Stand: 07.11.2019 09:03 Uhr

Depression im Sport: Robert Enke ist kein Einzelfall

von Andreas Bellinger, NDR.de

Fußball-Nationalspieler Robert Enke versteckte seine Krankheit bis zuletzt. Dass Depression kein Tabuthema mehr ist, zeigen Beispiele prominenter Sportler, die sich offenbart haben.

Es war ein Schock, als an diesem tristen November-Abend die Tagesthemen mit der Nachricht begannen: "Heute Abend starb Robert Enke, die Polizei spricht von Hinweisen auf einen Selbstmord." Nicht nur Enkes Kollegen bei der Fußball-Nationalmannschaft waren fassungslos. "Niemand wusste, was er machen sollte", erinnert sich Teammanager Oliver Bierhoff an jenen Moment vor zehn Jahren, als die grauenvolle Nachricht in der Welt war. Keiner hatte etwas geahnt von den Leiden des Keepers, der sich nur seiner Familie und einer Handvoll engster Freunde anvertraut hatte. Das Beispiel Sebastian Deisler vor Augen, hatte Enke die Angst geleitet, alles zu verlieren. Nie mehr Fußball, nie mehr Nationalmannschaft spielen zu können - keine Zukunft zu haben.

Robert Enke © imago images

Robert Enke - auch Helden haben Depression

Sportclub -

Robert Enke glaubte, seine Krankheit Depression verstecken zu müssen. Sonst würde er alles verlieren: seinen Beruf, seine Position als Deutschlands Nummer eins. Erst nach Enkes Suizid begannen sich Dinge zu ändern.

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Fußball darf nicht alles sein

Robert Enke entschied sich für ein Versteckspiel, das am 10. November 2009 zur Katastrophe führte. "Fußball ist nicht alles. Fußball darf nicht alles sein", sagte der damalige DFB-Präsident Theo Zwanziger bei der Trauerfeier im Stadion von Hannover 96. Tatsächlich hat der Suizid von Robert Enke nicht allen, aber sehr vielen die Augen geöffnet. Enkes Frau Teresa hat den jahrelangen Kampf an der Seite des erfolgreichen Fußballers mit der vor zehn Jahren gegründeten Robert-Enke-Stiftung fortgesetzt. "Wichtig ist für mich - und da hat sich über die Jahre viel geändert - dass es Hilfsmöglichkeiten gibt, dass es Netzwerke gibt und dass Depression nicht mehr so stigmatisiert wird", sagt sie in einer neunteiligen Podcast-Serie des NDR Hörfunks.

Podcast
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NDR 2

Robert Enke - Leben und Tragik eines Torhüters

NDR 2

Vor zehn Jahren nahm sich Robert Enke das Leben. Der Torwart war depressiv. Moritz Cassalette spürt für NDR 2 Enkes Leben mit der Krankheit nach. Alle neun Podcast-Folgen online anhören. mehr

Ex-Profi Amedick klärt junge Sportler auf

Die Stiftung trägt ihren Teil dazu bei. "Wir stellen die Symptome vor, wollen sensibilisieren, den Umgang mit Depression beschreiben, wie das aussehen könnte und was insgesamt dahintersteckt", sagt Martin Amedick, den manche noch als Fußballprofi in Dortmund, Kaiserslautern, Frankfurt und Braunschweig in Erinnerung haben. Mit dem Journalisten Ronald Reng, der zu einem Freund Enkes geworden war, besucht Amedick seit drei Jahren Vereine und klärt insbesondere junge Sportler auf, für die das Thema längst kein Tabu mehr ist.

Die meisten kommen zurück - gesund

Amedick weiß, wovon er spricht. In seiner Zeit in Kaiserslautern habe er über einen Zeitraum von anderthalb Jahren immer wieder Symptome und depressive Episoden gehabt. "Das war ein langer Prozess, das zu erkennen, zu akzeptieren und Hilfe zu holen." Es macht ihn authentisch und zu einem profunden Ansprechpartner. Was sind Depressionen? Wie ist der Umgang damit? Wie kann man Warnsignale bei Mitspielern oder im Umfeld erkennen? "Wichtig ist vor allem auch zu vermitteln, dass die meisten - vor allem Sportler - gesund zurückkommen." Bisweilen stärker als vor der Erkrankung.

