Symbolbild Fußball-Daten © Imago / STPP

Datenspezialist Böttger: "Der Fußball wird noch gläserner werden"

Stand: 28.10.2021 13:31 Uhr

Um Fußball besser analysieren zu können, hat der NDR in Zusammenarbeit mit GSN (Global Soccer Network) ein crossmediales Datenprojekt gestartet. Im Interview spricht Gründer und Geschäftsführer Dustin Böttger über die Möglichkeiten von Big Data im Fußball, wen die Daten als die Stars von morgen identifizieren und ob der Mensch bald überflüssig wird.

Dustin Böttger, der neue Bundestrainer Hansi Flick hat mit Mads Buttgereit einen Standard-Experten zur Nationalmannschaft geholt, der mit Datenanalyse die deutschen Stars bei ruhenden Bällen besser machen soll. Ist Big-Data also auch im DFB-Team angekommen?

Dustin Böttger: Ein sehr interessanter Schritt. Gerade bei den Standards haben viele Nationalmannschaften und Clubs noch Optimierungsbedarf. Von daher macht das durchaus Sinn. Generell denke ich, dass der DFB was Daten betrifft ganz gut aufgestellt ist. Aber mit Mads Buttgereit hat man da wirklich einen der Top-Experten auf dem Gebiet geholt. Von daher sehe ich das sehr positiv.

Buttgereit hat auch beim dänischen Club FC Midtjylland gearbeitet, der schon früh auf Daten als Hilfsmittel gesetzt hat. Ist das immer noch eine Nische für die kleinen Clubs, oder mischen die Großen auch schon kräftig mit?

Dustin Böttger, Gründer und Geschäftsführer von Global Soccer Network (GSN) © Dustin Böttger, GSN
Dustin Böttger (GSN)

Böttger: So pauschal lässt sich das nicht sagen. Midtjylland ist einer der absoluten Vorreiter, was Daten angeht. Der Inhaber von Midtjylland ist Matthew Benham, der aus der Wettbranche kommt und dort sehr viel Geld gemacht hat. Benham gehört unter anderem noch der FC Brentford, der im Sommer in die Premier League aufgestiegen ist: als sehr kleiner Londoner Club. Dort hat man gesagt: "Okay, wir haben Analysten aus der Wettfirma von Benham und lassen die doch einfach mal auf den Transfermarkt schauen und eigene Datenmodelle bilden." Gerade, weil man ein kleiner Club ist, der finanziell nicht mit den ganz Großen mitspielen kann. Inzwischen haben die großen Clubs eigene Teams für Datenanalyse. Oft mit Leuten, die ursprünglich gar nichts mit dem Fußball zu tun haben. In Deutschland gibt es auch Clubs, die durchaus auf Daten setzen, wie zum Beispiel RB Leipzig. Es gibt aber auch viele, die diese Daten haben, aber eher unter dem Motto "nice to have". Da setzt man eher noch auf das klassische Scouting vor Ort und per Video. Deutschland hinkt dem Ganzen noch etwas hinterher, was die Daten angeht.

Vorsichtig formuliert waren Sie früher selbst noch "old school" unterwegs, haben als Scout für Sandhausen und Hoffenheim gearbeitet. Dann haben Sie Ihre eigene Firma für Fußballdaten gegründet. Wie kam es dazu?

Böttger: Meine Überlegung war immer: Man kann diese Einschätzungen über Spieler noch so gut aufsetzen, am Ende ist da sehr viel subjektive Meinung drin. Ich stellte mir die Frage: Was kann man machen, damit diese Berichte noch objektiver und aussagekräftiger werden? Da hat mir ein Background geholfen. Mein Vater kommt aus Kanada, ich bin mit den amerikanischen Sportarten wie Eishockey, Football oder Baseball aufgewachsen. Da spielen Daten im Vergleich zum Fußball ein sehr, sehr große Rolle und mir kam die Idee: Was kann man mit Daten machen, um vielleicht auch den Fußball ein bisschen objektiver zu machen und mir als Scout ein Hilfsmittel zu geben? So ist 2013 Global Soccer Network entstanden.

Wie viele Daten hat GSN, woher kommen sie und wie werden sie verarbeitet?

