Stand: 16.10.2018 14:25 Uhr

Die Mehrheit liegt meistens daneben

Die Partie der deutschen Nationalmannschaft gegen Frankreich ist für Bundestrainer Joachim Löw ein Schicksalsspiel. Gehören Sie auch zu denen, die glauben, dass Deutschland verliert? Dann sind Sie Teil der Mehrheit, die derzeit skeptisch ist, was die Leistungen der Fußballer angeht. Aber sie können beruhigt sein: Die Mehrheit liegt meistens daneben.

Eine Glosse von Detlev Gröning

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Hören die Nationalspieler noch zu, wenn Bundestrainer Jogi Löw etwas zu sagen hat?

Hören Sie das? Dieses emsige Messerwetzen vor dem Länderspiel in Paris? Diese Lust auf ein 0:4-Desaster und das Löw'sche Gezischel von "guten Ansätzen in den ersten fünf Minuten, in denen sich die Mannschaft, wollen mal sagen, eben auch nicht belohnt hat"?

Wenn Sie mit dieser Vorfreude in den Feierabend gehen, dann gehören Sie zur gleichen Mehrheit, die schon am Wochenende enttäuscht wurde, als sich das CSU-Debakel in langweiligen Grenzen hielt, und das öffentliche Teeren und Federn der Parteigranden zugunsten einer tiefgehenden Analyse unterblieb, die an irgendeinem grauen November-Freitag dort stattfindet, wo herkömmliche Ohren nicht hinkommen.

Bundestrainer Joachim Löw redet beim Training mit seinen Spielern. © dpa picture alliance Foto: Markus Gilliar

Alle gegen einen! Einer gegen alle!

NDR Info - Auf ein Wort -

Häufig sind viele Menschen derselben Meinung - etwa wenn es um Fußballspiele geht. Aber die Mehrheit liegt meistens daneben, meint Detlev Gröning. Er bittet auf ein Wort.

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Ein bekanntes Phänomen

So hatten wir nicht gewettet. Zum Glück, muss man sagen, denn die meisten Geldeinsätze wären wieder mal bei denen gelandet, die regelmäßig von einer Gewissheit profitieren: Die Mehrheit liegt zuverlässig daneben.

Dieses Phänomen kennen wir aus beliebigen Katastrophenfilmen, bei denen die Menschheit von Erdbeben, Monstern, Vulkanen oder Aliens überrascht wird: Während nur wenige Antizykliker dem Untergang entkommen, reagiert die Mehrheit erst zu spät und rennt dann umso kopfloser ins Verderben. Im minderschweren Fall blickt sie auf vergebene Chancen oder peinliche Irrtümer.

Wir treiben mutterseelenallein durch den Kosmos

Als man bei Microsoft-Aktien hätte einsteigen müssen, konnte sich die Mehrheit keinen Heimcomputer vorstellen, dafür wurden die blasierten Handy-Schnösel der frühen 90er von der gleichen Mehrheit verspottet, die mit ihren Last-Minute-Aktien am "Neuen Markt" Schiffbruch erlitten.

Zwei Drittel sahen uns im Mai mindestens im Halbfinale, und eine ähnliche Mehrheit glaubt an intelligentes außerirdisches Leben - ein ernstes Indiz dafür, dass wir mutterseelenallein durch den Kosmos treiben.

Zur Mehrheit gehören macht das Leben einfach

Sicher: Einerseits ist die Mehrheit fantasielos, ängstlich. Sie beharrt auf dem Status quo - und sie hätte schon damals das Feuer nicht erfunden, sondern vom Gesetzgeber als gemeingefährlich verbieten lassen. Das Steinzeit-Barometer ermittelte 75 Prozent Ablehnung über alle Stammesgrenzen.

Andererseits: Zur Mehrheit gehören macht das Leben einfach. Man hält zum jeweiligen Tabellenführer, findet zufällig die Top Ten der Hitparade am besten, und fühlt sich "denen da oben" - wer immer das sein soll - machtlos ausgeliefert.

Katastrophenstimmung nicht vermiesen!

Am wärmenden Lagerfeuer der Majorität lässt man sich einfach gerne nieder - auch zum erwarteten Löw-Desaster in einiger Runde bei Pizza und Kaltgetränken. Vor der Tür werde ich heimlich einen Zehner auf den deutschen Sieg setzen, aber das muss drinnen keiner wissen. Man will ja niemandem die Katastrophenstimmung vermiesen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 16.10.2018 | 18:25 Uhr

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