Blick aus der Nordkurve ins leere Volksparkstadion des HSV © Witters

Ein Jahr ohne Fans: Schwindet in Corona-Zeiten der Heimvorteil?

Stand: 11.03.2021 13:25 Uhr

Ein Jahr ist es her, dass die Corona-Pandemie das erste "Geisterspiel" in der Fußball-Bundesliga nötig machte. Zwölf Monate später sind leere Stadien Normalität. Das hat nicht nur einen emotionalen, sondern auch einen zählbaren Effekt: Der Heimvorteil nimmt messbar ab.

von Matthias Heidrich und Jonas Freudenhammer

"Der Vorteil, dass man zu Hause spielt, ist nicht mehr da", sagt Werder Bremens Trainer Florian Kohfeldt. "Das hat schon einen großen Einfluss auf die sportliche Situation." Doch die Frage ist: welchen genau? In Bezug auf Werder einen enormen. Zu diesem Schluss kommen Professor Justus Haucap von der Universität Düsseldorf und sein wissenschaftlicher Mitarbeiter Kai Fischer. Sie haben die Auswirkungen der "Geisterspiele" auf den Heimvorteil in den ersten drei Profiligen untersucht.

"Wir haben uns die Spiele während der Corona-Zeit im Vergleich zu den drei Saisons davor angeschaut, von 2017/18 bis einschließlich 2019/20", erklärt Fischer. In der vergangenen Spielzeit durften bis zum 25. Spieltag noch Zuschauer in die Stadien. Die restlichen neun Runden und alle Begegnungen bis zum vergangenen Wochenende (24. Spieltag in der Ersten und Zweiten Liga, 27. Spieltag in Liga drei) fielen in den Betrachtungszeitraum "Corona-Zeit".

VIDEO: Corona vs. Heimvorteil: Werder und Osnabrück leiden am meisten (4 Min)

13,2 Prozent weniger Heimsiege für Werder

Das Ergebnis bei Werder Bremen ist eindeutig: Vor Corona fuhren die Hanseaten 54,2 Prozent Heimsiege ein, danach nur noch 41. Minus 13,2 Prozent sind ein dickes Pfund für einen Club wie Werder, der sich in der vergangenen Saison mit Ach und Krach über die Relegation rettete und auch in diesem Jahr gegen den Abstieg spielt. "Man sieht, dass 40.000 Fans, die hinter einem stehen, schon einen Einfluss auf das Spiel haben", sagt Kohfeldt.

Geringerer Effekt beim VfL Wolfsburg

Beim VfL Wolfsburg fällt der Effekt mit 5,6 Prozent weniger Heimsiegen (von 55 vor auf 49,4 Prozent nach Corona) hingegen weitaus geringer aus. Damit liegt der Tabellendritte unter dem Schnitt. "Die Wahrscheinlichkeit, einen Heimsieg einzufahren, ist um acht Prozent gesunken, von ungefähr 45 auf 36 Prozent", sagt Fischer mit Blick auf die gesamte Bundesliga.

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"Diesen starken Rückgang des Heimvorteils finden wir aber nur in der Ersten Liga", sagt Professor Haucap, der auch eine Erklärung parat hat: "In der Bundesliga ist man es gewöhnt, vor ausverkauftem Haus zu spielen. In der Zweiten und Dritten Liga ist es nicht unüblich, dass Stadien nicht voll sind."

Kommt St. Pauli auch ohne seine Fans klar?

Ein Ansatz, der beim HSV nachvollziehbar ist. Gemessen an der Zuschauergunst bei Heimspielen war der Traditionsclub trotz Zweitligaabstieg bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie weiter erstklassig und verzeichnet laut Haucap/Fischer nun ein Minus von 4,7 Prozent an Heimsiegen (von 59,8 zu 55,1 Prozent). Allerdings liefert die Analyse der Zweitliga-Nordclubs eine regelrechte Achterbahnfahrt und spuckt beispielsweise beim FC St. Pauli, ebenfalls ein Verein mit großem Zuschauerzuspruch, ein Plus von 8,3 Prozent (56,5 zu 64,8) aus. Scheint, als kämen die Kiezkicker besser ohne den "zwölften Mann" zurecht.

Zuschauer an der Bremer Brücke dringend gebraucht

Am Millerntor fiebern trotzdem alle der Rückkehr des Publikums entgegen, ebenso wie an der Bremer Brücke. Dass der abstiegsbedrohte VfL Osnabrück die Unterstützung seiner Fans brauchen kann, ist offensichtlich. Dass er sie dringender als alle anderen Nordclubs benötigt, legen die Zahlen nahe. 23,9 Prozent weniger Heimsiege - von 60,1 auf 36,2 Prozent - schlagen für den VfL in der Corona-Zeit zu Buche. In Osnabrück sind die "Geisterspiele" offensichtlich ein nicht zu unterschätzender Faktor.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 11.03.2021 | 14:00 Uhr

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