Böttger: Mittlerweile haben wir zu knapp einer halben Million Spieler weltweit Daten und können sie objektiv einschätzen. Wir haben mit dem GSN-Index ein eigenes Rating-System, das uns zwei relativ einfache Werte ausgibt: den "aktuellen GSN-Index" und den "möglichen GSN-Index". Das Ganze auf einer Skala von 0 bis 100. Wir wollten es extra einfach gestalten, damit die Verantwortlichen in Fußballclubs relativ schnell einen Zugang dazu finden können. Wir ordnen jedem Spieler also zwei Zahlen zu, es sind aber 10.000 bis 12.000 einzelne Datenpunkte hinterlegt, aus dem die Index-Werte generiert werden. Am Ende sind wir so bei 25 bis 26 Milliarden einzelnen Datenpunkten, die uns die Spieler so einschätzen lassen.

Platt gefragt: Können Sie anhand der Daten in die Zukunft schauen?

Böttger: Mit Algorithmen und künstlicher Intelligenz können wir das bis zu einem gewissen Grad. Man muss aber dazusagen, dass der Algorithmus immer die bestmögliche Entwicklung berechnet. Kreuzbandrisse oder private Probleme, die vielleicht Einfluss auf die Leistung eines Spielers haben, können wir nicht vorhersagen. Passiert so etwas, wird das vom Algorithmus im Nachgang aufgenommen. Da müssen wir quasi immer wieder nachjustieren. Das ganze System ist angelehnt an die Broker- bzw. Finanzszene. Wenn neue Unternehmen an die Börse kommen, gibt es auch dort Algorithmen, die anhand von 400 bis 450 einzelnen Kategorien einschätzen, wo der Aktienkurs hingeht. Das haben wir adaptiert und auf Fußballer angelegt.

Gibt es weitere Schwächen außer der Unvorhersehbarkeit von Verletzungen?

Böttger: Was wir nur zum Teil abdecken können, sind Charakter-Eigenschaften und mentale Dinge. Da haben wir die Einschätzungen von Scouts, die sind aber nicht mit irgendwelchen Daten greifbar. Das ist noch absolut ausbaufähig.

Und was sagen Ihre Daten: Wer sind die Stars von morgen?

Böttger: Da kann man einige Namen nennen, aktuell aber vor allem Jamal Musiala vom FC Bayern München. Er ist mit 18 Jahren schon unfassbar weit und seinen Alterskollegen drei oder vier Schritte voraus. Musiala wird der kommende deutsche Superstar. Um das einzuschätzen, braucht man glaube ich aber keine Daten. Das geht wohl jedem so, der ihn spielen sieht. Ein anderer sehr interessanter Kandidat, den man vielleicht noch nicht unbedingt auf dem Schirm hat, wäre Luca Netz. Ein 18-jähriger Linksverteidiger, der gerade für zwei Millionen Euro von Hertha BSC zu Borussia Mönchengladbach gewechselt ist. Auf dieser Position gibt es wenige, die absolute Weltklasse sind. Die hat Netz noch nicht, aber er wird aller Wahrscheinlichkeit nach da hinkommen, weil er in seinem jungen Alter schon so viel mitbringt - sowohl taktisch als auch physisch. Das ist ein Kandidat, bei dem man sagen kann, dass er mit 24 oder 25 Jahren zur Weltklasse gehören, Nationalspieler sein und wahrscheinlich bei einem größeren Club als Gladbach spielen wird.

Was soll die Nutzung von Daten den Fußballclubs generell bringen?

Böttger: Erstmal geht es um eine sehr viel objektivere Einschätzung von Spielern. Wenn man Fußball schaut, hat man seine Favoriten und auch Spieler, die man irgendwie nicht so mag, was aber oft subjektive Gründe hat. Vielleicht ist es die Frisur, die Schuhfarbe oder der seltsame Torjubel. Und so etwas fließt letztendlich mit in unsere Spielerbewertung ein. Aber das ist das, was wir nicht haben wollen. Wir wollen eine objektive Bewertung, dementsprechend helfen uns die Daten hier sehr weiter. Zusätzlich kann man mit ihnen im Scouting Nischenmärkte abdecken. Gerade für Clubs, die nicht 30, 40 oder 50 Millionen Euro für Spieler ausgeben können. Man findet eben auch sehr talentierte Spieler in kleinen Märkten, die Clubs mit ihrer Scouting-Abteilung vielleicht gar nicht abdecken könnten, weil es viel zu kostspielig wäre. Da sind Daten ein wunderbarer Filter.