Keine Hemmschwelle mehr

Die neue Generation tickt anders, möchte man meinen. Aber auch der Sport hat sich verändert, ist offener geworden im Hinblick auf Fragen der Psyche - zumal im Streben nach immer besserer Leistung der mentale Bereich zunehmend bedeutsam ist.

"Nachwuchsleistungszentren müssen seit dieser Saison einen Sportpsychologen fest angestellt haben", sagt Frauke Wilhelm, die jahrelang bei Hannover 96 und dem FC St. Pauli gearbeitet hat und heute neben der U20-Nationalmannschaft Athleten aus olympischen Sportarten betreut. "Eine Hemmschwelle gibt es bei jungen Sportlern eigentlich nicht mehr", so die Sportpsychologin.

Teresa Enke: "Viele haben endlich begriffen"

Noch immer braucht es allerdings Mut, psychische Erkrankungen öffentlich zu machen. Auch wenn die Zeiten vorbei zu sein scheinen, als zum Beispiel Sebastian Deisler als "Psycho" verunglimpft wurde. Der Bayern-Profi hatte sich seinem Chef Uli Hoeneß offenbart und schließlich beschlossen: "Ich kann nicht mehr; ich höre auf." Topsportler wie Skistar Lindsey Vonn, Spaniens Fußball-Weltmeister Andrés Iniesta, der damalige Schalke-Trainer Ralf Rangnick oder auch der englische Fußball-Nationalspieler Danny Rose haben sich inzwischen offen zu psychischen Problemen bekannt und damit zur Enttabuisierung beigetragen. "Viele haben endlich begriffen, dass es sich um eine Krankheit handelt", so Teresa Enke.

Eishockey-Profi Braun: "Wie innerlich betäubt"

Der Berliner Eishockey-Profi Constantin Braun hat sich wegen einer akuten Depression zweimal für ein paar Wochen zurückgezogen und in stationäre Behandlung begeben. Die Krankheit kam 2013 auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Mit den Eisbären hatte er den sechsten Meistertitel geholt und war zum wertvollsten Spieler der Play-offs gewählt worden. Braun: "Irgendwann war der Punkt erreicht, an dem es nicht mehr ging." Er habe nichts mehr gespürt, keine Freude - nur noch eine absolute Leere. "Immer der gleiche Gemütszustand, als ob man innerlich betäubt ist. Man versucht, irgendwie mit Medikamenten weiterzukommen."

Versteckspiel oder Offenheit?

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Eishockey-Profi Constantin Braun.

Aber Braun kam aus dem Loch nicht mehr heraus - und erkannte: "Ich brauche Hilfe." Im NDR spricht er wie selbstverständlich davon. Ein Kerl von einem Mann, brauner Vollbart, zurückgekämmte Haare und die Arme komplett tätowiert. Er verschweigt weder sein Martyrium noch die stationäre Behandlung: "Es ist schwierig, drei, vier Monate Therapie zu machen, ohne damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Man muss sich selbst den Druck nehmen, sonst versteckt man sich ja weiter die ganze Zeit." Ein schwieriger Prozess? "Nein. Nein", sagt Braun. "Ich hab' das nach Absprache mit dem Verein gemacht."

Auch Biermann sah keinen Ausweg

Auch Braun hatte Suizidgedanken: "Aber ich habe in der Familie einen Todesfall gehabt mit Suizid. Also weiß ich, wie man sich fühlt, wenn man jemanden verliert. Und das war was, was ich nie jemandem antun wollte. Und deswegen habe ich es nie gemacht." Worte, die betroffen machen. Und ratlos. Wie groß muss die Not, wie furchtbar die Leere und Hoffnungslosigkeit auch bei Andreas Biermann vom FC St. Pauli gewesen sein, der sich fünf Jahre nach Robert Enke das Leben genommen hat?

Mitgefühl auch für die Helfer

Wie groß und mitunter überdauernd ist aber auch das Leid der vielen Helfer, die an die Orte der Verzweiflungstaten gerufen oder ungewollt zu Beteiligten an solchen Tragödien werden. Teresa Enke hat dem Lokführer des Zuges, von dem sich Robert Enke überrollen ließ, einen Brief geschrieben. Er hatte keine Chance, den Zug zum Stehen zu bringen - eine unvorstellbar traumatische Erfahrung.

