"Ein Affront" - Nordclubs entsetzt über Super League

Stand: 20.04.2021 17:04 Uhr

Zwölf europäische Topclubs wollen eine Super League gründen. Die Fußball-Welt ist in Aufruhr. Die Kritik am Vorgehen von Real Madrid, Juventus Turin, Manchester United und Co. ist groß, auch bei den Nordclubs.

von Matthias Heidrich

Timo Schultz nahm es zunächst mit Humor. "Wir sind nicht dabei, oder?", fragte der Trainer des Zweitligisten FC St. Pauli mit einem verschmitzten Lächeln und gab die Antwort gleich selbst: "Dann finde ich die doof." Kurz darauf wurde der 43-Jährige aber ernst. "Grundsätzlich halte ich als Wettkampftyp nichts von irgendwelchen Wettbewerben, bei denen man nicht auf- oder absteigen kann. Ich sehe den Sinn dahinter nicht, muss ich aber auch nicht. Ich bin ja nur Trainer eines mittelmäßigen Zweitligisten."

Der Sinn hinter dem Vorstoß der zwölf Clubs und ihren Eignern ist allerdings unschwer zu erkennen. "Wir wissen doch alle, dass es um wirtschaftliche Interessen geht", sagte Thomas Schaaf dem NDR. Werder Bremens Technischer Direktor kann einer europäsichen "Super-Liga" nichts abgewinnen: "Der Fußball lebt von spannenden Wettbewerben, manchmal eben auch von 'David gegen Goliath', und deshalb sollten wir eine Super League nicht installieren."

"Für mich ist eins der herausragenden Markenzeichen im Sport, dass Leistung honoriert wird. Ich bin Befürworter dieser sportlichen Challenge." Wolfsburg-Coach Oliver Glasner

Bayern und Dortmund wollen nicht dabei sein

Die Super League wird von der US-Großbank JP Morgan finanziert, die 3,5 Milliarden Euro in die europäische Top-Liga pumpt und den Teilnehmern garantierte Einnahmen in dreistelliger Millionenhöhe sichert. Ab 2022 sollen 20 Clubs in der Super League spielen, 15 davon als "permanente Mitglieder", die nicht absteigen können.

Es ist ein offener Angriff auf die Champions League der UEFA, die bereits erbitterten Widerstand angekündigt hat, ebenso wie der Weltverband FIFA. Die Gründungsmitglieder würden auch gerne die deutschen Topclubs FC Bayern München und Borussia Dortmund dabei haben, die lehnen das Format derzeit allerdings ab. "Wir sind zufrieden, Champions League zu spielen und vergessen nicht die Verantwortung, die wir gegenüber unseren Fans haben, die grundsätzlich gegen so eine Reform sind", sagte Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge der italienischen Zeitung "Corriere della Sera".

Werder und Wolfsburg mit scharfer Kritik

Eine Super-League-Einladung für Werder Bremen ist zurzeit undenkbar. Der Club von der Weser würde sie aber auch nicht annehmen. "Die Ankündigung einer Super League ist ein Affront. Hier wollen einzelne Clubs die Vorteile abschöpfen, die eine Fußballgemeinschaft über Jahrzehnte mit erarbeitet hat", teilten die Hanseaten mit.

Der SV Werder Bremen werde sich immer dafür stark machen, dass transparente sportliche Faktoren an Stelle von Wildcards und Setzlisten über die Teilnahme an internationalen Wettbewerben entscheiden, teilte der Bundesligist mit. "Hier verlassen zwölf Clubs den gemeinsamen Weg der europäischen Fußball Community. Einer Fußballgemeinschaft, in der sie ihre Wurzeln haben, in der ihre wirtschaftliche Entwicklung erst möglich war."

"Wo war Manchester United vor Sir Alex Ferguson? Wo war Juventus vor 15 Jahren? Wenn die Vereine, die den europäischen vor 40, 50 Jahren dominiert haben, sich dazu entschieden hätten, eine Super League zu gründen, dann hätten wir Nottingham Forest, Aston Villa, Hamburg, Steaua Bukarest, Porto, PSV Eindhoven und Roter Stern Belgrad. Das wäre die Super League." UEFA-Präsident Aleksander Ceferin

Baumann glaubt nicht, dass die Liga kommt

"Ich war entsetzt", bekannte Werders Sport-Geschäftsführer Frank Baumann am Dienstag. "Gar nicht so über die Ankündigung, weil es die Drohkulisse ja schon viele Jahre gibt. Ich war entsetzt über die Begründung. Das zeigt, dass einige Herren das Spiel nicht verstanden haben", sagte Werders Sport-Geschäftsführer Frank Baumann.

Auch Bremens Trainer Florian Kohfeldt betonte: "Ich lehne jegliche Form von Teilnahme an Wettbewerben ab, die nicht über sportlichen Erfolg kommt. Das geht gegen den Sinn des Spiels. Dann ist es ein Showgeschäft und das wäre nicht gut." Baumann sagte, er glaube "persönlich nicht, dass die Super League kommt, aber dass die Diskussionen dem Fußball geschadet haben".

Meeske: "Wir lehnen jede Form einer Super League ab"

Wirtschaftlich ist der VfL Wolfsburg im Vergleich zu Werder durch Hauptsponsor VW auf Rosen gebettet. Der Autobauer würde seinen Club samt Emblem gerne in der Champions League auflaufen sehen, in Duellen mit den Topclubs. Die Niedersachsen schicken sich an, in der kommenden Saison tatsächlich wieder in der "Königklasse" aufzutauchen. Kommt die Super League wie geplant, wäre es allerdings die letzte Champions-League-Serie, in der noch VfL-Spiele gegen Real Madrid, Juventus Turin oder Manchester United möglich wären.

Klar, dass die Wolfsburger dem Plan der zwölf Topclubs nichts abgewinnen können. "Wir lehnen jede Form einer Super League oder ähnliche Formate ab, da die Versuche eines geschlossenen Teilnehmerkreises die nationalen Ligen sowie die weiteren Wettbewerbe schwächen", sagte Geschäftsführer Michael Meeske.

"Ich hoffe, dass man rechtzeitig den richtigen Impfstoff findet, um den Schwachsinn zu verhindern und den Fußball nicht sterben zu lassen." Kenan Kocak, Trainer Hannover 96

Auch Holstein Kiels Präsident Steffen Schneekloth äußerte sich kritisch. "Der Fußball eignet sich nicht als Spekulationsgut für Investoren, sondern hat neben dem sportlichen Wettkampf eine übergeordnete gesellschaftliche Bedeutung, die es unbedingt gilt, aufrechtzuerhalten", sagte der Vizepräsident der Deutschen Fußball Liga (DFL).

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