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Wie läuft das dann ab, wenn Clubs in der heißen Transferphase auf Ihre Dienste zurückgreifen? 

Böttger: Man glaubt es kaum, aber viele Clubs sind oft sehr schlecht vorbereitet auf die Transferfenster. Normalerweise würde man denken, alle haben Schattenkader und arbeiten die Kandidaten ab, die relevant sind. Es gibt auch Vereine, die so arbeiten, aber es ist tatsächlich die Minderheit. Es läuft eher so, dass Clubs kommen und sagen: "Wir haben ein Innenverteidigertalent aus Peru, von dem haben wir noch nie gehört. Was sagen eure Daten? Und das am besten innerhalb der nächsten 25 Minuten, weil wir vielleicht noch jemanden nach Peru zum Verhandeln schicken müssen." Da gibt es nichts, was es nicht gibt. Es ist oft so, dass Clubs für die falschen Spieler zu viel Geld ausgeben, oder auch für die richtigen. Das kann man anhand der Daten optimieren. Wir wollen die Scouting- und auch die Transferprozesse sehr viel effizienter und letztendlich auch kostengünstiger gestalten.

Wird der Faktor Mensch beim Scouting bald überflüssig sein?

Böttger: Nein, die Angst kann ich jedem nehmen. Bei Spielern haben wir immer noch Charaktereigenschaften, die eingeschätzt und definiert werden müssen. Ich bin der festen Überzeugung, dass es niemals einen Algorithmus oder eine künstliche Intelligenz geben wird, die das besser machen kann als der Mensch selbst. Deswegen wollen wir auch die Einschätzungen von Scouts in unserem Index drin haben.

Anhand von Daten werden nicht nur Spieler bewertet und gescoutet, sondern auch Spiele analysiert. Welchen Mehrwert können diese Analysen bieten?

Böttger: Ich nehme immer gerne das Beispiel des berühmten 7:1 der deutschen Nationalmannschaft gegen Brasilien bei der WM 2014. Die Brasilianer hatten mehr Ballbesitz, mehr Torschüsse und Kontakte im letzten Drittel, aber Deutschland hat gewonnen. Warum war das so? Das kann man anhand des "Expected Goals"-Modells wunderbar nachvollziehen: Ja, Deutschland hat in dem Spiel weniger Torschüsse abgegeben, aber sehr viel mehr qualitativ hochwertigere. Deswegen hat die DFB-Elf auch in dieser Höhe zu Recht gewonnen.

Was ist mit den Daten alles möglich, wie tief können sie gehen?

Böttger: In der Analyseszene sind zum Beispiel "Expected Goals" mehr oder weniger schon wieder ein alter Hut. Es gibt bereits Datenmodelle, die darauf aufbauen. Wir können da sehr viel mehr machen. Zum Beispiel berechnen, wie viele Schüsse ein Torhüter hätte halten müssen. Oder wie viele Pässe ein Spieler an den Mann gebracht hat, aber wie viele es eigentlich hätten sein müssen. Und dann gibt auch noch den sogenannten "Action Score". Hier interessiert uns nicht, ob ein Spieler 30, 40 oder 50 Pässe gespielt hat, sondern was resultiert aus seinen Aktionen und wie wertvoll sind sie für die Mannschaft. Oder auch wie negativ, weil sie vielleicht Konter auslösen. Einzelnen Aktionen so viel Kontext geben zu können, ist momentan das Nonplusultra.

Wohin geht die Reise mit den Fußballdaten?

Böttger: Der einzelne Fußballer wird noch gläserner werden, als er es jetzt schon ist. Wenn wir noch mehr, flächendeckendere Daten bekommen, kann man auch dem taktischen Verhalten einzelner Mannschaft noch mehr Kontext geben. Dann könnte man beispielsweise das optimale Verhalten der Viererkette berechnen, das der eigenen drüberlegen und schauen, wo die Abweichungen sind und was besser werden muss. Da wird auf jeden Fall noch einiges kommen in den nächsten Jahren.

Das Interview führte Matthias Heidrich.

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Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 31.10.2021 | 22:50 Uhr

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