Hintergrund

Eine Depression erkennen und behandeln

Depressionen können unterschiedliche Ursachen haben. Nicht immer sind die Symptome eindeutig. Doch die Behandlung sollte möglichst früh beginnen. mehr

Miller ging den öffentlichen Weg

Markus Miller kam 2010, ein halbes Jahr nach Enkes Tod, als Ersatzkeeper zu Hannover 96. Er erlebte eine schwere Zeit im Club mit - das Geschehene war im harten Fußball-Geschäft nicht einfach zu verarbeiten. Ein paar Monate später musste Miller eine Auszeit nehmen. "Ich weiß nicht, ob ich bei einem anderen Verein den Schritt auch so gewagt hätte?" Es habe keinen wirklich erkennbaren Auslöser für seine Depression gegeben, sagt Miller in der Rückschau. "Irgendwas hat mich beunruhigt, verängstigt. Es war eigentlich ein ganzes Spektrum an Gefühlen dabei." Nach einem Versteckspiel mit allerlei Ausreden wurde die Erkrankung öffentlich gemacht, als Miller einen Therapieplatz hatte.

So normal wie ein Kreuzbandriss

"An die Öffentlichkeit zu gehen, ist keine Schande - und kundzutun, dass man ein Problem hat", sagt Braun, der einen Rückschlag und ein Alkoholproblem erfolgreich in den Griff bekommen hat. Wichtig sei überdies, so Teresa Enke, "dass die Menschen frühzeitig erkennen, dass irgendwas nicht bei ihnen stimmt." Dafür will sie an der Spitze der Robert-Enke-Stiftung weiterkämpfen. Sie träume davon, dass Depression im Sport irgendwann so normal behandelt werde, wie ein Kreuzbandriss oder eine Gehirnerschütterung. "Dass man sagt, ich bin jetzt mal drei Wochen draußen, ich lasse mich behandeln, und dann komme ich wieder zurück. Aber es ist noch ein langer Weg."

Hilfe für Betroffene

  • Telefonseelsorge: anonyme, kostenlose Beratung rund um die Uhr, Tel. (0800) 111 0 111 oder (0800) 111 0 222
  • Kinder- und Jugendtelefon "Nummer gegen Kummer": kostenlose Beratung von Mo bis Sa, 14 bis 20 Uhr, Tel. 116 111. Elterntelefon: Mo bis Fr, 9 bis 11 Uhr sowie Di und Do, 17 bis 19 Uhr unter (0800) 111 05 50
  • Info-Telefon der Deutschen Depressionshilfe: Mo, Di und Do, 13 bis 17 Uhr sowie Mi und Fr, 8.30 bis 12.30 Uhr. Tel. (0800) 33 44 533. Die Deutsche Depressionshilfe bietet einen Selbsttest sowie eine Übersicht zu regionalen Angeboten.
  • Ärztlicher Bereitschaftsdienst der Krankenkassen: 116 117.
  • Ambulanz der psychiatrischen Abteilung einer Klinik vor Ort - in jedem Fall bei Suizidgedanken.

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 10.11.2019 | 23:45 Uhr

Gedenken an Robert Enke - Was hat sein Tod verändert?

Eine bewegende Sportclub Story erinnert an Robert Enke, den die Krankheit Depression in den Tod trieb. Teresa Enke kämpft mit einer Stiftung für Aufklärung. Uli Hoeneß geißelt respektlosen Umgang. mehr

Robert Enke - Chronologie einer Tragödie

Robert Enke war ein Ausnahmetorwart und ein besonderer Mensch. Er litt an Depressionen und beging am 10. November 2009 Suizid. Die Chronologie einer Tragödie. mehr

92:32
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Preview Robert Enke - Die ganze Sendung

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Die Sportclub Story "Robert Enke - auch Helden haben Depression", das Gespräch mit Teresa Enke und Uli Hoeneß sowie die Preisverleihung der Robert-Enke-Stiftung im Video. Video (92:32 min)