtergesellschaft des Stadions gedrückt werden. Grundlage dafür war einzig eine höhere Bewertung des Stadions um 30 Millionen. Ohne diese Sondereffekte - die Aufzählung ist nicht abschließend - hätte der HSV in dem von Ihnen angeführten Zeitraum einen Bilanzverlust von mindestens 132 Millionen ausweisen müssen. Da erübrigt sich die Frage, wie lange das noch gutgehen kann. Zumal dem HSV so langsam die Gönner ausgehen dürften.

Trotzdem oder gerade deshalb hat der HSV kürzlich den Vertrag mit seinem Finanzvorstand Frank Wettstein um zwei weitere Jahre verlängert.

Krebs: Da müssen Sie schon den Aufsichtsrat fragen, denn ich kenne seine Beweggründe dafür nicht. Die Entwicklung der HSV Fußball AG unter Frank Wettstein ist -  milde ausgedrückt - eine mittelschwere Katastrophe. Das Nettovermögen zum Stichtag der Ausgliederung des HSV betrug 49 Millionen. Nach fünf Jahren unter Herrn Wettstein beträgt es 68 Millionen, was einem Zuwachs von nur 19 Millionen entspricht. Allein durch die Ausgabe neuer Aktien hat der HSV aber 70 Millionen an Eigenkapital vereinnahmt. Hinzuzurechnen sind natürlich auch noch die als Darlehen vereinnahmten Gelder, auf deren Rückzahlung Investoren verzichtet haben.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung kann es keinen objektiv nachvollziehbaren Grund für eine Verlängerung geben. Im Gegenteil: Man muss sich wundern, wie lange diesem Wirken des Finanzvorstands ohne Konsequenzen zugeschaut wird. Das Problem liegt dabei nicht in erster Linie in der Vergangenheit. Es wirft die Zukunftsfrage auf, welcher seriöse Investor vor dem Hintergrund dieser Historie in Erwägung zieht, beim HSV im Zuge einer Neuausrichtung zu investieren, wenn der Finanzvorstand weiterhin Frank Wettstein heißt.

Welche andere Erklärung rechtfertigt seine Vertragsverlängerung?

Krebs: Denkbar sind natürlich Befürchtungen des Aufsichtsrats. Möglicherweise ist einer der Beweggründe die Sorge, keinen geeigneten Nachfolger zu finden, weil der HSV ein heißes Eisen ist. Sowohl in der Vergangenheitsbewältigung wie auch der Gestaltung der Zukunft. 

Was halten Sie für das Wichtigste für die zukünftige Entwicklung des HSV?

Krebs: Der HSV ist ein nicht wegzudenkender Teil der Stadt Hamburg und muss dieser Stadt und seinen Fans erhalten bleiben. Am liebsten mit attraktivem und erfolgreichem Fußball. Und hierzu könnten die Mitglieder des HSV eine Menge beitragen, insbesondere durch kritische Begleitung. Gefordert sind sachliche Entscheidungen für den HSV und weniger Personenentscheidungen nach Fanlagern. Dies setzt natürlich auch ein wenig Interesse und Beschäftigung mit den tatsächlichen wirtschaftlichen Verhältnissen im Club voraus. 

Das Interview führte Daniel Jovanov, NDR.de

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Sport aktuell | 20.11.2019 | 12:25 Uhr